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23.07.2017

14:05 Uhr

Kommentar zur Tour de France

Das Vertrauen ist erschüttert

VonRoman Tyborski

Christopher Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France. Das Sky-Team hat wieder einmal die Tour dominiert. Doch der Sieg der Briten stimmt nachdenklich und strapaziert das Vertrauen in einen sauberen Radsport.

Der Brite hat die Tour de France 2017 gewonnen, doch sein Erfolg stimmt skeptisch. dpa

Christopher Froome

Der Brite hat die Tour de France 2017 gewonnen, doch sein Erfolg stimmt skeptisch.

Es ist eine seltsame Stimmungslage im Fußballstadion von Marseille. Romain Bardet kommt mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Stadion, wo sich der Start und das Ziel des letzten Zeitfahrens der diesjährigen Tour de France befindet. Die Fans versuchen ihren französischen Radsporthelden mit aufbrandendem Jubel ins Ziel zu tragen. Es geht um das Podium des größten Radrennens der Welt. Der Jubel wirkt. Bardet rettet sich ins Ziel und wird in der Gesamtwertung der Tour de France am Ende Dritter. Doch in den Jubel mischt sich ein gellendes Pfeifkonzert. Denn der zwei Minuten hinter Bardet gestartete Christopher Froome vom britischen Sky-Team hat einmal mehr eine unfassbare Leistungen an den Tag gelegt und Bardet im 22,5 Kilometer kurzen Zeitfahren fast eingeholt. Eine unmögliche Leistung?

Romain Bardet und Christopher Froome haben sich in den Bergen duelliert. Der Franzose ist ein ebenbürtiger Gegner in den Pyrenäen und in den Alpen gewesen. Keinen der mittlerweile vier Tour-Siege hat Froome mit einem so kleinen Zeitunterschied gewonnen. Bardet und Froome sind Bergspezialisten, weil sie wenig Körpermasse besitzen. Ihre ausgemagerten Körper sind leicht. Das ist perfekt für einen Bergfahrer, aber eigentlich schlecht für die Zeitfahrdisziplin. Doch während Bardet ein für einen Bergfahrer „normales“ Zeitfahren auf dem Asphalt hingelegt, konkurriert Froome auf einem Niveau mit Zeitfahrspezialisten wie dem Polen Maciej Bodnar aus dem deutschen Bora-Hansgrohe-Team und dem deutschen Zeitfahrweltmeister Tony Martin.

Das ABC zur Tour de France 2017 (1)

A - Auftakt

Zum vierten Mal beginnt die Tour in Deutschland. Vor Düsseldorf hatten Köln (1965), Frankfurt (1980) und Berlin (1987) den Start ausgetragen.

B - Bergetappen

5 der 21 Etappen finden im Hochgebirge statt. Dazu zählen die Bergankünfte in La Planche des Belles Filles, Peyragudes und am Col d'Izoard.

C - Combatif du Jour

Der kämpferischste Fahrer wird jeden Tag geehrt und darf am nächsten Tag eine rote Startnummer tragen.

D - Dauerbrenner

Der Australier Adam Hansen steht bereits vor seiner 25. großen Rundfahrt (Giro d'Italia, Tour und Vuelta).

E - Einzelzeitfahren

Ein 14 Kilometer langer Kampf gegen die Uhr bildet den Auftakt und bietet Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin die Chance auf das erste Gelbe Trikot. Ansonsten gibt es nur noch ein 22,5 Kilometer langes Zeitfahren am vorletzten Tag in Marseille.

F - Favoriten

Der dreimalige Champion Chris Froome ist der große Favorit. Zu den Herausforderern des Briten zählen der Giro-Zweite Nairo Quintana (Kolumbien), Ex-Sieger Alberto Contador (Spanien), der Vorjahreszweite Romain Bardet (Frankreich) und Richie Porte (Australien).

G - Gutschriften

10, 6 und 4 Sekunden werden den ersten drei Fahrern auf jeder Etappe gut geschrieben.

H - Hinault, Bernard

Der Mann aus der Bretagne gewann 1985 als letzter Franzose die Tour. Damit wartet Frankreich bereits seit 32 Jahren auf einen Nachfolger.

I - Indurain, Miguel

Der Spanier gewann als einziger Radprofi fünfmal die Tour in Serie. Neben Indurain werden noch Jacques Anquetil (Frankreich), Eddy Merckx (Belgien) und Hinault als Fünffach-Sieger geführt. Die sieben Erfolge von Lance Armstrong wurden wegen dessen Doping-Vergehen gestrichen.

