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09.12.2016

14:02 Uhr

Russisches Staatsdoping

Über 1000 Sportler involviert

Mit einem gigantischen Betrugssystem hat Moskau nach WADA-Ermittlungen jahrelang Sportbetrüger beschützt und hofiert. Die Zahl von über 1000 Athleten wird inzwischen genannt. Was macht das IOC nun?

Laut der Welt-Anti-Doping-Agentur sollen mehr als 1000 russische Sportler Teil einer staatlichen Dopingpolitik gewesen sein. Außerdem sollen Dopingproben von zwölf Medaillengewinnern aus Sotschi manipuliert worden sein. Den russischen Olympioniken droht jetzt ein Ausschluss von den Olympischen Spielen 2018. dpa

Eröffnungsfeier Sotschi 2014

Laut der Welt-Anti-Doping-Agentur sollen mehr als 1000 russische Sportler Teil einer staatlichen Dopingpolitik gewesen sein. Außerdem sollen Dopingproben von zwölf Medaillengewinnern aus Sotschi manipuliert worden sein. Den russischen Olympioniken droht jetzt ein Ausschluss von den Olympischen Spielen 2018.

LondonRussland steht wegen ungeheuerlicher Dopingvorwürfe erneut am Pranger - angesichts umfassender neuer Enthüllungen droht nun womöglich sogar der komplette Ausschluss von den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang. Mehr als 1000 russische Sportler sind nach Ermittlungen der Welt-Anti-Doping-Agentur zwischen 2011 und 2015 Teil einer großangelegten staatlichen Dopingpolitik gewesen. Dies teilte WADA-Chefermittler Richard McLaren bei der Vorstellung seines zweiten Berichts am Freitag in London mit. Diese Athleten sollen entweder selbst gedopt haben oder von „der systematischen und zentralisierten Vertuschung und Manipulation des Dopingkontrollprozesses profitiert“ haben.

Auf Seite 1 des 95-seitigen Berichts des kanadischen Rechtsprofessors McLaren wurde von einer „institutionellen Verschwörung“ gesprochen, sowohl im Sommer- und Wintersport als auch unter behinderten Athleten. Die Sportler hätten mit russischen Offiziellen im Sportministerium und dessen Behörden wie der Nationalen Anti-Doping-Agentur RUSADA, mit dem Moskauer Kontrolllabor und dem Inlands-Geheimdienst FSB gemeinsame Sache gemacht, um Dopingtests zu manipulieren.

Doping: Die Chronik der Ereignisse im russischen Skandal

03. Dezember 2014

Der ARD-Dokumentarfilm „Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht“ enthüllt dank der Whistleblower Julia Stepanowa und Witali Stepanow, dass die Erfolge der russischen Leichtathleten offenbar Ergebnis von systematischem Doping, Vertuschung von Kontrollen und Korruption waren.

09. November 2015

Die unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) um Richard Pound und Richard McLaren liefert in ihrem ersten Bericht Nachweise für umfassende Doping-Praktiken in der russischen Leichtathletik.

13. November 2015

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF suspendiert Russlands Verband.

17. Juni 2016

Das IAAF-Council bestätigt die Sperre für die russischen Leichtathleten und damit den Olympia-Ausschluss in Rio. Nur einzelne Athleten könnten unter neutraler Flagge teilnehmen, sofern sie glaubhaft machen können, nicht ins Doping-System Russlands involviert zu sein.

18. Juli 2016

Im ersten Bericht von WADA-Chefermittler McLaren wird belegt, dass es eine Verwicklung auch des russischen Geheimdienstes FSB bei der Vertuschung von Doping-Fällen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gab. Auslöser der Untersuchung waren die Vorwürfe von Gregori Rodschenkow, ehemaliger Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Er hatte Vertuschungspraktiken in seinem Labor zusammen mit der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA enthüllt.

24. Juli 2016

Das Internationale Olympische Komitee entscheidet, dass die russische Mannschaft trotz der Doping-Vorwürfe nicht komplett von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen wird. Das IOC überträgt den internationalen Sportverbänden die Entscheidung, welche russische Athleten antreten dürfen. Am Ende werden rund 280 Russen zugelassen.

09. Dezember 2016

Mehr als 1000 russische Sportler seien zwischen 2011 und 2015 Teil einer großangelegten staatlichen Dopingpolitik gewesen, teilt McLaren in seinem zweiten Bericht mit. Es habe sich um eine „institutionelle Verschwörung“ über mehrere Jahre und sportliche Großereignisse hinweg gehandelt. Es seien auch Beweise gefunden worden, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 manipuliert worden seien.

Es seien auch Beweise dafür gefunden worden, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 manipuliert worden seien. Dabei handele es sich in vier Fällen um Gewinner von Goldmedaillen. Der Report untermauerte, dass Doping in Russland „in beispiellosem Umfang“ stattgefunden habe. „Das russische Team hat die Spiele von London in einer Weise korrumpiert, die nie dagewesen ist. Das ganze Ausmaß dessen wird wohl nie bekannt werden“, sagte McLaren.

