Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.01.2016

21:34 Uhr

Sport im Sumpf

Korruption, Doping, Wettbetrug und die Geldgier

VonThomas Schmitt

Wo ist der saubere Sport geblieben? Fußball versinkt in der Korruption, Leichtathletik im Doping und Tennis im Wettbetrug. Nur drei Beispiele für die dunkle Seite des Sports, die von Renditegier getrieben wird.

Die Jagd nach dem großen Geld korrumpiert den Spitzensport. Die Folge davon: Funktionäre mauscheln, Sportler dopen und Kriminelle manipulieren mit Wetten. AFP

Geld im Sport

Die Jagd nach dem großen Geld korrumpiert den Spitzensport. Die Folge davon: Funktionäre mauscheln, Sportler dopen und Kriminelle manipulieren mit Wetten.

DüsseldorfBetrug ist ein ständiger Begleiter des Spitzensports. Leider müssen sich Sportliebhaber daran gewöhnen. Die Vorwürfe gegen Top-Tennisspieler sind da wohl erneut nur die Spitze des Eisbergs. Experten vermuten viel mehr dunkle Machenschaften. Allerdings ist der Kampf gegen Kriminelle schwer und teuer.

Beispiel Tennis: In den vergangenen zehn Jahren sollen 16 der besten 50 Tennisspieler Spiele manipuliert haben. Das ergaben Recherchen der englischen BBC und des amerikanischen Medienportals Buzzfeed. Namen wurden noch keine genannt, vielleicht, weil dies juristisch bedenklich ist. Doch der Hinweis darauf bedeutet keine Entwertung der verbreiteten Informationen.

Wettbetrug im Tennis ist nicht neu. Sogar Sanktionen gab es schon: „Es wurden sechs lebenslange Sperren ausgesprochen und insgesamt 18 Strafen verhängt“, stellt Tennisfunktionär Chris Kermode fest. Allerdings ist es häufig schwer, einen Betrug auch gerichtsfest zu beweisen. Das hängt mit den Eigenarten dieses Sports zusammen und mit der geschickten Vorgehensweise der Betrüger.

Manipulation im Tennis: Fakten und Gerüchte

Bericht

16 Top-Spieler seien in den vergangenen zehn Jahren angeblich in Spielabsprachen verwickelt gewesen, unter ihnen sei ein Einzelsieger eines der vier Grand-Slam-Turniere. Die britische BBC und das US-Medium BuzzFeed nennen aber keine Namen von noch aktiven, verdächtigten Spielern.

Geheim

In einem geheimen Bericht seien den Tennis-Verbänden 2008 28 Spieler genannt worden, gegen die aufgrund von möglichen Verwicklungen in Manipulationen Untersuchungen eingeleitet werden sollten. Auf juristischen Rat hin sei aber nichts gegen die Akteure unternommen worden.

Verdächtig

Wettsyndikate aus Russland und Italien hätten unter anderem auch auf drei verdächtigte Matches in Wimbledon gesetzt.

Problem

Weil es keinen Zugang zu Telefonen, Bank- und Computerdaten gebe, könne den Verdächtigen die Teilnahme an Wettmanipulationen nicht nachgewiesen werden.

Gerüchte

Gerüchte über verschobene Spiele, absichtliche Niederlagen und Wettbetrug gibt es seit Jahren immer wieder, verurteilt wurden aber bislang nur unterklassige Profis, die bei kleineren Turnieren wenig Preisgeld verdienen.

Ein Fall

Erwähnt wird die Partie zwischen dem Russen Nikolai Dawydenko und dem Argentinier Martin Vassallo Arguello 2007 in Sopot, in der Dawidenko aufgab. Er beteuerte, verletzt gewesen zu sein, die Ermittlungen wurden eingestellt.

Manipulation im Tennis

Es gab schon vor mehr als einem Jahrzehnt Gerüchte, wonach prominente Profis das Antrittsgeld kassiert und in der ersten Runde absichtlich verloren haben sollen.

Verurteilte Spieler

Seitdem 2008 die sogenannte Tennis Integrity Unit (TIU) - mit Hilfe ehemaliger Kriminalbeamter - ihre Arbeit aufnahm, wurden nur Spieler aus den unteren Regionen der Weltrangliste gesperrt. Der Österreicher Daniel Köllerer war noch ein vergleichsweise prominenter Fall. 18 Verfahren sind laut TIU erfolgreich abgeschlossen, fünf Spieler und ein Offizieller seien lebenslang gesperrt worden.

