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19.07.2014

10:03 Uhr

Reiterfest der Superlative

Wunderhengst, Millionenpreise und Promitreff

VonHilal Kalafat

Der Chio in Aachen ist das Weltfest des Reitsports. Sponsoren und Prominente drängeln sich in den Vordergrund. Die Macher haben den Klassiker wirtschaftlich zu einer Sportveranstaltung der Superlative entwickelt.

Prominenter Besuch in Aachen auf dem Reiterfest Chio: Jürgen Fitschen, Co-Vorsitzender der Deutschen Bank, und Ex-Schwimmerin Franziska van Almsick. dpa

Prominenter Besuch in Aachen auf dem Reiterfest Chio: Jürgen Fitschen, Co-Vorsitzender der Deutschen Bank, und Ex-Schwimmerin Franziska van Almsick.

DüsseldorfMit Hunderttausenden von Zuschauern und einem Preisgeld in Millionenhöhe ist der Chio Aachen das gut vermarktete Hochglanzprodukt des Pferdesports. Während viele Veranstalter von Reitturnieren Probleme haben, mediale Aufmerksamkeit und Sponsoren zu gewinnen, wächst in der Aachener Soers der Chio Jahr für Jahr.

Ein Grund dafür dürfte die „hohe Promi-Dichte“ sein. „Die Gala lockt Medien an, die Totilas eher für ein mexikanisches Fladenbrot halten“, merkt die „Aachener Zeitung“ an. Dabei ist doch zum Beispiel Totilas, das teuerste Dressurpferd der Welt, allein schon Grund genug, um dabei zu sein.

Reiten ist jedoch selbst in der Pferdesportnation Deutschland nur eine Randsportart, die allenfalls im Fernsehen stattfindet. Die große Ausnahme ist der Chio. „Man muss eine Sportveranstaltung so attraktiv machen, dass die Leute nicht alleine wegen des Sports kommen“, sagt Michael Mronz, der Chef-Vermarkter des Chio.

Wunderpferd Totilas

Dressurpferd

Der einstige Jahrhundert-Hengst Totilas hat 2010 unter dem Niederländer Edward Gal sämtliche WM-Titel gewonnen. Danach wurde das Dressurpferd für zehn Millionen Euro an Paul Schockemöhle verkauft – Rekordwert. Totilas sollte danach der Popstar des Reitsports werden.

Quellen: dpa, sid

Zweijährige Pause

Totilas hat in den letzten zwei Jahren pausiert. Seit dem Comeback im Mai gab es für Totilas und seinen neuen Reiter Matthias Rath sechs Siege bei sechs Starts. In Aachen siegte Totilas zudem im Einzel und mit der Mannschaft.

Alter

Das Dressurpferd ist mittlerweile 14 Jahre alt. Ist es noch zu Höchstleistungen fähig? Reiter Rath: "Es hat auch schon Pferde gegeben, die mit 17, 18 oder 19 Jahren im Viereck noch Topleistungen gebracht haben. Dementsprechend sollte das reine Alter kein Problem sein.“

Vermarktung

Tassen und T-Shirts gab es schon, bevor der Reiter Matthias Rath überhaupt das erste Mal mit dem Dressurhengst Totilas zum Wettkampf eingeritten ist. Etwas voreilig lief die große Vermarktungs-Maschinerie für das teuerste Dressurpferd der Welt an. Das war 2011.

Zurückhaltung

Knapp drei Jahre später, gibt es keinen eigenen Totilas-Stand beim Chio in Aachen mehr. „Wir waren schon ausverkauft“, antwortet Michael Mronz augenzwinkernd auf die Frage nach dem Warum. Mronz hatte sich mit seiner Agentur MMP die Markenrechte gesichert und eine für den Pferdesport beispiellose Marketing-Kampagne angekurbelt.

Gelernt

„Wenn man etwas macht, gehört auch dazu, dass man auch Dinge macht, aus denen man lernt“, sagt der Vermarkter Mronz. Dass die Investitionen in Tassen, T-Shirts und anderen Totilas-Schnickschnack höher waren als die Gewinne, das lässt sich nur vermuten.

Stillstand

Der Vermarkter gibt zu: „Natürlich lässt sich darüber diskutieren, ob es sinnvoll war, eine Merchandising-Kollektion direkt am Anfang aufzulegen.“ Ob es irgendwann wieder Tassen und T-Shirts mit dem bekanntesten Dressurpferd der Welt geben wird, lässt er offen.

Internet

Auf seiner eigenen Internetseite hat sich das einstige Wunderpferd seit knapp zwei Jahren nicht mehr gemeldet. Dabei gäbe es doch über das wundersame Comeback und die lange Leidenszeit viel zu erzählen.

Bescheidenheit

Rath ist ohnehin der Zurückhaltendste im Totilas-Umfeld. Er ist aber noch vorsichtiger geworden. Obwohl der 29-Jährige aus Kronberg Totilas nach der langen Pause besser und lockerer reitet als in der ersten Phase nach dem Kauf des Pferdes, scheint er seine Lektionen gelernt zu haben. „Wir wissen gerade aus der Vergangenheit, dass es schnell hin und hergehen kann“, sagt der Totilas-Reiter. Da ist es im Zweifelsfall besser, auch mal zu schweigen.

„Wir möchten eine tolle Atmosphäre für unsere Besucher schaffen.“ Ihm und dem Turnierdirektor Frank Kempermann ist es seit Mitte der 1990er Jahre gelungen, aus einer traditionsreichen, aber etwas verschlafenen Veranstaltung ein geschliffenes Hochglanzprodukt internationalen Ranges zu machen.

Der Chio führt Wirtschaft, Politik und Sport zusammen. Das Turnier ist sowohl ein großer Branchentreff als auch ein Laufsteg für Prominente. So schaute unter anderem Nico Rosberg, Führender der aktuellen Formel 1-Saison, oder Ex-Schwimmerin Franziska Van Almsick auf dem Gelände vorbei.

Van Almsick zeigte sich begeistert und schwärmte angesichts der riesigen Reitarena mit 40.000 Plätzen: „Für Schwimmer ist es nicht normal, in ein so großes Stadion zu kommen.“ Ihre einzige Sorge in Aachen: „Man muss aufpassen, dass einem kein Pferd auf den Fuß latscht.“

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