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19.01.2005

13:43 Uhr

Kein Alibi für ihn in Mönchengladbach

Nach Spielerkäufen wächst der Druck auf Advocaat

VonM. Rechenmacher (Handelsblatt)

Lange hat kein Bundesligatrainer so unverblümt ausgesprochen, wie wenig er von manchen der ihm anvertrauten Fußballspieler hält. Schon kurz nach seinem Dienstantritt als Nachfolger Holger Fachs sprach Dick Advocaat einigen Profis von Borussia Mönchengladbach die Klasse ab, seinen Ansprüchen zu genügen.

HB MÖNCHENGLADBACH. Sie seien gut beraten, sich einen anderen Verein zu suchen. Der Niederländer schickte Sportdirektor Christian Hochstätter auf Shoppingtour über die Fußballplätze Europas. So sicherte sich der mit fünf Meistertiteln dekorierte Traditionsklub, zur Halbzeit nur drei Punkte von einem Abstiegsplatz entfernt, in der Winterpause den Titel des Einkaufsmeisters.

Die Borussia verpflichtete fünf Spieler: Jörg Böhme (vormals Schalke 04), Bernd Thijs (Trabzonspor), Craig Moore (Glasgow Rangers), Wesley Sonck (Ajax Amsterdam) und den US-Nationaltorhüter Kasey Keller (FC Southampton). Für seine Verhältnisse wirkt der strenge Herr Advocaat nun geradezu begeistert. Seine Mannschaft spiele um "hundert Prozent besser" als vor der Winterpause, sagte er nach dem Trainingslager in Marbella. Als sechster Zugang wird der Belgier Filip Daems vom türkischen Erstligaklub Genclerbirligi gehandelt. Er könnte auf der linken Abwehrseite den verletzten Kapitän Christian Ziege ersetzen.

Rund um den neuen Borussia-Park heißt es, Advocaat habe alle sportliche Gewalt an sich gerissen. Hochstätter, lange ein zuweilen undurchschaubarer Strippenzieher, wirkt nur noch wie ein ausführendes Organ. Advocaat, bei der EM 2004 noch holländischer Nationaltrainer, jedenfalls weiß seine Vorstellung von der Zusammenarbeit mit dem Sportdirektor genau zu umreißen. "Ich sage ihm, wen ich brauche. Wenn einer kommt, den ich nicht will, dann gehe ich."

Mit der Umstellung des Systems von 3-5-2 auf 4-3-3 ist es nicht getan. Advocaat will die Mentalität einer bisher brav vor sich hinkickenden Elf grundlegend ändern. "Wir haben Spieler gesucht, die ein anderes Temperament haben, es waren zu viele gleiche Typen im Kader." Für einen Mittelklasseklub wie die Borussia sind die Personalentscheidungen Advocaats eine teure Angelegenheit. Sonck soll mehr als zwei Millionen Euro Ablöse gekostet haben.

Dennoch sieht Advocaat sich in der Rolle des Schnäppchenjägers. Vor Saisonbeginn seien Spieler dieser Klasse für einen Verein wie Gladbach "nicht zu bezahlen". Bei der Borussia bestimmt der Trainer, wer wieviel wert ist oder wird - auch wenn Vereinspräsident Rolf Königs behauptet, der Trainer unternehme "keine Alleingänge" und habe durchaus "nicht immer völlig freie Hand". Dennoch übernimmt Advocaat fortan die volle Verantwortung. Wenn er mit den neuen Spielern nicht zurechtkommen sollte, sei es nicht Hochstätters Schuld, sagt er. "Es ist allein meine Verantwortung." Offenkundig hat bei Borussia Mönchengladbach fürs erste jeder ein Alibi - nur der Trainer nicht.

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