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29.03.2011

09:11 Uhr

Musik im Profisport

Die Melodie, die Sieger macht

VonOliver Fritsch
Quelle:Zeit Online

Ein deutscher Elektronikmeister versorgt Profisportler mit Musikstücken, die sie entspannter und konzentrierter machen. Egal, ob Aberglaube oder moderne Neurologie: Seine Erfolge lassen sich nicht leugnen.

Die Weltmeister von 1974 im Tonstudio: Sie wurden noch nicht von Ulrich Conrady betreut - waren aber trotzdem erfolgreich. Quelle: picture-alliance

Die Weltmeister von 1974 im Tonstudio: Sie wurden noch nicht von Ulrich Conrady betreut - waren aber trotzdem erfolgreich.

Die Ski-Weltmeisterschaften im Alpin-Stil und im Nordischen gingen für deutsche Athleten in Garmisch-Partenkirchen und Oslo ohne Sieg zu Ende. Ein Deutscher hingegen gewann sechs Mal Gold für Österreich: Ulrich Conrady. Vereinfacht gesagt besteht sein Zutun darin, den Skispringern Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern (je Einzel und Team) sowie den Skifahrerinnen Elisabeth Görgl (Abfahrt und Super-G) und Anna Fenninger (Super-Kombination) seine Musik hören zu lassen. Alle vier Goldmedaillengewinner schwören auf Conrady. Ebenso Magdalena Neuner, die bei der Biathlon-WM Anfang März drei Gold- und zwei Silbermedaillen gewann, ihre neue Stärke am Schießstand führt sie auf mentales Training zurück.

Conrady ist Erfinder von AVWF, das steht für Audiovisuelle Wahrnehmungsförderung, auch Schalltherapie genannt. Conrady moduliert Musik am Computer, bearbeitet spezielle Frequenzen nach. Als Vorlage funktioniert alles, ob Beatles, Abba oder Mozart. Debussy eignet sich wegen der größeren Variabilität besser als Kiss (Kiss geht aber auch). Heraus springt ein Produkt, das sich für das Ohr merklich nicht vom Original unterscheidet, allenfalls knistert es ein wenig.

Auf unbewusster Ebene soll Conradys Mix jedoch eine enorme Wirkung auf das vegetative Nervensystem entfachen: Sympathikus und Parasympathikus geraten ins Gleichgewicht, Signale lösen bestimmte Reaktionen im Stammhirn aus. Neurologisches Antistress-Training. Sportler sollen leichter entspannen, besser schlafen, mögliche Traumata schneller überwinden, sich sozialer verhalten. Das alles ganz nebenbei, beim Lesen, am Computer, bei der Hausarbeit - natürlich nur, wenn sie es regelmäßig vor und nach dem Training tun.

Geräusche beim Sport

Training mit dem Ohr

Die Bedeutung von Geräuschen beim Sport ist groß, das weiß jeder, der schon mal mit Oropax Basketball gespielt hat oder mit Ohrmaske joggen ging. Das Ohr ist ein Sinnesorgan der Bewegungswahrnehmung. Im motorischen Lernen findet man verschiedene Methoden, die einen ähnlichen Effekt erzielen wie das mentale Training: Bewegungen werden eingeschliffen und gemustert. Durch die auditive Unterstützung werden mehr Instanzen im Gehirn angesprochen als beim reinen Beobachten, akustische Signale sind schneller als optische. Der Übende entwickelt eine Zielvorstellung, seine Wahrnehmung wird prägnanter, seine Bewegung präziser. Training über die Ohren gibt es nicht nur im Blindensport. Wir stellen zwei Methoden vor, deren Wirksamkeit durch Studien belegt ist.

Sonification

Bei der Sonification wird Bewegung in künstlichen Sound umgesetzt. Mit einer Kraftmessplatte messen Wissenschaftler eine sportliche Bewegung, etwa den Streck-Hock-Sprung, dabei wandeln sie dessen Kraftstruktur mit einem Synthesizer in (seltsam klingende) Geräusche. Anschließend übt der Sportler mit auditiver oder audiovisueller Hilfe, etwa sieht er vor oder beim Sprung ein Video mit dem modulierten Sound. 
Anwendung findet Sonification vor allem in Sportarten mit zyklischen Bewegungen, etwa Schwimmen, Rudern oder beim Tennisaufschlag und im Reha-Sport, zum Beispiel mit Patienten, die nicht mehr ansprechbar sind. Vor allem im Technikerwerb, also für Anfänger, eignet sich die Methode, für die hierzulande Professor Alfred Effenberg von der Universität Hannover (früher Bonn) steht.

Akustische Reafferenzen

Mit akustischen Reafferenzen, also sensomotorischen Rückmeldungen, befasst sich Markus Raab, Professor für Sportpsychologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Er nimmt echte Geräusche von Sportlern auf, etwa den Windzug beim Golfabschlag oder Hammerwurf und das Pistenkratzen beim Skifahren. Anschließend spielt er ihnen die Aufnahme des besten Versuchs vor, und sie vollziehen die Bewegung im Stillen nach. Manchmal lässt er den Athleten anhand der Geräusche raten, welcher Versuch der beste war.

Der deutsche Handballtormann Henning Fritz hat es regelmäßig getan. Im Jahr 2006 litt er unter einem Burnout. "Ich hatte Schlafprobleme, ich hatte Probleme, den Ball zu fixieren", sagt Fritz. Nach der Behandlung wurde Deutschland ein halbes Jahr später dank seiner überragenden Paraden Weltmeister. "Aus einem Amateur macht man keinen Profi, aber man kommt näher und öfter an die Leistungsgrenze heran." Auch Markus Baur, damals Kapitän, berichtet von sehr guten Erfahrungen mit der Schalltherapie. Nahezu die ganze Mannschaft setzte damals Conradys Kopfhörer auf, nachzusehen in der Dokumentation Projekt Gold.

Der Trainer Heiner Brand hatte es seinen Spielern nahegelegt. "Es ist eine tolle begleitende Trainingsform, die Spieler trainierten frischer, konzentrierter." Nach dem Titelgewinn kam das Neuro-Coaching im Handball nur noch sporadisch zum Einsatz. Es gibt Stimmen, die hinter vorgehaltener Hand behaupten, die Mannschaft hätte beim enttäuschenden Turnier 2011 besser auch auf Conrady und seine Schallwellen gehört, dann hätte sie seltener dem Gegner in die Hände gepasst. "Einige Spieler", sagt Brand, der eher der alten Schule zuzurechnen ist, "sind für solche neue Methoden offen. Andere sagen: 'Brauch ich nicht, ich bin schon gut.'"

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