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18.05.2016

19:39 Uhr

Russland im Dopingsumpf

Dopingtrainer in den Knast, Sportler nach Rio

VonAndré Ballin

International laufen Doping-Untersuchungen gegen Russland an – dem gesamten Leichtathletikteam droht der Ausschluss von den Sommerspielen in Rio de Janeiro. Nun will das Parlament die Strafen für Sünder verschärfen.

Russlands Leichtathletikteam droht bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro der Ausschluss. dpa

Russland im Visier der Doping-Fahnder

Russlands Leichtathletikteam droht bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro der Ausschluss.

MoskauEs gibt nicht nur positive, sondern auch gute Doping-Meldungen für Russland dieser Tage. Diese zum Beispiel: 31 Teilnehmer der Olympischen Spiele in Peking wurden des Dopings überführt. Was daran gut ist? Die Athleten stammen aus zwölf Ländern. Russland ist also trotz medialen Dauerfeuers wegen zahlreicher Skandale nicht der einzige Doping-Sünder auf der Welt.

Trotzdem erinnert der russische Hochleistungssport derzeit an einen angeschlagenen Boxer. Ein Tiefschlag folgt dabei dem nächsten. So steht auch der ehemalige Box-Schwergewichtsweltmeister Alexander Powetkin auf der Liste der Dopingverdächtigen. Der in Moskau am 21. Mai geplante WBC-Titelkampf gegen Deontay Wilder muss wegen eines Meldonium-Befunds beim Russen verschoben werden – und platzt womöglich ganz.

„Er hat Meldonium im September genommen. Verboten ist Meldonium erst seit Januar dieses Jahres“, verteidigte Promoter Andrej Rabinski seinen Schützling. Bei dem Fund handle sich lediglich um minimale Restrückstände. Daher hoffe er auf eine „individuelle Entscheidung in den Verhandlungen mit dem WBC“, ergänzte Rabinski.

Doping-Nachkontrollen: 31 Olympia-Teilnehmer von Peking positiv getestet

Doping-Nachkontrollen

31 Olympia-Teilnehmer von Peking positiv getestet

Nach Doping-Enthüllungen versucht die olympische Bewegung, wieder in die Offensive zu kommen. Proben von Olympia-Teilnehmern in Peking und London sind nachgetestet worden: Erste Ergebnisse sind abschreckend.

Die Sperre, der Powetkin noch auszuweichen hofft, hat vier russische Gewichtheber(innen) am Dienstag schon ereilt: Alexej Kossow, Alexej Lowtschew und Olga Afanassjewa wurden vier Jahre, Olga Subowa als Wiederholungstäterin für acht Jahre wegen der Einnahme illegaler leistungssteigernder Mittel disqualifiziert.

Doch dies könnte sich noch als das geringste der zu erwartenden Probleme erweisen. Dem gesamten russischen Leichtathletikteam droht bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro der Ausschluss. Selbst die völlige Olympia-Sperre aller russischen Sportler ist laut IOC-Präsident Thomas Bach nicht ausgeschlossen. Die internationale Dopingagentur Wada hat Ermittlungen gegen Russland eingeleitet, das US-Justizministerium hegt sogar den Verdacht der Verschwörung und des Betrugs. Laut Bach ist der Bericht der Wada maßgeblich für die Teilnahme russischer Athleten. Als „eine schockierende Dimension des Dopings mit beispielloser krimineller Energie“ bezeichnete Bach in einem Gastbeitrag der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die jüngsten Anschuldigungen gegen Russland.

Meldonium: ein Doping-Renner in Russland

Substanz

Meldonium war zumindest bis 2014 besonders in Russland ein Renner unter den für Doping genutzten Mitteln. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte hohen Missbrauch der Substanz in verschiedenen Sportarten festgestellt.

Verbot seit 2016

Der Wirkstoff wurd seit 1. Januar 2016 auf die gültige Liste der verbotenen Substanzen gesetzt.

Neue Fälle

Dennoch scheint es vor allem in der russischen Doping-Szene weiter beliebt zu sein. Die am Montag öffentlich gewordenen russischen Doping-Fälle mit Meldonium von Tennis-Stars Maria Scharapowa und der ehemaligen Eistanz-Europameisterin Jekaterina Bobrowa könnten Hinweise darauf sein.

Übersehen

Im Dezember habe sie ein Schreiben der WADA und der ITF bekommen, in dem auf die veränderten Doping-Regularien hingewiesen wurde. „Ich habe nicht auf die Liste geschaut“, sagte Scharapowa. Das Mittel habe sie seit 2006 eingenommen.

Weitere Fälle 2016

Eduard Worganow (Russland) Radsport
Olga Abramowa (Ukraine) Biathlon
Zwei Athleten des ASV Nendingen (nicht namentlich genannt) Ringen
Artem Tyschtschenko (Ukraine) Biathlon

Medikament

Meldonium wird unter dem Markennamen Mildronat als Herzmedikament in den baltischen Staaten und in Russland vertrieben; in Deutschland ist es als Arzneimittel nicht zugelassen. Es soll die Durchblutung fördern und somit als Medikament für Angina Pectoris und Herzerkrankungen geeignet sein.

Sport

Athleten versprechen sich durch die Einnahme der Substanz eine verbesserte Durchblutung und damit eine Steigerung der physischen sowie mentalen Belastungsfähigkeit.

Forschung

Bereits bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen stellten Wissenschaftler in einer Studie fest, dass vor allem Sportler aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion bevorzugt auf Meldonium zurückgriffen. Es war damals noch nicht verboten.

Studie

Laut einer russischen Studie von 2015 - kurz vor dem WADA-Verbot - fanden Moskauer Forscher in 724 von 4316 Urinproben Meldonium.

Grund für die massiven Untersuchungen sind die Enthüllungen des bis vor kurzem noch höchsten Dopingaufsehers in Moskau: Grigori Rodtschenkow, ehemaliger Leiter des Moskauer Antidopinglabors, erhob in einem Interview mit der „New York Times“ den Vorwurf, dass bei Wladimir Putins Prestigeprojekt, den Olympischen Spielen in Sotschi, Dutzende russischer Athleten gedopt an den Start gegangen sein. 15 von ihnen gewannen demnach Medaillen – gedeckt von einem staatlich gelenkten Betrugssystem unter Aufsicht des Geheimdienstes FSB.

Im verantwortlichen Dopinglabor sollen durch ein Loch in der Wand nachts heimlich belastete Urinproben gegen saubere, aber bereits mehrere Monate alte Proben ausgetauscht worden sein. Es sei sogar eine Methode gefunden worden, die versiegelten Röhrchen für den Betrug unbemerkt zu öffnen und wieder zu verschließen, behauptete Rodtschenkow.

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