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22.10.2012

16:34 Uhr

UCI erkennt Tour-Titel ab

Lance Armstrong verliert alles

Sieben Tourtitel und seine Ehre als Sportler - alles weg. Tour-de-France-Legende Lance Armstrong „hat keinen Platz im Radsport“ urteilt der zuständige Weltverband. Aber sind die Verbandsoberen nicht Teil des Problems?

Offizielle Urteilsverkündung gegen Armstrong

Video: Offizielle Urteilsverkündung gegen Armstrong

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Genf/DüsseldorfIn der größten Dopingaffäre der Sportgeschichte hat Lance Armstrong seine sieben Tour-de-France-Titel verloren. Der Radsport-Weltverband UCI strich den Amerikaner am Montag in Genf aus allen Siegerlisten seit 1998 und sprach eine lebenslange Sperre gegen den Texaner aus. „Lance Armstrong hat keinen Platz im Radsport. So etwas darf nie wieder passieren“, sagte UCI-Präsident Pat McQuaid.

Persönliche Konsequenzen schloss er aus: „Ich werde nicht zurücktreten." Was mit Armstrongs Titeln der Jahre 1999 bis 2005 passiere, werde die UCI erst am kommenden Freitag bei einer Sondersitzung entscheiden, so McQuaid. Auch über eine Rückzahlungsforderung der Siegprämien soll dann entschieden werden. „Heute nehmen wir Armstrong die sieben Siege weg, am Freitag werden wir Weiteres besprechen. Dazu müssen wir die UCI-Regeln ändern", sagte McQuaid.

Dem 41-jährigen Armstrong war von der US-Anti-Doping-Agentur USADA jahrelanges und systematisches Doping nachgewiesen worden. Wie Zeugen - darunter ehemalige Teamkollegen - unter Eid berichteten, habe Armstrong unter anderem EPO-, Testosteron-, Kortison- und Blutdoping betrieben. Armstrong streitet die Vorwürfe ab. „Was ich im USADA-Bericht gelesen habe, macht mich krank“, sagte McQuaid. „Lance Armstrong hat keinen Platz mehr im Radsport, er muss vergessen werden.“

In den mehr als 1000-seitigen Bericht der US-Doping-Jäger hatten sich elf ehemalige Helfer Armstrongs offenbart. Der langjährige Radsport-Überflieger habe Teamkollegen zum Doping gezwungen und eingeschüchtert, als diese sich von ihm abgewandt hatten, stand in dem Dossier.

Eine eventuelle Neuvergabe der Tour-Titel soll an diesem Freitag geregelt werden. Armstrong hatte unter anderem dreimal Jan Ullrich und einmal Andreas Klöden auf den zweiten Platz verwiesen. Tour-Chef Christian Prudhomme hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, das Gelbe Trikot des Gesamtsiegers nicht neu zu vergeben.

Chronologie – Die Anschuldigungen bis zur Aufgabe

2. Juli 2004

Unmittelbar vor der Tour de France 2004 erscheint das Buch „L.A. Confidential“, in dem die beiden Journalisten David Walsh und Pierre Ballester schwere Doping-Vorwürfe gegen Lance Armstrong erheben. Der US-Amerikaner scheitert vor Gericht mehrfach mit dem Versuch, sich in dem Buch äußern zu dürfen.

1. Oktober 2004

Wegen Sportbetrugs wird der Sportarzt Michele Ferrari zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Der Italiener arbeitete lange mit Armstrong zusammen. Vom Vorwurf, Radsportler mit Dopingmitteln versorgt zu haben, wird Ferrari aus Mangel an Beweisen jedoch freigesprochen.

1. April 2005

Sein ehemaliger Betreuer Mike Anderson erklärt vor Gericht, 2004 „ein verbotenes Medikament“ in Armstrongs Badezimmer gefunden zu haben. Der reagiert darauf mit einer Schadensersatzklage.

