Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.11.2015

21:20 Uhr

Hamburg-Votum – ein Kommentar

Es sind die Kosten

VonChristoph Kapalschinski

Die Pro-Olympia-Kampagne hat eigentlich alles richtig gemacht, doch die Abstimmung um die Hamburger Bewerbung wurde für die Befürworter trotzdem zum Debakel. Der Grund liegt auf der Hand. Ein Kommentar.

Zwei Fahnen mit dem Hamburger Wappen und mit den Olympischen Ringen sind am 25.11.2015 auf dem Rathausmarkt in Hamburg zu sehen. Die Hamburgische Bürgerschaft debattiert in ihrer letzten Sitzung vor dem Olympiareferendum am Mittwoch unter anderem über die Olympia-Bewerbung der Hansestadt. Foto: Bodo Marks/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ dpa

Olympia-Fahne in Hamburg

Zwei Fahnen mit dem Hamburger Wappen und mit den Olympischen Ringen sind am 25.11.2015 auf dem Rathausmarkt in Hamburg zu sehen. Die Hamburgische Bürgerschaft debattiert in ihrer letzten Sitzung vor dem Olympiareferendum am Mittwoch unter anderem über die Olympia-Bewerbung der Hansestadt. Foto: Bodo Marks/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

HamburgEigentlich hatten sie eine bis zum Sommer eine fulminante Ja-Stimmung erwartet. Doch die Hamburger Bürger stoppen die Bewerbung ihrer Stadt um Sommerspiele 2024.

Und das liegt nicht an Flüchtlingen, dem DFB-Skandal oder Paris. Der Stimmungsumschwung lässt sich auf den 8. Oktober datieren. Damals legte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) seinen Finanzreport vor. Und der kam auf Kosten von 7,4 Milliarden Euro für den Steuerzahler – deutlich mehr als ursprünglich gedacht. Schon bei der Pressekonferenz im Rathaus sorgte das im Oktober für ungläubige Minen.

Der Bund weigerte sich prompt, den für ihn vorgesehenen Zuschuss von 6,2 Milliarden Euro freizugeben. Die Entscheidung sollte auf das kommende Jahr vertagt werden. Denn eigentlich wollte der Bund höchstens zwei Drittel zugeben – doch da rechnete man noch mit etwa der Hälfte der Kosten. Scholz hingegen rechnete die Kosten großzügig – samt Inflationsreserve und Risikopuffer. Das sollte Olympia von Projekten wie der Elbphilharmonie und den Flughafen BER absetzen – und frühzeitig Geld aus Berlin sichern.

Der Autor ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte. Pablo Castagnola

Christoph Kapalschinski

Der Autor ist Redakteur im Ressort Unternehmen & Märkte.

Das belastete die Diskussion um Olympia in Hamburg – obwohl es eine breite Koalition aus SPD, CDU, Grünen und FDP in der Hamburgischen Bürgerschaft pro Olympia gab. Es tat sich eine wachsende Lücke auf zwischen der Politik und den Bürgern. Dabei waren die Gegner kaum organisiert.

Die Pro-Kampagne machte eigentlich alles richtig, band viele Interessengruppen ein, weckte Emotionen mit großen Veranstaltungen, überzeugte in kleinen Diskussionen. Nur die enormen Kosten für das Sportfest ließen sich nicht wegdiskutieren. Das Geld, mit der die Politik große Räder mit dem Umbau einer ganzen Elbinsel drehen wollte, wollen die Steuerzahlen lieber sparen.

Das zeigt auch die letzte Forsa-Umfrage im Auftrage des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Die Bürger störten sich kaum an Korruption oder meinten, das Geld sollte lieber an Flüchtlinge gehen. Nein, die hohen Kosten als solche nannten die meisten als Ablehnungsgrund.

Aus für Hamburg 2024: „Tiefschlag für den Sport“

Aus für Hamburg 2024

„Tiefschlag für den Sport“

Hamburg wird sich nicht um die Austragung der Olympischen Spiele 2024 bewerben. Bürgermeister Olaf Scholz muss sich eine Niederlage eingestehen. Der SPD-Politiker hatte hoch gepokert – und viele Bürger verschreckt.

