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03.04.2016

17:57 Uhr

Großbritannien

Arzt soll 150 Top-Sportlern beim Doping geholfen haben

Ein Doping-Skandal erschüttert Großbritannien: Ein Arzt soll 150 Top-Athleten mit Doping-Mitteln versorgt haben. Darunter Fußball-Profis von Erstliga-Klubs sowie Teilnehmer der Tour de France, Boxer und Tennisspieler.

„Auch einem ganz Großen habe ich Epo, Testosteron und Wachstumshormone gegeben.“ dpa

Doping in Großbritannien

„Auch einem ganz Großen habe ich Epo, Testosteron und Wachstumshormone gegeben.“

KölnFünf Monate vor den Olympischen Spielen und der Fußball-EM im Juni wird Großbritannien von einem Doping-Skandal erschüttert. Nach Recherchen des WDR und der englischen Zeitung „Sunday Times“ soll der Londoner Gynäkologe Mark Bonar in den vergangenen sechs Jahren rund 150 Top-Athleten mit Doping-Mitteln versorgt haben. Darunter seien Fußball-Profis des FC Arsenal, des FC Chelsea und von Erstliga-Tabellenführer Leicester City sowie Teilnehmer der Tour de France, Boxer und Tennisspieler.

In der WDR-Dokumentation, die am Sonntagabend in der ARD-„Sportschau“ (18.00 Uhr) gezeigt wird, berichtete der Arzt einem eingesetzten Lockvogel vor versteckter TV-Kamera, über sein umfangreiches, geheimes Doping-Geschäft. „Natürlich sind einige der Behandlungen, die ich mache, im Profisport verboten“, sagte Bonar laut einer WDR-Mitteilung. „Aber ich habe das schon mit vielen Sportlern gemacht. Jahrelang. So ziemlich aus jedem Sport.“

Die drei Premier-League Clubs wiesen die Doping-Vorwürfe zurück. „Die Anschuldigungen sind falsch und entbehren jeder Grundlage“, hieß es in einer Mitteilung des FC Chelsea. Der Verein habe niemals die Dienste von Bonar in Anspruch genommen und auch keine Kenntnis davon, dass Chelsea-Spieler von ihm behandelt worden seien. Der FC Arsenal, Verein von Nationalspieler Mesut Özil und Per Mertesacker, teilte mit, dass man sich vollständig an die Anti-Doping-Regeln halte.

Doping im Fußball: Die prominenten Fälle

Pep Guardiola

Der jetzige Trainer des deutschen Rekordmeisters FC Bayern hat eine Doping-Vergangenheit. Nach seinem Wechsel als Spieler des FC Barcelona zum italienischen Brescia Calcio wurden 2001 in Pep Guardiolas Körper nach zwei Ligaspielen im Oktober und November Spuren von Nandrolon gefunden – ein anaboles Steroid.

Frank de Boer

Von 1999 bis 2001 waren Frank de Boer und Pep Guardiola Mannschaftskollegen beim FC Barcelona. Auch in de Boers Blut wurden 2001 Spuren des anabolen Steroids Nandrolon gefunden. Zunächst sperrte ihn die UEFA für ein Jahr. Die Sperre wurde später jedoch auf zweieinhalb Monate verkürzt.

Fabien Barthez

Der ehemalige französische Nationaltorwart Fabien Barthez fiel im Oktober 1995 bei einer Doping-Kontrolle auf. Die Kontrolleure wiesen Barthez den Konsum vom Haschisch nach. Im Anschluss wurde er vom französischen Fußballverband für vier Monate gesperrt.

Edgar Davids

2001 wurde auch Edgar Davids der Gebrauch von Nandrolon nachgewiesen.

Diego Maradona

Im Alter von 34 Jahren wollte es Diego Maradona noch einmal wissen. Für die argentinische Nationalmannschaft lief er bei den Weltmeisterschaften 1994 auf. Allerdings war nach dem Spiel gegen Griechenland, bei dem Maradona einen Treffe erzielt für die „Hand Gottes“ Schluss. Im Blut des Fußballspielers wurde die verbotene Substanz Ephedrin nachgewiesen.

Deco

Sein Stern ging auf, als er mit dem FC Porto 2004 die Champions League gewonnen hat und er ging unter als er 2013 des Dopings überführt wurde. Zum Ende seiner Karriere kehrte Deco nach Brasilien zurück zum Fulminense FC. Am 30. März 2013 fand man die verbotene Substanz Furosemid in seinem Blut, dass dafür genutzt wird, Dopingmittel zu verschleiern. Im Anschluss an den positiven Doping-Test wurde Deco lediglich für 30 Tage gesperrt. Am 26. August beendete der Brasilianer seine Fußballkarriere.

Dario Rodriguez

Von 2002 bis 2008 spielte Dario Rodriguez für den FC Schalke 04. Danach wechselte er zu seinem Heimatverein Club Atletico Penarol. Im September 2013 wurde Rodriguez für zwei Monate gesperrt. Der Uruguayer hatte zur Schmerzbehandlung auf eine unerlaubte Menge von Corticoiden zurückgegriffen.

Jaap Stam

Jaap Stam 2001 wurde einen Monat vor Pep Guardiola des Dopings überführt. Auch Stam konnte die Nutzung des anabolen Steroids Nandrolon nachgewiesen werden. Die Fifa sperrte den Niederländer daraufhin für fünf Monate und verhängte eine Strafe von 50.000 Euro.