J - Journalisten

Rund 2000 Medienvertreter begleiten die Tour. Das Rennen wird in 190 Ländern übertragen.

K - Karawane

Gut zwei Stunden vor dem Fahrerfeld sorgt traditionell die Werbekarawane mit 170 Fahrzeugen für ein wenig Karnevalsstimmung. Bereits seit 1930 gehört die Caravane publicitaire zum Tour-Programm.

L - Lüttich

Der Zielort der zweiten Etappe gehört zu den Hochburgen im Radsport. Bereits zum zehnten Mal gastiert die Tour in Lüttich, hier endet auch das älteste Eintagesrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich.

M - Mannschaften

Insgesamt 22 Teams, darunter die beiden deutschen Rennställe Sunweb und Bora-hansgrohe, gehen mit jeweils neun Fahrern an den Start. Damit nehmen 198 Radprofis die Rundfahrt in Angriff.

Der Unterschied zwischen den beiden und Froome ist jedoch, dass sie deutlich mehr Masse besitzen und dementsprechend in der Lage sind, höhere Gänge zu treten, die für ein schnelles Zeitfahren nötig sind. Oder anders ausgedrückt: Sie haben kräftigere Beine und einen kräftigeren Oberkörper und können deswegen auch kräftiger in die Pedale treten.

Doch für Froome und das Sky-Team scheinen andere Gesetze zu gelten. Mit einer Ausnahme im Jahre 2014 dominiert das Team seit mittlerweile fünf Jahren die Tour de France. Während sich die anderen Teams um das gepunktete Trikots des besten Bergfahrers oder das Grüne Trikot des besten Sprinters streiten können, das in diesem Jahr Marcel Kittel durch seine fünf (!) Etappen-Siege beinah gewinnen konnte und es nur wegen eines unglücklichen Sturzes abgeben musste, hat Sky das Gelbe Trikot des Tour-Leaders scheinbar auf Jahre gepachtet.

Mit einem kolportierten Budget von 30 Millionen Euro pro Jahr überflügeln sie auch finanziell die Konkurrenz. Doch während der diesjährigen Tour war die Dominanz des Teams, trotz des am Ende vergleichsweise geringen Zeitabstands zum Zweitplatzierten Kolumbianer Rigoberto Uran, so überragend wie selten zuvor. Besonders krass zutage kam diese während der zwölften Etappe. Keine Königsetappe aber eine schwere mit einem umso giftigeren kurzen Schlussanstieg, bei dem die Steigung jenseits der 20-Prozent-Marke lag. Vor diesem Finish hatte fast das gesamte Sky-Team im Feld der Favoriten ein Tempo an den Tag gelegt, das doch sehr an die Armstrong-Zeiten rund um das US-Postal-Team erinnerte.

Die 20. Etappe der Tour de France in Marseille. Grafik: J. Reschke Foto: dpa-infografik dpa

20. Etappe

Die 20. Etappe der Tour de France in Marseille. Grafik: J. Reschke Foto: dpa-infografik


Auch damals schlugen die Teamkollegen des wohl größten Doping-Betrügers in der Geschichte des Radsports in den Bergen ein Tempo an, bei dem keiner der anderen Favoriten überhaupt in der Lage war, einen Angriff zu setzen. Sie waren schon froh, wenn sie das Tempo überhaupt mithalten konnten. Der deutsche Kletterspezialist Emanuel Buchmann vom Bora-Hansgrohe-Team konnte dem Tempo der Sky-Helfer oft nicht folgen. Die TV-Bilder, die das Team des Bezahlfernsehen-Riesens an diesem Tag geliefert hat, konnten einen nachdenklich stimmen. Aber die TV-Bilder beweisen nichts.

Wie sauber Christopher Froome und das Sky-Team die Tour gewonnen hat, kann man vom Wohnzimmer aus nicht sagen. Die Radsportler beteuern, dass sie kein Doping benutzen und der Radsport sauberer geworden ist. Vertrauen muss man diesen Worten aber nicht. Die Leistungen des gesamten Sky-Team tun ihr Übriges, um das Vertrauen in den Radsport zu erschüttern. Einerseits ist es die Durchschnittsgeschwindigkeit, die sich trotz teilweise wirklich schwerer Bergetappen wieder deutlich über der Marke von 40 Kilometer pro Stunden bewegt.

