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23.10.2012

18:59 Uhr

Krach in der UCI-Spitze

Armstrong muss auch finanziell bluten

Die Situation für die jahrelange angeblich ahnungslose UCI-Spitze unter McQuaid wird ungemütlicher. Immer mehr Kritiker fordern seinen Rücktritt. Indes wollen Versicherungen und Veranstalter Geld von Armstrong.

Lance Armstrong bei der Tour de France im Jahr 2010. dpa

Lance Armstrong bei der Tour de France im Jahr 2010.

Austin/Paris/BerlinDer Fall Armstrong wird immer mehr zur Affäre des Radsport-Weltverbandes UCI. Auch die jahrelang angeblich ahnungslose Dachorganisation wird kritisch durchleuchtet. Rücktrittsforderungen an die Adresse des UCI-Präsidenten Pat McQuaid werden lauter und lauter. Das Internationale Olympische Komitee wird gegen den umstrittenen Iren vorerst nicht tätig werden. Nach Sondierung der Anklageschrift der US-Anti-Doping-Behörde USADA gegen Armstrong, in der Zeugen den Verband der Komplizenschaft im umfassenden Dopingsystem beschuldigen, schloss das IOC am Dienstag Sanktionen gegen Ex-Präsident Hein Verbruggen und McQuaid aus. Ein Olympia-Ausschluss des Radsports stehe nicht zur Disposition.

Währenddessen wenden sich Sponsoren weiter von Armstrong ab, Versicherungen und Veranstalter fordern Prämien zurück: Der tief Gefallene soll finanziell bluten. Die US-Versicherungsgesellschaft SCA Promotions zahlte dem Texaner nach eigenen Angaben 12 Millionen Dollar Prämien und droht jetzt nach der Aberkennung aller sieben Toursiege mit Rückzahlungsforderungen. Die Tour-Verantwortlichen wollen zwischen 1999 und 2005 gezahlte Siegprämien in Gesamthöhe von etwa drei Millionen Euro zurück. Zudem sprang Armstrong nach Nike nun auch der Brillenhersteller Oakley als Großsponsor ab.

Chronologie – Die Anschuldigungen bis zur Aufgabe

2. Juli 2004

Unmittelbar vor der Tour de France 2004 erscheint das Buch „L.A. Confidential“, in dem die beiden Journalisten David Walsh und Pierre Ballester schwere Doping-Vorwürfe gegen Lance Armstrong erheben. Der US-Amerikaner scheitert vor Gericht mehrfach mit dem Versuch, sich in dem Buch äußern zu dürfen.

1. Oktober 2004

Wegen Sportbetrugs wird der Sportarzt Michele Ferrari zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Der Italiener arbeitete lange mit Armstrong zusammen. Vom Vorwurf, Radsportler mit Dopingmitteln versorgt zu haben, wird Ferrari aus Mangel an Beweisen jedoch freigesprochen.

1. April 2005

Sein ehemaliger Betreuer Mike Anderson erklärt vor Gericht, 2004 „ein verbotenes Medikament“ in Armstrongs Badezimmer gefunden zu haben. Der reagiert darauf mit einer Schadensersatzklage.

24. Juli 2005

Armstrong gewinnt zum siebten Mal die Tour de France und beendet danach seine Karriere.

23. August 2005

Die französische Sportzeitung „L'Equipe“ berichtet, dass in sechs Urinproben von Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Die Proben waren eingefroren worden und konnten dem Bericht zufolge eindeutig Armstrong zugeordnet werden. EPO ist erst seit 2001 nachweisbar.

31. Mai 2006

Eine vom Weltverband UCI eingesetzte Kommission spricht Armstrong von den 1999er Doping-Vorwürfen frei. Die weltweite Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht „fast schon lächerlich“.

9. September 2008

Armstrong kündigt für 2009 sein Comeback an.

2. Oktober 2008

Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD schlägt Armstrong vor, die sechs Proben der Tour de France 1999 nochmals zu testen. Der US-Amerikaner lehnt das ab.

20. Mai 2010

Armstrongs ehemaliger Teamkollege Floyd Landis gibt öffentlich zu, die meiste Zeit seiner Karriere gedopt zu haben. Der Tour-Sieger von 2006 beschuldigt in diesem Zusammenhang auch Armstrong des Dopings. Der weist die Anschuldigungen zurück.