Kolo Toure

Von 2009 bis 2013 spielte der jetzige Liverpooler Kolo Toure für Manchester City. 2011 wurde der Ivorer für sechs Monate gesperrt und musste eine Strafe von 740.000 Pfund bezahlen, nachdem ein verdächtiger Doping-Test aufgetaucht ist. Mit welche Substanz sein Blut manipuliert war, wurde nicht bekanntgegeben. Es lediglich die Rede von einer „verbotenen Substanz“. Toure führte den verdächtigen Befund auf die Einnahme von Diätpillen seiner Ehefrau zurück. Sein Verein sah darin kein absichtliche Leistungssteigerung. Sein ehemaliger Coach Arsene Wenger nahm Toure nach Bekanntgabe des Dopingbefunds in Schutz. „Er will sein Gewicht kontrollieren, denn damit hat er ein paar Probleme. Deshalb hat er Diätpillen seiner Frau eingenommen. Vertraue niemals deiner Frau!“

Roland Wohlfahrt

Der ehemalige deutsche Nationalspieler Roland Wohlfahrt gilt als erster Doping-Fall in der Bundesliga. Während seiner Zeit beim VfL Bochum wurde Wohlfahrt der Gebrauch des Appetitzüglers Recatol (Wirkstoff: Norephedrin) nachgewiesen. Daraufhin wurde er für zwei Monate gesperrt.

Juventus Turin

Für den wohl größten Doping-Skandal im Fußball hat Juventus Turin gesorgt. Beschlagnahmte Dokumente des italienischen Rekordmeisters belegen, dass Mitte der 90er-Jahre bei Juventus Turin systematisch mit Epo gedopt wurde. Laut den Wissenschaftlern Guiseppe d'Onofrio und Alessandro Donati wurden unter anderem bei den Spielern Didier Deschamps, Alessandro Del Piero, Fabrizio Ravanelli und Paulo Sousa starke Schwankungen beim Hämatokritwert festgestellt, was ein Indiz für Epo-Doping ist. Beim französischen Nationalspieler Didier Deschamps lag der Hämatokritwert laut der „Süddeutschen Zeitung“ bei 51,9 Prozent. Zum Vergleich: Während der Epo-Hochphase im Radsport lag der Hämatokritgrenzwert bei 50 Prozent. Ein sicherer Doping-Nachweis ist allerdings nicht mehr möglich. Die verdächtigen Proben wurden mittlerweile zerstört.

Deutsche Nationalmannschaft 1954

Das „Wunder von Bern“ ist laut einer Studie des Bundesinstituts für Sportwissenschaft nicht mit legalen Mittel zustandegekommmen. Laut dem Sporthistoriker Erik Eggers wurden die Spieler damals mit dem Aufputschmittel Pervitin behandelt. Die Stimulanz wurden Soldaten während des Zweiten Weltkriegs verabreicht. Besonders tragisch sind die Auswirkungen der Verabreichung dieses Mittels. Da es damals keine Einwegspritzen gab, wurden den Spielern das Mittel mit ein- und derselben Spritze verabreicht. Nachuntersuchungen ergaben bei den Spielern Leberschädigungen. Richard Herrmann erkrannte zunächst an Hepatitis C und starb 1962 an Leberzirrhose.

Dagegen behauptet Bonar, dass er mit englischen und auch Spielern aus dem Ausland zu tun gehabt habe. „Auch mit einem ganz Großen, dem habe ich Epo, Testosteron und Wachstumshormone gegeben“, sagte der Arzt. „Fußballer werden ja sowieso kaum getestet. Und ältere Spieler über 30 müssen was machen, die können mit den jungen Spielern um die 18 sonst doch gar nicht mithalten.“

Der designierte Chef der Welt-Antidoping-Agentur (WADA), Olivier Niggli, reagierte auf die ihm vorab gezeigte TV-Doku bestürzt. „Es ist sehr beängstigend für mich zu sehen, wie ein Mediziner ein solches Verhalten an den Tag legt“, sagte er.

Pikant ist zudem, dass die britische Anti-Doping-Agentur (UKAD) im Auftrag der WADA nach Aufdeckung des flächendeckenden Dopings in Russland die Planung der Tests russischer Athleten übernommen hat. Denn die UKAD steht nun im Fall Bonar selbst unter Druck.

Laut WDR-Angaben soll sich nämlich ein selbst des Dopings überführter Sportler als Whistleblower vor länger Zeit an die britische Agentur gewandt haben und Beweise für die Doping-Umtriebe Bonars vorgelegt haben. Die UKAD habe dem Informanten aber Anfang 2015 mitgeteilt, keine Grundlage für Ermittlungen gegen den Arzt zu sehen.

Der britische Kulturminister John Whittingdale zeigte sich angesichts der Enthüllungen „geschockt und zutiefst besorgt“. Er ordnete eine Untersuchung der Vorwürfe gegen UKAD an. Entsetzt reagierte Siebenkampf-Olympiasiegerin Jennifer Ennis-Hill: „Der Fall zeigt, dass der britische Sport ein größeres Doping-Problem hat, als sich viele von uns vorgestellt haben.“

Die britische Anti-Doping-Agentur erklärte in einer Stellungnahme, dass die von dem Athleten vorgelegten Beweise für ein verbotenes Handeln von Bonar nicht ausreichend gewesen seien. „UKAD erhielt im Oktober 2014 handgeschriebene Rezepte des Sportlers. Er behauptete, dass sie von Dr. Bonar ausgestellt seien“, hieß es in der Mitteilung. Nach einer Prüfung durch einen unabhängigen Sachverständigen sei man jedoch zum Urteil gelangt, den Fall nicht weiter zu verfolgen.

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dpa

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