Das ABC zur Tour de France 2017 (2)

N - neue Etappenorte

10 Städte sind in diesem Jahr erstmals Start- oder Zielort der Tour. Dazu zählt auch Düsseldorf.

O - Organisation

Die Amaury Sport Organisation veranstaltet die Frankreich-Rundfahrt und gilt als mächtigster Veranstalter im Radsport. Neben Klassikern wie Paris-Roubaix gehören auch das Frankfurter World-Tour-Rennen oder die im nächsten Jahr wieder stattfindende Deutschland-Tour zum ASO-Imperium.

P - Preisgelder

500 000 Euro erhält der Gesamtsieger. Die beste Mannschaft darf sich über 50 000 Euro freuen. Der beste Bergfahrer und der punktbeste Akteur erhalten jeweils 25 000 Euro, der beste Nachwuchsprofi streicht noch 20 000 Euro ein. 11 000 Euro gibt es für einen Etappensieg.

Q - Quintana, Nairo

Der Kolumbianer gilt als bester Kletterer im Tour-Feld. In diesem Jahr wollte der Movistar-Kapitän das Double aus Giro und Tour holen. In Italien blieb es aber bei Platz zwei.

R - Rekordteilnehmer

Jens Voigt, der 2014 seine Karriere beendete, gehört mit 17 Starts zu den drei Rekord-Teilnehmern neben Stuart O'Grady (Australien) und George Hincapie (USA).

S - Sprints

Auf insgesamt neun Flachetappen dürfen die deutschen Topsprinter André Greipel und Marcel Kittel auf Etappensiege hoffen.

T - Trikots

Das Gelbe Trikot ist für den Führenden in der Gesamtwertung bestimmt. Der beste Bergfahrer fährt im rot gepunkteten Dress. In Grün ist der punktbeste Fahrer unterwegs, der beste Nachwuchsfahrer trägt das Weiße Trikot.

U - Ullrich, Jan

Vor genau 20 Jahren löste der Rostocker mit seinem Tour-Sieg einen Radsport-Boom aus. Nach Düsseldorf ist der einzige deutsche Gesamtsieger wegen seiner Doping-Vergehen nicht eingeladen.

V - Voeckler, Thomas

Der 38-Jährige aus dem Elsass war über viele Jahre der Liebling der Franzosen. Der Bergkönig von 2012 und viermalige Etappengewinner geht in diesem Jahr zum 15. und letzten Mal an den Start, bevor er seine Karriere beendet.

W - Weltmeister

Das Regenbogentrikot wird von Bora-hansgrohe-Kapitän Peter Sagan getragen. Der slowakische Weltmeister bevorzugt aber diesmal Grün und will den Rekord von Erik Zabel mit sechs Erfolgen in der Punktewertung einstellen.

X - x-ter Anlauf

Seit seinen Klassiker-Siegen bei Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix gehört John Degenkolb zur Weltspitze. Nur bei der Tour fährt er einem Etappensieg noch hinterher.

Y - Youngster

Der Franzose Elie Gesbert feiert am Samstag an seinem 22. Geburtstag seine Premiere und ist damit jüngster Fahrer im Feld.

Z - Zabel, Rick

Vor gut zwei Jahrzehnten hatte er als kleiner Junge bei den Siegerehrungen auf den Schultern von Papa Erik gesessen, nun feiert der 23-Jährige sein Tour-Debüt als Radprofi.


Andererseits haben Enthüllungen über medizinische Ausnahmeregelungen für Froome vor großen Rundfahrten, die im vergangenen Jahr ans Tageslicht kamen, für Zweifel gesorgt. Auch die Tatsache, dass Froome auf der einen Monat vor der Tour stattfindenden Dauphine-Rundfahrt, die als Generalprobe der Tour gilt, alles andere als dominant wirkte und in den Bergetappen zum Teil deutlich distanziert wurde, wirft Schatten auf seine jetzige Leistung. Aber auch das beweist nichts.

Am Ende bleibt nur das Vertrauen. Die Radsportteams müssen weiterhin um das Vertrauen der Fans kämpfen. Das Sky-Team strapaziert dieses Vertrauen mit unglaublichen Leistungen ihres Leaders Christopher Froome und seiner Helfer. Man kann nur hoffen, dass sie es nicht überstrapazieren.

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