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30.01.2017

16:15 Uhr

Neujahrsempfang des DOSB

Kritische Töne statt höflicher Floskeln

Auf dem DOSB-Neujahrsempfang wurde nicht nur geplaudert, sondern Tacheles geredet: über die Reform des Leistungssports, die Frage nach einem Olympia-Bann Russlands und dem Einreiseverbot von US-Präsident Trump.

Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds möchte klare Kante zeigen. Gegen systematisches Doping soll entschieden vorgegangen werden. dpa

Alfons Hörmann

Der Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds möchte klare Kante zeigen. Gegen systematisches Doping soll entschieden vorgegangen werden.

Frankfurt/MainStatt der gewohnten höflichen Floskeln waren beim Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im Frankfurter Römer vor allem kritische Töne zu hören. Ob Olympia-Bann für Russland, der Trump-Erlass zum Einreiseverbot für bestimmte Nationalitäten in die USA oder die Leistungssportreform in Deutschland: Es wurde am Montag Tacheles geredet. „Das Projekt ist ein Marathon“, sagte DOSB-Chef Hörmann zu der beschlossenen, aber nun vor der Umsetzung stehenden Reform des Spitzensports in Deutschland.

„Es gab schon zahlreiche Konzepte, nicht nur im Sport, die wieder in der Schublade verschwunden sind“, mahnte Hörmann. Das Ziel, Deutschland dichter an die Weltspitze heranzuführen und wieder mehr Medaillen zu gewinnen, sei längst nicht erreicht. „Wir haben trainiert, uns auf den Wettkampf vorbereitet“, erklärte er. Jetzt gehe es an den Start, auch wenn noch viele Steine bei der Umsetzung aus dem Weg zu räumen seien. „Wer meint, dass wir durch sind, irrt gewaltig. Mit Blauäugigkeit sind wir nicht unterwegs.“

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Dies gilt auch für eine immer drängender werdende Antwort auf die Frage nach einer klaren Linie zu den Konsequenzen aus dem Doping-Skandal im russischen Sport. „Wenn das, was im McLaren Report steht, sich bestätigt, bin ich dafür, klare Kante zu zeigen - nicht nur denen gegenüber, die sich individuell schuldig gemacht haben“, betonte Hörmann. „Sondern man muss darüber nachdenken: Wenn systematisch gedopt wurde, muss auch systematisch bestraft werden.“

Auf jeden Fall soll eine Entscheidung mit Blick auf die Olympischen Winterspiele 2018 in Südkorea nicht auf die lange Bank geschoben werden. „Mein Appell ist, dass wir in den kommenden Monaten zu Klarheit kommen. „Pyeongchang darf nicht ein zweites Rio werden.“ Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte sich nicht für einen Komplett-Ausschluss der Russen bei den Spielen 2016 entschieden, dagegen wurden sie von den anschließenden Paralympics verbannt.

Meldonium: ein Doping-Renner in Russland

Substanz

Meldonium war zumindest bis 2014 besonders in Russland ein Renner unter den für Doping genutzten Mitteln. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte hohen Missbrauch der Substanz in verschiedenen Sportarten festgestellt.

Verbot seit 2016

Der Wirkstoff wurd seit 1. Januar 2016 auf die gültige Liste der verbotenen Substanzen gesetzt.

Neue Fälle

Dennoch scheint es vor allem in der russischen Doping-Szene weiter beliebt zu sein. Die am Montag öffentlich gewordenen russischen Doping-Fälle mit Meldonium von Tennis-Stars Maria Scharapowa und der ehemaligen Eistanz-Europameisterin Jekaterina Bobrowa könnten Hinweise darauf sein.

Übersehen

Im Dezember habe sie ein Schreiben der WADA und der ITF bekommen, in dem auf die veränderten Doping-Regularien hingewiesen wurde. „Ich habe nicht auf die Liste geschaut“, sagte Scharapowa. Das Mittel habe sie seit 2006 eingenommen.

Weitere Fälle 2016

Eduard Worganow (Russland) Radsport
Olga Abramowa (Ukraine) Biathlon
Zwei Athleten des ASV Nendingen (nicht namentlich genannt) Ringen
Artem Tyschtschenko (Ukraine) Biathlon

Medikament

Meldonium wird unter dem Markennamen Mildronat als Herzmedikament in den baltischen Staaten und in Russland vertrieben; in Deutschland ist es als Arzneimittel nicht zugelassen. Es soll die Durchblutung fördern und somit als Medikament für Angina Pectoris und Herzerkrankungen geeignet sein.

Sport

Athleten versprechen sich durch die Einnahme der Substanz eine verbesserte Durchblutung und damit eine Steigerung der physischen sowie mentalen Belastungsfähigkeit.

Forschung

Bereits bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen stellten Wissenschaftler in einer Studie fest, dass vor allem Sportler aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion bevorzugt auf Meldonium zurückgriffen. Es war damals noch nicht verboten.

Studie

Laut einer russischen Studie von 2015 - kurz vor dem WADA-Verbot - fanden Moskauer Forscher in 724 von 4316 Urinproben Meldonium.

„Wie man Glaubwürdigkeit schützen kann, hat das Internationale Paralympische Komitee in Rio gezeigt“, meinte Hessens Sportministers Peter Beuth. Und appellierte: „Das IOC sollte sich die Haltung des IPC zu eigen machen, wenn es die olympische Charta schützen und die am Sport interessierten Menschen nicht verlieren will.“

Allerdings könnte laut Hörmann auch die Politik ein Zeichen setzen und überdenken, ob die geplante Weltsportministerkonferenz Anfang Juli im russischen Kazan veranstaltet werden muss. Die Frage sei, ob es Sinn mache, diese Konferenz ausgerechnet dorthin zu vergeben. „Die weltweit wichtigste sportpolitische Veranstaltung findet dort statt, wo sportliche Wettbewerbe nicht mehr stattfinden“, meinte Hörmann. Nach dem Doping-Skandal in Russland hatte das IOC aufgefordert, keine internationalen Sportveranstaltungen dorthin zu vergeben.

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Als „schlichtweg inakzeptabel“ kritisierte der DOSB-Chef das von US-Präsident Donald Trump verfügte Einreiseverbot für Menschen bestimmter Nationalität. „Im Sport gibt es klare Regeln und ein klares Grundverständnis: Nämlich weltweiten Zugang, unbenommen der Frage der Religion und der Herkunft“, sagte Hörmann, der Auswirkungen auf die Olympia-Bewerbung von Los Angeles für 2024 nicht ausschloss. „Wer 2024 das weltgrößte Sportfest in seinem Land haben möchte, bereitet dem Projekt einen Bärendienst mit so einem Beschluss.“

Von

dpa

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