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14.08.2015

09:32 Uhr

Rätsel um Totilas

Dressur-Team enttäuscht über EM-Bronze

Das hatten sie sich anders vorgestellt: Bronze bei der Heim-EM in Aachen ist für die deutsche Dressur-Mannschaft kein Grund zum Feiern. Zudem gibt es wieder Sorgen um das Wunderpferd Totilas.

Alexander Rath und Kristina Bröring-Sprehe können sich nicht recht über ihre Medaille freuen. dpa

Keine Freude über Bronze

Alexander Rath und Kristina Bröring-Sprehe können sich nicht recht über ihre Medaille freuen.

AachenNach der Siegerehrung, der Pressekonferenz und einem Interview-Marathon trafen sich die deutschen Dressurreiter, die Pferdebesitzer und Betreuer noch zum Essen. Doch zum Feiern war am Donnerstag niemandem nach der bitteren Niederlage bei der Heim-EM in Aachen zumute.

„Wir haben uns das anders vorgestellt“, sagte Bundestrainerin Monica Theodorescu über Bronze im Mannschafts-Wettbewerb. „Wir waren nicht so gut wie erhofft und andere waren besser“, lautete ihre einfache Analyse. Equipechef Klaus Roeser ergänzte: „Das ist wie beim Fußball: Wenn man den Ball nicht über die Torlinie bringt, kann man auch nicht gewinnen.“

Der Anspruch der Gastgeber hieß erfolgreiche Titelverteidigung und 23. Mannschafts-Gold. Doch am Ende jubelten die Niederländer zum dritten Mal über den EM-Titel, die Briten waren mit Silber zufrieden. „Immer nur zu siegen ist langweilig. Wir wollten die anderen glücklich machen“, meinte Isabell Werth augenzwinkernd, die als eine der ersten ihren Humor wiederfand.

Die 46-Jährige räumte ein: „Das ist ein faires Ergebnis.“ Tatsächlich waren die fünfmalige Olympiasiegerin mit Don Johnson, Jessica Bredow-Werndl mit Unee, Matthias Rath auf Totilas und Kristina Bröring-Sprehe auf Desperados nicht besser – trotz aller Diskussionen um manche Beurteilungen der Wertungsrichter.

Die Karriere des Millionenpferdes Totilas

August 2010

Der erst zehn Jahre alte Rapphengst Totilas räumt bei der Reit-WM in Kentucky/USA unter seinem niederländischen Reiter Edward Gal alle Titel ab und gilt dank seines Potenzials und seiner Ausstrahlung fortan als „Wunderpferd“.

Oktober 2010

Europas größter Pferdehändler Paul Schockemöhle kauft den Hengst für die geschätzte Rekordsumme von zehn Millionen Euro. Reiter wird Matthias Rath, dessen Familie um Stiefmutter Ann Kathrin Linsenhoff fünf Millionen Euro für die Sportrechte bezahlt haben soll.

Dezember 2010

Die Vermarktung des Millionenhengstes läuft an. Kaffeetassen, Schals und Futternäpfe mit dem Konterfei des Tieres werden produziert. Totilas erhält eine eigene Internetseite, wird zum „Michael Jackson der Dressur“.

August 2011

Ein erster Dämpfer: Rath und Totilas holen bei der EM nur Mannschafts-Silber. Im Einzel bleibt dem Duo die Medaille verwehrt. Erste Kritik kommt auf.

Juni 2012

Rath erkrankt am Pfeifferschen Drüsenfieber, muss seinen Olympiastart in London absagen.

Dezember 2012

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main nimmt Ermittlungen auf, nachdem die Tierschutz-Organisation PETA Anzeige gegen Rath erstattet hat. Im Training soll der Reiter die verbotene Rollkur angewandt haben. Später werden die Ermittlungen eingestellt.

März 2013

Totilas verletzt sich beim Deckeinsatz. Das Jahr ist gelaufen.

Mai 2014

Rath und Totilas feiern beim CHIO ein glänzendes Comeback, bringen der britischen Olympiasiegerin Charlotte Dujardin mit Valegro die bis heute letzte Niederlage bei.

August 2014

Totilas verletzt sich am Überbein, das Paar kann nicht zur WM nach Caen/Frankreich. Das Jahr ist wieder gelaufen.

Juni 2015

Das Paar feiert beim Nationenpreis-Turnier in Hagen a.T.W. ein beeindruckendes Comeback und wird für die Heim-EM in Aachen (12. bis 16. August) nominiert.

