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24.07.2016

19:28 Uhr

Rio 2016

Das Olympia der Reichen

Der größte Gewinner der olympischen Spiele dürfte ein 91-jähriger Milliardär werden. Das passt zu Sommerspielen, bei denen Armut nicht erwünscht ist. Selbst das olympischen Dorf wird später eine Luxussiedlung.

ARCHIV - Das Firmenschild des Unternehmens Carvalho Hosken steht am 26.05.2016 vor dem Eingang des Wohnkomplexes Ilha Pura in Rio de Janeiro (Brasilien). Das Unternehmen war zusammen mit dem Baukonzern Odebrecht für den Bau des Olympiadorfes zuständig. Nach den Olympischen Spielen sollen die Wohnungen an zahlungskräftige Käufer verkauft werden. Foto: Georg Ismar/dpa (zu dpa-Story: Blick auf Olympia «Die Barra-Connection: Wer das Geld mit Olympia macht» vom 22.07.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ dpa

dpa-Story: Blick auf Olympia

ARCHIV - Das Firmenschild des Unternehmens Carvalho Hosken steht am 26.05.2016 vor dem Eingang des Wohnkomplexes Ilha Pura in Rio de Janeiro (Brasilien). Das Unternehmen war zusammen mit dem Baukonzern Odebrecht für den Bau des Olympiadorfes zuständig. Nach den Olympischen Spielen sollen die Wohnungen an zahlungskräftige Käufer verkauft werden. Foto: Georg Ismar/dpa (zu dpa-Story: Blick auf Olympia «Die Barra-Connection: Wer das Geld mit Olympia macht» vom 22.07.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Rio de JaneiroWind peitscht über die Hochhaussiedlung. Hier schlafen während der Olympischen Spiele bald die besten Sportler der Welt. Am Eingang steht ein Aufsteller aus Plexiglas, darauf der Firmenname „Carvalho Hosken S/A“. Ein Arbeiter misst den Aufsteller mit einem Zollstock aus, er soll verhüllt werden. Denn den Namen soll keiner der Olympioniken im August zu sehen bekommen, wenn sie hier im Olympischen Dorf einziehen. Der Mann dahinter könnte aber der Gewinner dieser Spiele schlechthin werden, trotz seiner 91 Jahre.

Doch der Milliardär hält sich im Hintergrund, ab August werden rund 10.500 Sportler in der von ihm gebauten Siedlung, der „Ilha Pura“ in Rio de Janeiros Stadtteil Barra einziehen. Doch nach einer „reinen Insel“, einem Paradies, sieht es hier nicht aus. Auf einem Werbeplakat blickt ein Paar romantisch auf eine Wasserfläche, doch das hier ist eine Betonwüste. 31 Hochhäuser mit 17 Stockwerken.

Die Außenbereiche mit den Pools sind schick, aber die Einrichtung könnte Olympioniken eher an Sparta erinnern. Die Organisatoren stehen wegen akuter Finanzprobleme des Bundesstaats Rio de Janeiro unter Spardruck, Wohnungen sind mit Billigbetten und Plastik-Kleiderschränken bestückt.

Nach den Spielen kommt dann der Luxus. Es übernehmen dann wieder die Bauherren, die Unternehmen Carvalho Hosken und Odebrecht.

Brasiliens Wirtschaftskrise

Frust und Wirtschaftskrise

Die Unzufriedenheit in Brasilien mit der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff hängt in hohem Maße auch mit der Wirtschaftskrise zusammen. Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika. Die Exporte nach Brasilien betrugen 2014 laut Auswärtigem Amt etwa 11,8 Milliarden Euro. Die Einfuhren aus Brasilien sanken mit 6,6 Milliarden Euro um fast acht Prozent.

Rezession

Dem Land droht die tiefste Rezession seit den 1930er Jahren. 2015 brach die Wirtschaftsleistung um 3,8 Prozent ein, das Bruttoinlandsprodukt betrug 5,9 Billionen Real (1,48 Bio. Euro). Der Internationale Währungsfonds erwartet für 2016 minus 3,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Bis April waren 11,1 Millionen Menschen arbeitslos, die Quote lag bei 10,9 Prozent, 40 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Konsum ist eingebrochen, durch eine Inflation von zehn Prozent ächzen die Bürger unter steigenden Preisen. Da der Binnenmarkt in dem 200-Millionen-Einwohner-Land einen Anteil von 80 Prozent am BIP hat, liegt in der schwachen Nachfrage ein Hauptgrund des Einbruchs.

Strukturelle Probleme

Durch ein hohes Staatsdefizit fehlen Mittel für Investitionen, die Infrastruktur ist marode. Auch deutsche Autobauer wie Volkswagen müssen Einbrüche bei den Verkaufszahlen verkraften. Zudem gibt es Probleme wie überbordende Bürokratie.

Rohstoff-Exportabhängigkeit

Der niedrige Ölpreis lässt die Einnahmen sinken. Zudem ist der Ölkonzern Petrobras, mit 80 000 Angestellten größter Arbeitgeber, in einen enormen Korruptionsskandal verwickelt. Das staatlich kontrollierte Unternehmen verbuchte 2015 einen Verlust von 8,6 Milliarden Euro und ist zum massiven Sparen gezwungen.

Gibt man „Ilha Pura“ im Internet ein, geht es hinein in Traumwelten. Da ist zum Beispiel der Komplex Saint Michel mit fünf Hochhäusern, darin 131 bis 160 Quadratmeter große Appartements. Natürlich gehört ein Pool zum Haus. Der Preis: 1,52 Millionen Reais (380.000 Euro) für 160 Quadratmeter. Für europäische Verhältnisse billig, aber angesichts der Lage, 35 Kilometer weg von Copacabana, ein stolzer Preis.

Hier soll die Vision des neuen Rio realisiert werden, ohne lästige Favelas, das Rio der weißen Oberschicht. Der Luxusansatz - es wird auch Fitnessstudios, Kinos und Saunen geben - bildet einen großen Unterschied zu London 2012, wo das Olympiadorf im East End nach den Spielen Bürgern mit weniger dicken Gelbeuteln neue Wohnungen bescherte. Als gelungenes Beispiel einer erschwinglichen Wohnraumschaffung gilt auch München 1972.

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