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11.01.2005

08:37 Uhr

Faschistische Geste oder antiker Gruß? - Italien streitet über Fußballer Paolo Di Canio

„Ave Di Canio“

VonVincenzo Delle Donne (Handelsblatt)

Es sollte angeblich nur eine Geste des Jubels sein und ist doch weit mehr geworden: ein Politikum, das nicht nur im Fußball heftige Reaktionen ausgelöst hat.

ROM. Am Sonntag widmeten die Tifosi von Inter Mailand dem 35-Jährigen zwei Transparente. Das erste lautete: "Ave Di Canio, Mailand grüßt dich!", das zweite: "Ehre Di Canio". Und als auf der Anzeigetafel sein Ausgleichstreffer gegen den AC Florenz aufleuchtete, spendeten die Mailänder Fans tosenden Beifall. In Florenz, wo Lazio schließlich 3:2 gewann, grölten die Anhänger: "Duce, Duce!" Die Fiorentina-Tifosi antworteten: "Faschisten! Faschisten!

Lazios Präsident Claudio Lotito nahm seinen Spieler in Schutz: Mit seiner Geste des ausgestreckten rechten Arms habe Di Canio am Donnerstag kein politisches Signal setzen wollen. "Er ist kein Faschist. Er ist nur ein feuriger Spieler, der sein Tor bejubelt hat." Di Canio selbst gebärdete sich zahm: "Ich bin Fußballprofi, meine Freudenausbrüche haben absolut nichts mit Politik zu tun."

Zuvor hatte er sämtliche Schlagzeilen der Sportpresse beherrscht. Auch die Enkeltochter von Benito Mussolini meldete sich zu Wort. "Was für ein schöner Gruß! Er hat mich fasziniert. Ich werde ihm einen Dankesgruß schicken", schwelgte Alessandra Mussolini. Sie soll Di Canio sogar angeboten haben, für ihre Splitterpartei auf dem rechten Rand zu kandidieren.

Viele italienische Kommentatoren meinten, es habe sich bei Di Canios Gruß gar nicht um ein Zeichen der Faschisten gehandelt, sondern um den "römischen Gruß", ein altes Symbol der römischen Antike. Die vielen Kameras der staatlichen Fernsehanstalt RAI, aber auch der privaten TV-Kanäle hatten keine Bilder von dem Vorfall eingefangen. Allein Fotografen hatten Di Canio dokumentiert, wie er die gegnerischen Roma-Fans mit dem ausgestreckten Arm provozierte, auf dem die Tätowierung "Dux" (Lateinisch: Führer) prangt. Am Tage nach dem Derby hatte Di Canio mit einem Megafon zu den 5000 begeisterten Lazio-Fans gesprochen, ein lokaler Radiosender übertrug live. Di Canio beendete seine Rede dann mit den Worten: "Kraft und Ehre."

Mittlerweile sichtet die römische Antiterroreinheit das gesamte Videomaterial vom Derby - wegen des Verdachts der Verherrlichung des Faschismus, was in Italien ein Straftatbestand ist. Der italienische Fußball-Verband hat ebenfalls eine Untersuchung eingeleitet, der europäische Fußball-Verband Uefa drängt auf eine schnelle Klärung des Falls.

Seit einigen Jahren sei in Italien eine schleichende Revision des Faschismus zu beobachten, sagt der Turiner Historiker Nicola Tranfaglia. Tatsächlich ist das Grab von Benito Mussolini in Predappio zu einer Pilgerstätte von alten und jungen glühenden Anhängern des Begründers der faschistischen Partei geworden. Dass der italienische Faschismus mittlerweile eine andere Wertung erfahren hat, belegt auch die Ernennung von Gianfranco Fini zum Außenminister. Lange Zeit hatte sich Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi gewehrt, den Führer der früheren neofaschistischen Partei "Movimento Sociale" zum Außenminister zu ernennen. Nach der Umbenennung seiner Partei in "Alleanza Nazionale" wurde erst die Partei regierungsfähig und nun sogar ihr Parteiführer. Di Canio, meinen Kritiker, dokumentiere nur das, was politisch längst akzeptierte Realität sei.

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