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31.01.2005

06:58 Uhr

FDP-Parteivize Brüderle: Staatliches Monopol ist unzeitgemäß

Sportwetten-Branche vor dem Wandel

VonM. Scheerer (D. Creutzburg und T. Knüwer, Handelsblatt)

Ist das Monopol von Oddset, der Sportwetten-Tochter der staatlichen Lotteriegesellschaften, noch zu halten? FDP-Partei - und Fraktionsvize Rainer Brüderle glaubt das nicht - und fordert eine Öffnung des Marktes für private Anbieter: "Dass der Staat in Eigenregie Lotterien durchführt, erscheint nicht mehr zeitgemäß".

BRÜSSEL/ BERLIN/DÜSSELDORF. Nach dem Skandal um manipulierte Spiele durch den Schiedsrichter Robert Hoyzer rückt die Sportwetten-Branche selbst zunehmend in den Fokus von Öffentlichkeit und Politik. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck mahnte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" strengere Maßnahmen gegen illegale Wettanbieter an. Einen entsprechenden Auftrag hätten die Ministerpräsidenten der Bundesländer den Innenministern erteilt.

Die rechtliche Lage dürfte sich noch im Frühsommer dieses Jahres drastisch ändern: Das Bundesverfassungsgericht (BVG) hat zu einer ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen und das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster aufgefordert, Verfahren wegen illegaler Vermittlung von Sportwetten zu stoppen. Dies geht aus einem Brief an die zuständigen Behörden in Nordrhein-Westfalen hervor, der dem Handelsblatt vorliegt. Die Karlsruher Richter wollen selbst die Rechtslage umfassend klären.

Derzeit sind in Deutschland 300 bis 400 Zivil- und Strafverfahren in diesem Bereich anhängig - Tendenz steigend. Das OVG Münster galt bislang als besonders restriktiv. Die dort ergangenen Urteile gingen allesamt zu Gunsten des staatlichen Monopols aus. Bundesweit lassen die bisherigen Urteile allerdings keine eindeutige Tendenz pro oder contra Wettmonopol erkennen - obwohl es mit dem "Gambelli-Urteil" eine Vorgabe des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) gibt. Danach halten es die Europa-Richter nicht für statthaft, dass einem staatlichen Monopolisten der Markt frei gehalten wird, wenn dieser gleichzeitig die Bürger ermuntert, an Glücksspielen teilzunehmen. Private Wettanbieter kritisieren, dass einige deutsche Gerichte das Gambelli-Urteil scheinbar ignorierten.

Die rechtliche Lage für Sportwettenanbieter in Deutschland ist schwierig. Theoretisch gibt es ein staatliches Monopol, das besetzt wird von Oddset, einer Tochter der Lotterie-Gesellschaften. Trotzdem gibt es vier private Konkurrenten: Sie besitzen Lizenzen aus Zeiten der DDR, die bei der Wiedervereinigung übernommen wurden.

Oddset hielt sich bisher zu Gute, harte Zocker abzuhalten, da der Schwerpunkt des Angebotes auf Kombinationswetten liegt. Bei diesen Wetten müssen mindestens drei Spiele getippt werden, alle Tipps müssen richtig sein. Bei den privaten Anbietern hingegen sind alle Arten von Wetten möglich, es gibt sogar Live-Angebote, deren Quoten während laufender Sportereignisse angepasst werden. Da kann man dann zum Beispiel auch auf die nächste Auswechslung spekulieren. Dies, kritisiert Oddset, fördere die Spielleidenschaft. Die privaten Anbieter betonen hingegen, dass bei solchen Offerten nur kleine Beträge gesetzt würden.

Branchenkenner befürchten ohnehin, dass hart gesottene Spieler über das Internet hohe Beträge bei Anbietern außerhalb Europas platzieren. Eine Kontrolle scheint hier unmöglich. Wetten zu solchen Anbietern vermitteln in Deutschland auch Wettbüros, deren rechtliche Lage von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich beurteilt wird.

Solche "Internetspiele, die aus dem Ausland angeboten werden, lassen sich nicht verhindern", sagt FDP-Mann Brüderle: "Nicht zuletzt der Schiedsrichterskandal zeigt, dass Glückspiele einen strikten Rechtsrahmen brauchen." Daran will das BVG anscheinend arbeiten.

Sportwetten in Deutschland- so läuft?s

Der Markt: Wie viel in Deutschland für Sportwetten ausgegeben wird, ist nicht genau bekannt. Geschätzt wird der Markt auf mindestens eine Milliarde Euro.
Oddset: Das Wettangebot der staatlichen Lotteriegesellschaften ist der Marktführer mit rund einer halben Mrd. Euro Umsatz.
Buchmacher: Die klassischen Buchmacherbüros dürfen bisher nur Pferdewetten annehmen.
DDR-Lizenzen: Sportwetten Gera, Betandwin, Digibet und Interwetten operieren mit Lizenzen aus DDR-Zeiten, die beim Einigungsvertrag übernommen wurden.
Wettvermittler: Umstritten ist die rechtliche Lage von Wettbüros, die Wetten zu Anbietern im Ausland vermitteln.
Internet: Im Internet können Wetten jeder Art bei Anbietern platziert werden, die in Deutschland nicht zugelassen sind.

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