26. Mai 2010

Nach den Aussagen von Landis kündigen die US-Behörden an, die Ermittlungen gegen Armstrong auszuweiten. Es geht jetzt nicht nur um die Einnahme unerlaubter Mittel, sondern auch um die Frage, ob das Sponsorengeld des amerikanischen Postdienstleisters US Postal dazu genutzt wurde, um Dopingmittel zu finanzieren.

16. Februar 2011

Armstrong erklärt sein endgültiges Karriereende.

20. Mai 2011

Tyler Hamilton ist der nächste ehemalige Teamkollege, der schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong erhebt. „Ich sah EPO in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat“, sagt der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004 dem TV-Sender CBS.

4. Februar 2012

Die US-Staatsanwaltschaft stellt ihre Doping-Ermittlungen gegen Armstrong ein.

9. Februar 2012

Der Welt-Triathlonverband WTC gibt eine Kooperation mit Armstrong bekannt. Für sechs Starts kassiert seine Krebs-Foundation „Livestrong“ eine Million Dollar. Die erste Teilnahme soll im Oktober 2012 sein.

12. Februar 2012

Armstrong wird Zweiter beim Ironman 70.3, einem Wettkampf über die halbe Distanz. Zum Dopingtest müssen nicht wie üblich die ersten drei, sondern die Athleten auf den Plätzen vier bis sechs.

12. Juni 2012

Die nationale Anti Doping-Agentur USADA erhebt in einem Schreiben schwere vorwürfe gegen Armstrong. Proben aus den Jahren 2009 und 2010 sollen „vollkommen mit Proben übereinstimmen, an denen Blutmanipulation, inklusive EPO und/oder Blut-Transfusionen vorgenommen wurden.“ Armstrong wird sofort für alle Wettbewerbe gesperrt.

14. Juni 2012

Der WTC gibt bekannt, dass Armstrong wegen der laufenden Ermittlung nicht an Wettkämpfen teilnehmen darf. Der Ironman in Nizza am 24. Juni findet ohne den 40-Jährigen statt.

20. August 2012

Ein Gericht in Austin erklärt die Ermittlungen der USADA gegen Armstrong für rechtens. Der Texaner muss entscheiden, ob er eine Schiedsgerichts-Verhandlung will oder eine drohende lebenslange Sperre der USADA akzeptiert.

24. August 2012

Armstrong teilt in einem Statement mit, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgibt. Ihm droht nun die Aberkennung seiner Tour-Titel.

22. Oktober 2012

Der Radsport-Weltverband UCI hat das Urteil der US-Anti-Doping-Agentur USADA bestätigt. Armstrong verliert damit alle sieben Tour de France-Titel von 1999 bis 2005 und wird mit einer lebenslangen Sperre belegt.

Der 41-Jährige dürfte es verkraften - sein Gesamtvermögen wird auf rund 100 Millionen Dollar taxiert. Kaum anzunehmen, dass Armstrong wie sein früherer Teamkollege und jetzige Kronzeuge Floyd Landis um Spendengelder zur Begleichung seiner Anwaltskosten bitten muss.

Es ist auch nicht zu erwarten, dass die Tour-Gastgeber an diesem Mittwoch in Paris bei der feierlichen Präsentation der 100. Frankreich-Rundfahrt wegen der dramatischen Ereignisse einen Trauerflor tragen werden. Das Gütesiegel Tour de France, von den Dopingfällen Landis und Contador ohnehin befleckt, ist allerdings nachhaltig beschädigt.

Auch die Kritik an der UCI-Verbandsspitze wird immer vernehmlicher. „Der Sünder wurde mit der Person Armstrong am höchsten Baum aufgehängt. Aber über das eigene Funktionieren überhaupt nur nachzudenken, das tat die UCI nicht“, monierte der Telegraaf in den Niederlanden. „Die Affäre ist der bisher klarste Beweis, wie verrottet das ganze System ist. Armstrong ist dabei nicht der einzige Heuchler. Wir alle sind es. Wollen wir wirklich wissen, ob der FC Barcelona eine Dopingfabrik gewesen ist?“, schrieb Aftonbladet in Schweden.

Kommentare (2)

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helmi

23.10.2012, 19:14 Uhr

hat man ihn auch nur einmal positiv getestet. ( Alles Neider ) ER IST UND BLEIBT DER GRÖßTE

Account gelöscht!

23.10.2012, 19:51 Uhr

Wenn ich Jemanden erschieße, benötigt es auch keinen Zeugen, der es live gesehen hat, damit ich anhand von Indizien veruteilt werde

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