Auch schon bei Stuttgart 21 oder dem Flughafen BER zeigt sich: Die Politik ist versessener auf milliardenschwere Großprojekte die Bürger. Für die Zukunft heißt das: Für das Megaprojekt Olympia in Deutschland wird es schwierig. „Offenbar passen der Olympische Gedanke und Deutschland derzeit nicht zusammen“, sagte Sportfunktionär Alfons Hörmann am Sonntagabend.

Doch es ist nicht der Geist der Spiele, sondern die regelmäßige Kostenorgie, die die Bürger abschreckt. Nach der Ablehnung in erst in München und jetzt auch in Hamburg – trotz besserer Kampagne – ist kaum denkbar, dass für 2028 Berlin ins Rennen geht. Und das ist aus Sicht der Steuerzahler auch gut so.

Vorbild ist jetzt Los Angeles: Die Stadt will ohne Steuermittel auskommen bei Olympia 2024. Das wäre ein gutes Signal an die Welt.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Sergio Puntila

30.11.2015, 08:30 Uhr

Auch gegen ein anständiges Konzerthaus zB gibt es wenig einzuwenden: wenn jedoch aus ursprünglich veranschlagten Kosten von 77 Millionen Euro im Eröffnungspoker 114 Millionen Euro werden, die zur Schlussabrechnung von bislang 789 Millionen Euro führen sollen, dann kann von einem "Schlag gegen den Sport" , der heute gern skandiert wird, kaum die Rede sein.
Eher jedoch wird man davon ausgehen können, dass man sich auch in Hamburg ungern kobern lässt. Der 8e Oktober konnte da nur unschöne Erinnerungen wecken.
Ganz abgesehen davon, dass man sich auch heute noch in Hamburg von noch so billig aufgemachtem Protz nicht blenden läßt.

Herr Wolfgang Wüst

30.11.2015, 08:31 Uhr

Ich glaube nicht, dass es nur der Vorbehalt gegen die Finanzplanung war, der die Hamburger Bürgerschaft zu diesem NEIN gebracht hat. Auch der Kauf der Fußballweltmeisterschaft 2006 hat den Sport insgesamt diskreditiert. Für mich ist es dabei weniger entscheidend, dass der DFB die Spiele gekauft hat, als vielmehr, dass die Spiele überhaupt nur durch Kauf nach Deutschland kommen konnten.

Natürlich spielt auch die Erfahrung mit HH-Finanzgebaren, z.B. bei der Elbphilharmonie, eine große Rolle sowie der Terror in Frankreich und natürlich die erwarteten Einschränkungen für den Einzelnen. Gigantomanie wird in Deutschland immer schwieriger an den Mann und an die Frau zu bringen sein. Eigentlich gut so, auch wenn manche Chancen dabei auf der Strecke bleiben.

Account gelöscht!

30.11.2015, 08:31 Uhr

Das eigentlich Bemerkenswerte und in meinen Augen höchst Erfreuliche an dem Hamburger Ergebnis ist, daß die Bürger in Deutschland offenbar allmählich beginnen, sich von der Bevormundung durch die vereinigte Herrscherschicht der Altparteien, Interessenverbände und eingebetteten Medien zu emanzipieren.

Eine breit angelegte Kampagne, an der alle Meinungspäpste aus den besagten Gruppen beteiligt waren, in deren Verlauf die Ja-Botschaft von allen Seiten auf die Bürger eingeprasselt ist, hat sich letztlich als wirkungslos erwiesen.

Die Bürger unseres Landes lassen sich offenbar nicht länger bevormunden. Alle Politiker, Medienmacher und Meinungspäpste in den Verbänden sollten dies als Alarmsignal verstehen. Und sie sollten beginnen, sich zu fragen, für wen sie eigentlich schreiben und Meinungsbildung betreiben wollen, für die etablierten Parteien oder für die Bürger dieses Landes.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×