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15.01.2015

20:18 Uhr

Katar und der Fußball

Bezahlte Sportbegeisterung in der Wüste

Katar erhält den Zuschlag für ein sportliches Großereignis nach dem anderen – auch wegen der angeblich so großen Begeisterung der Einheimischen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein völlig anderes Bild.

Verrückt nach Sport – oder gekauft? Fans der Fußball-Nationalmannschaft von Katar jubeln ihrer Mannschaft zu. dpa

Verrückt nach Sport – oder gekauft? Fans der Fußball-Nationalmannschaft von Katar jubeln ihrer Mannschaft zu.

DohaEinige Männer ziehen sich gegenseitig in den Bus, er ist schnell komplett voll. Andere zwängen sich durch die Fenster, nutzen dabei die großen Reifen als Halt und hinterlassen Schuhabdrücke auf dem weißen Fahrzeug.

Es sind keine Flüchtlinge, die sich vor einem Krieg oder einer Katastrophe in Sicherheit bringen. Es sind Gastarbeiter in Katar, dem Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Ihr Job: sich als begeisterte Sportfans ausgeben. Ihr Lohn: ein paar lächerliche Dollar in einem der reichsten Länder der Welt.

Die Katarer prahlen damit, dass sie verrückt nach Sport sind. Der regierende Emir des öl- und gasreichen Golfstaates ist so wild auf Fußball, dass er den Vorzeigeclub Paris Saint-Germain gekauft und mit viel Geld zum führenden Verein Frankreichs gemacht hat.

Fußballweltmeisterschaft in Katar

Katar

Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf wird als absolute Monarchie regiert. Der Staat liegt auf einer Halbinsel und grenzt im Süden an Saudi-Arabien. Das Staatsgebiet schließt einige Inseln ein.

Hauptstadt

Katars Hauptstadt ist mit 521 283 Einwohnern Doha. Die Stadt beherbergt den Internationalen Flughafen Doha, sowie wichtige Teile der Öl- und Fischereiindustrie. Mit der „Education City“ ist die Stadt ebenso ein attraktives Gebiet in Katar für Forschung und Bildung.

Geographie und Klima

Das überwiegend flache Land ist von Salzsümpfen, Geröll- und Kieswüste geprägt. Das Grundwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, weshalb Trinkwasser in Meerwasserentsalzungs-Anlagen gewonnen wird.

Mit dem geringen Jahresniederschlag von unter 100 mm gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde. Das Klima ist ganzjährig schwül, subtropisch und heiß. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %. Im Sommer sind Temperaturen von 45 °C keine Seltenheit, im Winter sinken sie auf durchschnittlich 17 °C.

Bevölkerung

Die arabische Bevölkerung mit katarischer Staatsangehörigkeit beträgt nur rund 250.000 Menschen. Etwa 80 % der 1, 7 Millionen Einwohner Katars sind Migranten. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund herrschen Schiiten vor. Zudem gibt es einen beträchtlichen Anteil an Hindus und 70.000 Christen in Katar. Die Amtssprache ist arabisch, Handelssprachen sind Persisch und Englisch.

Infrastruktur

In Doha sind sechs Stadien geplant, sechs weitere verteilen sich auf Städte in der näheren Umgebung. Damit die einzelnen Sportanlagen gut erreichbar sind, werden alle an das im Bau befindliche Stadtbahnsystem angeschlossen. Das Investitionsvolumen für die zwölf Spielstätten wird auf etwa 2,87 Milliarden bis 4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Nationalteam

Die Katarer Nationalmannschaft bestritt 1970 ihr erstes internationales Länderspiel während des Golfpokal-Turniers gegen Bahrain. Derzeit rangiert die Mannschaft auf der Fifa-Weltrangliste auf dem 96. Platz. An der letzten WM hat Katar nicht teilgenommen, ist nun aber als Gastgeber automatisch qualifiziert.

Kritik an der Vergabe

Die Kritik, das Land weise keine fußballerische Tradition vor, rechtfertigte die Fifa mit der Erklärung, man wolle neue Wege gehen.

Ein weiterer, eher praktischer Einwand gegen die Vergabe waren die hohen Temperaturen in dem Land. Aufgrund von fast 50 Grad Celsius im Sommer müssten die Stadien klimatisiert werden. Daraufhin regte Franz Beckenbauer eine Verlegung der Fußball-WM in den Winter an.

Eine weitere, viel grundsätzlichere Kritik ist, dass bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivausschusses im Vorfeld schon Katar-Stimmen gekauft wurden.

Winter-WM

Wegen der Hitze im Sommer überlegt die Fifa nun, die WM im Winter, also kurz vor Weihnachten auszurichten. Das würde den Spielplan der großen Ligen über den Haufen werfen.

Seine Mutter schwärmte bei einem Besuch einer Delegation des Weltfußballverbandes Fifa: „Für uns ist Fußball nicht nur ein einfaches Spiel oder ein Sport unter vielen. Es ist DER Sport.“

Und bei der erfolgreichen Bewerbung um die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2019 tönte Katars Präsentatorin Aphrodite Moschudi: „Katar hat eine wahre Leidenschaft für Sport. Alles in unserem Land dreht sich um Sport.“

Oder auch: Wenn die Leidenschaft fehlt, dann dreht sich alles ums Geld. Dann werden nämlich die Sportarenen mit Gastarbeitern gefüllt, die für ihre Anwesenheit bezahlt werden. Für 30 Katar-Rial, umgerechnet etwa 6,60 Euro. Dafür bekommt man nicht einmal ein Bier in einem der Luxus-Hotels in der Hauptstadt Doha.

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