Die Ermittler haben nach eigenen Angaben zahlreiche Interviews mit Zeugen sowie Datensätze, E-Mails und über 4000 Excel-Dokumente ausgewertet. Und dennoch scheinen die ersten Erkenntnisse erst die Spitze des Eisbergs zu sein. „Das Bild ist noch nicht komplett. Wir hatten nur Zugriff auf einen kleinen Teil der Daten und des Beweismaterials, das möglicherweise existiert“, sagte McLaren auf der Pressekonferenz im Londoner St-Pancras-Hotel.

Meldonium: ein Doping-Renner in Russland

Substanz

Meldonium war zumindest bis 2014 besonders in Russland ein Renner unter den für Doping genutzten Mitteln. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte hohen Missbrauch der Substanz in verschiedenen Sportarten festgestellt.

Verbot seit 2016

Der Wirkstoff wurd seit 1. Januar 2016 auf die gültige Liste der verbotenen Substanzen gesetzt.

Neue Fälle

Dennoch scheint es vor allem in der russischen Doping-Szene weiter beliebt zu sein. Die am Montag öffentlich gewordenen russischen Doping-Fälle mit Meldonium von Tennis-Stars Maria Scharapowa und der ehemaligen Eistanz-Europameisterin Jekaterina Bobrowa könnten Hinweise darauf sein.

Übersehen

Im Dezember habe sie ein Schreiben der WADA und der ITF bekommen, in dem auf die veränderten Doping-Regularien hingewiesen wurde. „Ich habe nicht auf die Liste geschaut“, sagte Scharapowa. Das Mittel habe sie seit 2006 eingenommen.

Weitere Fälle 2016

Eduard Worganow (Russland) Radsport
Olga Abramowa (Ukraine) Biathlon
Zwei Athleten des ASV Nendingen (nicht namentlich genannt) Ringen
Artem Tyschtschenko (Ukraine) Biathlon

Medikament

Meldonium wird unter dem Markennamen Mildronat als Herzmedikament in den baltischen Staaten und in Russland vertrieben; in Deutschland ist es als Arzneimittel nicht zugelassen. Es soll die Durchblutung fördern und somit als Medikament für Angina Pectoris und Herzerkrankungen geeignet sein.

Sport

Athleten versprechen sich durch die Einnahme der Substanz eine verbesserte Durchblutung und damit eine Steigerung der physischen sowie mentalen Belastungsfähigkeit.

Forschung

Bereits bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen stellten Wissenschaftler in einer Studie fest, dass vor allem Sportler aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion bevorzugt auf Meldonium zurückgriffen. Es war damals noch nicht verboten.

Studie

Laut einer russischen Studie von 2015 - kurz vor dem WADA-Verbot - fanden Moskauer Forscher in 724 von 4316 Urinproben Meldonium.

Im ersten am 18. Juli veröffentlichen Bericht hatte McLaren bereits Belege dafür gefunden, dass es eine Verwicklung auch des russischen Geheimdienstes FSB bei der Vertuschung von Doping-Fällen bei den Winterspielen 2014 in Sotschi gegeben habe. Damals hatte der Kanadier nur 57 Tage für die Untersuchung Zeit - diesmal viel länger. Damals hatte er mitgeteilt, dass zwischen 2012 und 2015 rund 650 positive Doping-Proben russischer Athleten in rund 30 Sportarten verschwunden seien.

Vor der Präsentation des zweiten Teils hatte IOC-Präsident Thomas Bach zur Vorsicht gemahnt: Es dürften keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Grundsätzlich verwies Bach darauf, die Verantwortlichen eines Dopingsystems - egal ob Athlet, Trainer oder Funktionär - gezielt zu bestrafen. „Ich möchte so eine Person niemals wieder bei Olympischen Spielen sehen“, hatte der deutsche IOC-Chef gesagt und seine Forderung wiederholt, schweren Betrug im Sport mit einem lebenslangen olympischen Bann zu ahnden.

Als der erste Teil des McLaren-Reports dreieinhalb Wochen vor Beginn der Rio-Spiele auf dem Tisch lag, delegierte das IOC die Einzelfallprüfung an die internationalen Sportverbände. Diese kamen ihrer Verantwortung aber kaum nach, gut 280 russische Sportler durften in Brasilien teilnehmen. Und als die Spiele schon im Gange waren, musste der Internationale Sportgerichtshof CAS immer noch Klagen russischer Sportler gegen ihren Ausschluss verhandeln.

Inzwischen hat das IOC zwei Kommissionen eingesetzt, die den Vorwürfen des Staatsdopings und der Manipulation von Dopingproben russischer Athleten in Sotschi nachgehen sollen. Es stellte der WADA für die weiteren Ermittlungen McLarens eine Finanzspritze von 500.000 Dollar in Aussicht.

Von

dpa

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