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22.06.2016

14:44 Uhr

Selbstversuch

Wie ich gegen Timo Boll spielte

VonMichael Brackmann

Handelsblatt-Mitarbeiter Michael Brackmann ist ein großer Tischtennis-Fan. Er hätte es sich nicht träumen lassen, mal ein paar Bälle mit dem Weltstar Timo Boll zu wechseln. Nach einem Interview klappte es dann doch.

DüsseldorfFrüher einmal, es ist eine gefühlte Ewigkeit her, spielte ich in der 2. Bundesliga Tischtennis. Danach stand ich 30 Jahre lang nur noch selten an der Platte. Doch jetzt, nach einem Interview im Deutschen Tischtennis Zentrum, stand mir in Düsseldorf auf der anderen Seite des Tischs Timo Boll gegenüber. Vor dem ersten Ballwechsel wunderte sich der Weltklassespieler über meine – für Europäer ungewöhnliche Penholder-Schlägerhaltung. Danach staunte nur noch einer: ich.

Der ungleiche Schlagabtausch beginnt mit einem Konterspiel: Linkshänder Boll spielt den Ball mit seiner Rückhand diagonal auf meine Vorhand – natürlich mit „angezogener Handbremse“. So flitzt die Kugel immerhin fünf-, sechsmal in Folge über das Netz hin und her – bis die Schlagkraft erhöht wird und ich den Ball hinter oder neben die Platte setze.

Die Karriere des Timo Boll

Status

Schon 2003 war er Weltranglisten-Erster und belegte von da an immer einen Platz unter den Top Sieben. Seit 2002 ist er der dominierende Spieler in Europa.

Stil

Timo Boll ist Linkshänder und spielt mit der europäischen Shakehand-Schlägerhaltung. Sein aggressiv-offensives Topspin-Spiel setzt er sowohl tischnah als auch aus der Halbdistanz ein. Er gilt als der Spieler mit dem besten und variabelsten Spin.

Persönliches

Geburtsdatum: 8. März 1981, Geburtsort: Erbach, Größe: 181 cm, Gewicht: 78 kg

Familie

Boll ist seit dem 31. Dezember 2003 mit Rodelia Jacobi verheiratet. Mit ihr hat er eine gemeinsame Tochter (* Dezember 2013).

Jugend

Bereits mit vier Jahren kam Timo Boll zum Tischtennis und wurde damals von seinem Vater trainiert. Mit acht Jahren wurde er vom hessischen Landestrainer Helmut Hampl entdeckt, der ihn daraufhin förderte. 1990 begann er im Trainingszentrum Pfungstadt zu trainieren.

Schüler

Die ersten internationalen Erfolge feierte Timo Boll 1995 bei den Schüler-Europameisterschaften in Den Haag, bei denen er dreimal Gold gewann. Nach dem zweiten Platz 1996 bei seiner ersten EM in der Jugendklasse gewann er in den beiden folgenden Jahren den Titel im Einzel und weitere Medaillen im Doppel und mit der Mannschaft.

Größte Erfolge

Seine bedeutendsten Erfolge waren der dritte Platz bei der WM 2011 sowie der zweimalige Gewinn des Weltcups. Die Europameisterschaft gewann er sechs, die Europe TOP-12 fünfmal. Im Doppel wurde er Vize-Weltmeister und fünffacher Europameister. Mit dem deutschen Team gewann Boll 2008 Olympisches Silber in Peking, Bronze in London 2012, sowie fünfmal den Europäischen Titel.

Borussia Düsseldorf

Im Dezember 2006 unterschrieb Timo Boll einen Dreijahresvertrag bei Borussia Düsseldorf, dem deutschen Rekordmeister. Der Wechsel war aufgrund der finanziellen Lage Gönnerns und fehlender Spitzenspieler und Erfolge abzusehen. Inzwischen wurde der Vertrag bis 2018 verlängert.

Rekord

2015 wurde er zum zehnten mal Deutscher Meister und überholte damit Eberhard Schöler und Conny Freundorfer, die mit neun Titelgewinnen bis dahin den Rekord hielten.

Nächste Übung: Aus der Halbdistanz meine Vorhand-Topspins, die Boll mit seiner Rückhand an der Platte zurückblockt. Zum Glück klappt der Topspin noch ganz gut, aber Bolls Rückhandblock wirkt wie eine Wand, von der meine Schläge unerbittlich zurückprallen. Einst war der Vorhand-Topspin meine schärfste Waffe – aus Bolls Sicht könnte man diese „Waffe“ wahrscheinlich für den Friedensnobelpreis nominieren.

Rollentausch: Aus der Halbdistanz spielt Boll nun Rückhand-Topspins, die ich mit der Vorhand an der Platte zurückblocke, genauer gesagt: gerne zurückblocken würde. Denn inzwischen hat Boll seine „Handbremse“ gelockert: Die Bälle kommen jetzt mit hohem Tempo und enormem Drall auf mich zugeschossen.

Ich block die meisten direkt ins Netz oder neben die Platte. „Da ist neben Vorwärtsspin auch noch etwas Seitenspin drin“, sagt Boll lächelnd. Was für ein Klassenunterschied! Damit verglichen dürfte der Manchester-Kapitalismus eine egalitäre Gesellschaft gewesen sein.

Allmählich geht mir die Puste aus, Boll natürlich nicht. Ich schwitze immer mehr, Boll schwitzt nicht. „Soll ich mal ein paar Aufschläge machen?“, fragt er. „Gerne“ antworte ich. Noch eine Serie von Vorhand-Topspins gegen sein Rückhandbollwerk? Besser nicht. Schnappatmung ist im Deutschen Tischtennis Zentrum schließlich nicht angesagt.

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