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30.11.2013

18:06 Uhr

Sport und Menschenrechte

„Das IOC hat versagt“

VonAnis Micijevic

Ausbeutung von Gastarbeitern, Anti-Homo-Gesetze und Gigantismus: Sportphilosoph Volker Schürmann hält die Winterspiele in Sotschi für unvereinbar mit der Olympischen Charta. Doch auch die WM-Vergabe an Katar sei falsch.

Das IOC steht wegen der Vergabe der Winterspiele an Sotschi in der Kritik.

Das IOC steht wegen der Vergabe der Winterspiele an Sotschi in der Kritik.

Handelsblatt Online: Herr Schürmann, Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty hat bei der Vorstellung der Studie „The Dark Side of Migration“ zu den Zuständen im WM-Gastgeberland Katar gesagt, dass es unentschuldbar sei, dass in einem der reichsten Länder der Erde dermaßen viele Gastarbeiter skrupellos ausgebeutet werden. Geht Ihnen die Einschätzung zu weit oder würden Sie Shetty zustimmen?
Volker Schürmann: Er hat zunächst insofern recht, als dass unser Völkerrecht, das in allen Uno-Staaten gilt, die Anerkennung der Menschenrechte und die Anerkennung der Menschenwürde einfordert. Von diesem Punkt betrachtet ist das, was in Katar passiert, unentschuldbar – ganz unabhängig davon, ob es sich um einen armen oder reichen Staat handelt. Es wird natürlich besonders schrecklich, wenn das auch noch ein reicher Staat macht, in dem so etwas nun wahrlich nicht nötig wäre.

Das Problem existiert offenbar nicht nur in Katar. Auch aus Russland erreichen uns Meldungen, die von der Ausbeutung von Olympia-Gastarbeitern in Sotschi berichten. Welche Verantwortung tragen Veranstalter von sportlichen Großereignissen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder der Weltfußballverband Fifa in solchen Fällen?
Das IOC und die Fifa tragen in Bezug auf die Arbeitsbedingungen in Sotschi und Katar eine sehr hohe Verantwortung. Sie tragen diese Verantwortung aber nicht als Sportorganisationen im engeren Sinne, sondern sie tragen sie als Veranstalter, die sportliche Wettbewerbe in Ländern initiieren, deren Arbeitsbedingungen wir als Gesellschaft nicht dulden können.

Volker Schürmann ist Professor am Institut für Pädagogik und Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln. PR

Volker Schürmann ist Professor am Institut für Pädagogik und Philosophie an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Kann man die Diskussion um die Olympischen Winterspiele in Sotschi und die Fußball-WM in Katar überhaupt vergleichen?
Nein, man muss differenzieren: Bei der Debatte um die homophobe Gesetzgebung ist die Olympische Charta direkt betroffen. Jede Form von Diskriminierung ist mit der Olympischen Charta unvereinbar. Ihr ganzer Geist beruht auf den Menschenrechtserklärungen und spiegelt sie wider. Hier ist das IOC als Sportorganisation direkt betroffen, da es aus dem eigenen Selbstverständnis heraus diesen besonderen Charakter der Olympischen Spiele aufrecht erhalten muss. Im Fall der Arbeitsbedingungen sind IOC und Fifa auch betroffen, aber nicht als Sportorganisationen, sondern als Veranstalter.

Hat das IOC in seiner gesellschaftlichen Funktion versagt?
Ja sicher. Wenn das IOC olympischen Sport betreibt, der gegen jede Form von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung steht, der sich für Völkerverständigung und Frieden in der Welt einsetzt, dann ist Olympia als politische Veranstaltung zu verstehen. Wenn man sich das auf die Fahnen geschrieben hat, dann muss man auch im Sinne dieser Werte und grundlegenden Prinzipien aktiv agieren.

Was muss sich konkret ändern?
Kritischer Sportjournalismus und eine wache Weltöffentlichkeit müssen dafür sorgen, dass sich die Strukturen des IOC ändern. Die Vergabepraxis muss hinsichtlich der Kriterien transparenter werden. Die Evaluation der Bewerbungsunterlagen hat im Falle von Sotschi eine deutliche Sprache gesprochen und die Stadt hat die Winterspiele trotzdem bekommen. Wieso eigentlich?

Kommentare (9)

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Oliver42

30.11.2013, 18:15 Uhr

Volker Schürmann hat vollkommen Recht. Das IOC hat mit den Vergaben der Olympischen Spiele nach Sotschi und nach Katar eine ethische und moralische Bankrotterklärung vollzogen.

Es geht nur noch ums Geld und ums Geschäft. Das aber mit Russland dort die "Putin-Spiele" ausgerufen werden, so wie Hitler 1936 und in Katar Gastarbeit sich zu Tode schuften müssen und dort ein Land ausgewählt wurde, das weit von den westlichen Standards in Menschenrechtsfragen entwfernt ist, das interessierte den IOC überhaupt nicht.

Daher bin ich auch froh, das bayrische Bürger dem IOC einen "Korb gegeben haben" und keine Winterspiele nach Bayern kommen. Früher fand ich Olympia einmal gut, heute ekelt es mich eher an.

Fairgame

30.11.2013, 19:23 Uhr

Wie ist es denn mit der Vergabe an USA oder UK? Soll man die Spähaffaere als Bürgerrechtverletzung betrachten und eine Vergabe verweigern? Hinzukommt das extralegale Töten durch Drohnen.

peter_berlin

30.11.2013, 19:58 Uhr

Katar ist auf den ersten Blick bestimmt sehr reizvoll. Aber bitte nicht hinter die Kulissen schauen! Bis letztes Jahr sind wir Langstrecken nach Asien mit Qatar Airways Business geflogen. Was mir dort am sauersten aufgestoßen ist: Unser 3-jähriger Sohn zahlt den Preis eines Erwachsenen für seinen Sitzplatz aber einen Anspruch auf Prämienmeilen hat er nicht :-( Ein Kindermenü zu bekommen, ist auch ein ausgesprochener Glücksfall. Ich finde das sehr diskriminierend. Und wenn ich jetzt von den üblen Verhältnissen bei den Gastarbeitern höre, passt das ins Bild. Ich kann gerne auf die WM verzichten. Dass die korrupte Fifa da ernsthaft was ändert, glaube ich eher nicht.

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