August 2015

Totilas wird beim Mannschaftswettbewerb der EM in Aachen relativ schlecht benotet. Anschließend ist die EM für das Pferd beendet. Wegen einer Verletzung kann der 15 Jahre alte Hengst die Prüfungen in der Einzelwertung danach nicht mehr absolvieren. Wenige Tage später wird sein Karriereende bekannt gegeben.

Dass bei den Einzelentscheidungen am Wochenende doch noch wenigstens ein Titel für Deutschland erritten wird, ist eher fraglich. Lediglich Kristina Bröring-Sprehe und Desperados empfahlen sich mit dem drittbesten Ritt der Konkurrenz für eine Medaille.

Ob Matthias Rath mit seinem einstigen Wunderpferd am Samstag im Grand Prix Special und am Sonntag in der Kür dabei ist, scheint offen. „Wir müssen warten, was morgen der Tierarzt sagt“, meinte der 31-Jährige. Schon nach seinem Auftritt am Donnerstag hatte es Gerüchte über die mangelhafte Fitness des mittlerweile 15-jährigen Millionen-Pferdes gegeben. Rath und Totilas waren in Aachen nach fast einjähriger Verletzungspause wieder auf die ganz große Bühne zurückgekehrt.

Dressur-EM: Daten und Fakten

Geschichte

Europameisterschaften in der Dressur finden seit 1963 alle zwei Jahre statt. Bei der ersten Auflage wurde nur ein Einzel-Titel vergeben, seit 1965 wird auch um die Mannschafts-EM geritten.

Quelle: dpa

Modus

Der Mannschafts-Titel wird im Grand Prix vergeben. Jedes Team besteht aus vier Reitern. In Aachen starten die jeweils ersten zwei jeder Equipe am Mittwoch (9.30 Uhr), am Donnerstag (11.00 Uhr) folgen die anderen beiden. Die besten drei Ergebnisse jedes Teams kommen in die Wertung.

Modus (2)

Im Einzel gibt es zwei Titel zu gewinnen: Am Samstag (11.00 Uhr) geht es um die EM im Grand Prix Special, am Sonntag (13.30 Uhr) um die Medaillen in der Kür. Für den Special qualifizieren sich die besten 30 Reiter aus dem Grand Prix. In der Kür dürfen die besten 15 aus dem Special. Jede Nation darf aber nur drei Reiter in die abschließende Prüfung schicken.

Titelverteidiger

Im Team-Wettbewerb will Deutschland seinen Erfolg von vor zwei Jahren im dänischen Herning wiederholen. Die beiden Einzel-Titel gewann vor zwei Jahren die britische Doppel-Olympiasiegerin Charlotte Dujardin auf Valegro.

Deutsches Team

Kristina Bröring-Sprehe (Dinklage) auf Desperados, Matthias Rath (Kronberg/Taunus) auf Totilas, Isabell Werth (Rheinberg) auf Don Johnson und Jessica von Bredow-Werndl (Tuntenhausen) auf Unee.

Favoriten

Im Team-Wettbewerb sind Großbritannien und die Niederlande die größten Konkurrenten der Deutschen. Im Einzel gelten Charlotte Dujardin und Valegro als unschlagbar. Medaillenchancen dürfen sich auch Kristina Bröring-Sprehe und Matthias Rath ausrechnen.

Deutsche EM-Bilanz

Schon 22 Mal standen deutsche Reiter in Mannschafts-Wettbewerben ganz oben. Die schlechteste Platzierung war ein dritter Platz 2009 in Windsor. Die Serie von 21 Titeln nacheinander endete 2007 im italienischen La Mandria, als die deutsche Mannschaft unter anderen mit der heutigen Bundestrainerin Monica Theodorescu Zweite hinter den Niederlanden wurde.

Deutsche EM-Bilanz (2)

2009 gewann erneut die Oranje-Equipe, zwei Jahre später lagen die Briten vorn. 2013 eroberten Fabienne Lütkemeier auf D'Agostino, Isabell Werth auf Don Johnson, Kristina Sprehe auf Desperados und Helen Langehanenberg auf Damon Hill den Titel zurück.

Deutsche EM-Bilanz (3)

Den letzten Einzel-Titel für Deutschland gewann 2007 die fünfmalige Olympiasiegerin Isabell Werth auf Satchmo im Special. Insgesamt gab es 16 Mal Einzel-Gold für deutsche Reiter.

Von

dpa

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