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09.01.2010

15:00 Uhr

Sportpolitik Sportpolitik

Daume war laut Spiegel Nazi-Spitzel

Der ehemals einflussreichste deutsche Sportfunktionär Willi Daume soll während des Zweiten Weltkrieges als Informant für den Sicherheitsdienst der SS gearbeitet haben.

Willi Daume wurde 1956 in das Internationale Olympische Komitee berufen. Foto: Bongarts/Getty Images SID

Willi Daume wurde 1956 in das Internationale Olympische Komitee berufen. Foto: Bongarts/Getty Images

Der 1996 verstorbene Willi Daume, jahrzehntelang der einflussreichste Sportfunktionär im Westen Deutschlands, soll nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel während des Zweiten Weltkrieges als Informant für den Sicherheitsdienst (SD) der SS gearbeitet haben. Der Spiegel beruft sich dabei auf eine jetzt veröffentlichte Dissertation des Historikers Jan C. Rode, der als Forscher an der Universität Hannover arbeitet.

Der Deutsche Olympische Sportbund (Dosb) wollte sich auf SID-Anfrage zunächst nicht zu diesem Thema äußern. Allerdings sind Berichte über Willi Daumes angebliche Nazi-Vergangenheit nicht ganz neu, diesbezügliche Diskussionen hatte es bereits vor zwei Jahren bei der Gründung der Hall of Fame des deutschen Sports gegeben. Daume war von 1961 bis 1992 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), von 1950 bis 1970 war er zudem Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB).

Daume soll Ende 1937 in die Nsdap eingetreten sein

Nach den Erkenntnissen des Geschichtswissenschaftlers Jan C. Rode soll Daume Ende 1937 der Nsdap beigetreten sein, außerdem habe er von 1943 an für den SD berichtet. Die Akte aus Willi Daumes Entnazifizierungsverfahren, die im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf lagert, sowie Dokumente des Auswärtigen Amts in Berlin belegen laut Rode, dass Daume mit Antrag vom 20. Dezember 1937 in die Partei aufgenommen worden war. Seine Mitgliedsnummer lautete 6 098 980. Noch im vergangenen Dezember veröffentlichte der Deutsche Olympische Sportbund eine Pressemitteilung, in der es hieß, Daume sei "nie Mitglied der Nsdap gewesen".

Die Tätigkeit für den SD hatte Daume selber Anfang der neunziger Jahre in bislang unveröffentlichten Interviews mit Mitarbeitern der Universität Hannover zugegeben. Darin hatte Daume sich verteidigt, er habe die Berichte lediglich angefertigt, um einem angedrohten Fronteinsatz in Stalingrad zu entgehen. Außerdem seien sie so "blödsinnig" gewesen, dass der SD das Interesse an seiner Mitarbeit verloren habe.

Nach Kriegsende bedeutendster Sportfunktionär im Westen Deutschlands

Bislang war über Daumes Leben in der Zeit des Nationalsozialismus nur bekannt, dass er Mitglied der Nsdap gewesen war. Der Industriellensohn Daume hatte 1938 nach dem Tod seines Vaters die Leitung der familieneigenen Eisengießerei in Dortmund übernommen.

Nach Kriegsende stieg er zum bedeutendsten Sportfunktionär der Bundesrepublik auf und gehörte bis 1991 dem Internationalen Olympischen Komitee an, dessen Vizepräsident er von 1972 bis 1976 war. Populär machten ihn in Deutschland vor allem die Sommerspiele von München 1972, Daume hatte die Bewerbung initiiert.

© SID

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