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10.01.2006

10:22 Uhr

Nach Olympia ist Schluss

Tausche Bob gegen Fischerboot

Er trieb sich unzählige Winter auf den Bobbahnen in der ganzen Welt herum. War Fahnenträger der ehemaligen DDR-Auswahl bei den Spielen, Olympiasieger und Weltmeister. Aber mit nun 65 Jahren beendet Meinhard Nehmer seine Bobkarriere.

Meinhard Nehmer (l.) und Bernhard Germeshausen bei den Winterspielen 1976 in Innsbruck. Foto: dpa

Meinhard Nehmer (l.) und Bernhard Germeshausen bei den Winterspielen 1976 in Innsbruck. Foto: dpa

HB VARNKEVITZ/RÜGEN. Ein Spaziergang am Vormittag, dann eine kleine Party im engsten Familienkreis. Meinhard Nehmer, der erfolgreichste deutsche Olympionike im Bobsport, feiert am Freitag in Varnkevitz, fünf Kilometer von Kap Arkona entfernt, seinen 65. Geburtstag. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht: Nur 24 Stunden später wird Nehmer 1300 Auto-Kilometer nach St. Moritz reisen, um dort die deutschen Bobfahrer bei der Europameisterschaft und beim Weltcup zu betreuen.

"Nach den Olympischen Spielen in Turin ist dann Schluss. Ich kann auch gut ohne den Sport leben", sagt der dreimalige Olympiasieger, der sich den ganzen Winter an den Bob-Bahnen dieser Welt herumtreibt und 40 000 Kilometer pro Jahr mit dem Auto zurücklegt. Dann will der Familienmensch sich mehr um seine Frau Renate und seine Kinder, Enkel und Hobbys kümmern. Und davon hat er reichlich: Gartenarbeit, die Jagd oder seine Drechselbank. Am liebsten jedoch fährt er mit seinem Boot aufs Meer hinaus zum Fischen. "Früher waren wir nur auf Achse, daher haben wir uns so einen Ort der Ruhe immer gewünscht. Seit 1982 leben wir nun hier und es gibt keinen schöneren Platz", betont der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht.

Dennoch mussten seine Trainer-Kollegen ihn bremsen. Trotz seines Jubiläums wollte der nimmermüde Coach zum Weltcup nach Königssee reisen, doch seine ehemaligen Anschieber wie der heutige Cheftrainer Raimund Bethge oder Bogdan Musiol verdonnerten ihren einstigen Chef zur "Feier-Pause". Nehmer ruft jeden Abend den vor acht Wochen auf der Olympia-Bahn in Cesana verunglückten und immer noch in der Unfallklinik Murnau liegenden Bethge an. "Seine Persönlichkeit, seine ruhige Art und seine Ausstrahlung machen ihn so wertvoll. Zudem steht er im positiven Sinne immer über den Dingen", sagt Bethge, der als Anschieber mit Nehmer 1977 Weltmeister geworden war.

Seine sportliche Sternstunde hatte Nehmer ein Jahr zuvor in Innsbruck erlebt. Erst hatte er als Fahnenträger "eine unglaubliche Gänsehaut", dann sorgte er für den ersten Olympiasieg eines DDR-Bobs. Stunden später legte er im Viererbob noch einen drauf. Unsterblich wurde er 1980 in Lake Placid: Auf der berüchtigten Bahn am Mount van Hoevenberg (9,5 Prozent Gefälle) durchbrach er als bisher einziger Pilot die Minuten-Grenze und holte sein drittes Olympia-Gold.

"Dafür werde ich in den USA noch heute als Hero verehrt und gefeiert, einfach Wahnsinn. Die Amis stehen eben auf Aktion, da muss es schon mal richtig rauchen in der Rinne", erinnert sich Nehmer, der nach der Wende in Italien und den USA arbeitete. Die Amerikaner um Brian Shimer gewannen dank Nehmer 1993 die erste WM-Medaille für die USA nach 24 Jahren.

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