Anreize für Betrug

Weil die Preisgelder auf den kleinen Turnieren nicht üppig sind. Die Grand-Slam-Turniere haben die Prämien für die Verlierer der ersten Runden spürbar erhöht. „Da verdient man ja eigentlich genug Geld“, sagte die Darmstädterin Andrea Petkovic am Montag in Melbourne.
Von Manipulationsversuchen auf kleineren Turnieren habe sie dagegen bereits gehört, erklärte die Darmstädterin. „Weil da verdienst du echt nichts, und da ist der Anreiz größer, das zu machen.“

Preisgelder

Bei den Grand-Slam-Turnieren wurden in den vergangenen Jahren nicht zuletzt die Preisgelder für die ersten Runden erhöht.

In vielen Sportarten werden junge und finanziell knapp ausgestattete Athleten von Zuarbeitern der Wettbetrüger angesprochen. Auch dem aktuell besten Tennisspieler Novak Djokovic ist das passiert. 2007 wurden seinem Team angeblich 200.000 Dollar für eine Niederlage geboten. Der Serbe lehnte ab. Umso erstaunlicher ist seine Reaktion auf die jüngsten Veröffentlichungen.

„Ich glaube nicht, dass das einen Schatten auf unseren Sport wirft. Es gibt bislang keine klaren Beweise, dass aktive Spieler betroffen sind. Solange ist es reine Spekulation“, sagte er beim Grand-Slam-Turnier in Melbourne. Nicht weniger beschönigend wie entlarvend sind viele Aussagen von Funktionären. Bestritten und dementiert wird meist solange, bis es nicht mehr geht.

Wettbetrug im Tennis: Reaktionen auf die Vorwürfe

Alfons Hörmann (DOSB-Präsident)

„Das wäre ein weiterer Tiefschlag. Ich empfinde solche Nachrichten als Schlag in die Magengrube für alle die, die sich für den Sport engagieren. Ich bin aber noch vorsichtig, es lohnt sich, ein paar Stunden abzuwarten, bis die Nachrichten klarer sind. Die Frage eines fairen und den Prinzipien des Sports entsprechenden Wettkampfes steht für mich an aller erster Stelle. Wenn das Spiel oder der sportliche Wettbewerb manipuliert wird, dann ist das die Bankrotterklärung für den Sport.“

Roger Federer (Tennisprofi)

„Ich würde gerne die Namen wissen. War es ein Spieler oder seine Entourage? Wann? Ein Einzel- oder Doppelspieler? In welchem Grand Slam? Es gibt keinen Platz für dieses Verhalten in unserem Sport, ich habe kein Verständnis dafür.“

Novak Djokovic (Tennisprofi)

„Ich glaube nicht, dass das einen Schatten auf unseren Sport wirft. Es gibt bislang keine klaren Beweise, dass aktive Spieler betroffen sind. Solange ist es reine Spekulation.“

Serena Williams (Tennisprofi)

„Ich kann nur für mich antworten: Wenn ich spiele, gebe ich mein Bestes. Und jede Spielerin, gegen die ich spiele, scheint ebenfalls ihr Bestes zu geben.“

Andrea Petkovic (Tennisprofi)

„Die ATP muss entweder die Wetten auf den kleinen Turnieren unterbinden oder das Preisgeld so erhöhen, dass die Jungs davon leben können.“

Philipp Kohlschreiber (Tennisprofi)

„Wettbetrug gibt es leider Gottes in jeder Sportart. Man darf aber jetzt nicht alle Spieler und die Tour schlecht machen. Man arbeitet positiv dagegen, es gibt für uns Spieler viele neue Regeln.“

Chris Kermode (ATP-Präsident)

„Ich weise die Beschuldigungen zurück, dass wir irgendwelche Dinge zurückhalten oder nicht gründlich untersuchen. Wir sind wachsam. Wir brauchen Beweise. Wir sind uns bewusst, dass es wie in anderen Sportarten auch im Tennis diesbezügliche Risiken gibt. Aber die Verschiebungen bewegen sich auf einem unglaublich niedrigen Niveau.“

Dahinter steckt die Sorge ums eigene Image: Der Sport muss sauber sein. Daran hängt das Finanzierungssystem in vielen Bereichen. Nur dann pumpen Sponsoren weiter Geld ins System. Nur dann bleiben Fans mit voller Begeisterung dabei. Und nur unter dieser Voraussetzung ist Werbung im Sport sinnvoll. Alle – Funktionäre, Sportler und Werber – setzen darauf, dass Skandale schnell in Vergessenheit geraten.

Meist geht die Kalkulation auf. Allerdings häufen sich spektakuläre Negativnachrichten in den vergangenen Monaten. Was zeigt: Der gesamte Spitzensport steckt viel tiefer im Sumpf als viele denken.

 

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×