24. Juli 2005

Armstrong gewinnt zum siebten Mal die Tour de France und beendet danach seine Karriere.

23. August 2005

Die französische Sportzeitung „L'Equipe“ berichtet, dass in sechs Urinproben von Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Die Proben waren eingefroren worden und konnten dem Bericht zufolge eindeutig Armstrong zugeordnet werden. EPO ist erst seit 2001 nachweisbar.

31. Mai 2006

Eine vom Weltverband UCI eingesetzte Kommission spricht Armstrong von den 1999er Doping-Vorwürfen frei. Die weltweite Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht „fast schon lächerlich“.

9. September 2008

Armstrong kündigt für 2009 sein Comeback an.

2. Oktober 2008

Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD schlägt Armstrong vor, die sechs Proben der Tour de France 1999 nochmals zu testen. Der US-Amerikaner lehnt das ab.

20. Mai 2010

Armstrongs ehemaliger Teamkollege Floyd Landis gibt öffentlich zu, die meiste Zeit seiner Karriere gedopt zu haben. Der Tour-Sieger von 2006 beschuldigt in diesem Zusammenhang auch Armstrong des Dopings. Der weist die Anschuldigungen zurück.

26. Mai 2010

Nach den Aussagen von Landis kündigen die US-Behörden an, die Ermittlungen gegen Armstrong auszuweiten. Es geht jetzt nicht nur um die Einnahme unerlaubter Mittel, sondern auch um die Frage, ob das Sponsorengeld des amerikanischen Postdienstleisters US Postal dazu genutzt wurde, um Dopingmittel zu finanzieren.

16. Februar 2011

Armstrong erklärt sein endgültiges Karriereende.

20. Mai 2011

Tyler Hamilton ist der nächste ehemalige Teamkollege, der schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong erhebt. „Ich sah EPO in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat“, sagt der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004 dem TV-Sender CBS.

4. Februar 2012

Die US-Staatsanwaltschaft stellt ihre Doping-Ermittlungen gegen Armstrong ein.

9. Februar 2012

Der Welt-Triathlonverband WTC gibt eine Kooperation mit Armstrong bekannt. Für sechs Starts kassiert seine Krebs-Foundation „Livestrong“ eine Million Dollar. Die erste Teilnahme soll im Oktober 2012 sein.

12. Februar 2012

Armstrong wird Zweiter beim Ironman 70.3, einem Wettkampf über die halbe Distanz. Zum Dopingtest müssen nicht wie üblich die ersten drei, sondern die Athleten auf den Plätzen vier bis sechs.

12. Juni 2012

Die nationale Anti Doping-Agentur USADA erhebt in einem Schreiben schwere vorwürfe gegen Armstrong. Proben aus den Jahren 2009 und 2010 sollen „vollkommen mit Proben übereinstimmen, an denen Blutmanipulation, inklusive EPO und/oder Blut-Transfusionen vorgenommen wurden.“ Armstrong wird sofort für alle Wettbewerbe gesperrt.

14. Juni 2012

Der WTC gibt bekannt, dass Armstrong wegen der laufenden Ermittlung nicht an Wettkämpfen teilnehmen darf. Der Ironman in Nizza am 24. Juni findet ohne den 40-Jährigen statt.

20. August 2012

Ein Gericht in Austin erklärt die Ermittlungen der USADA gegen Armstrong für rechtens. Der Texaner muss entscheiden, ob er eine Schiedsgerichts-Verhandlung will oder eine drohende lebenslange Sperre der USADA akzeptiert.

24. August 2012

Armstrong teilt in einem Statement mit, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgibt. Ihm droht nun die Aberkennung seiner Tour-Titel.

22. Oktober 2012

Der Radsport-Weltverband UCI hat das Urteil der US-Anti-Doping-Agentur USADA bestätigt. Armstrong verliert damit alle sieben Tour de France-Titel von 1999 bis 2005 und wird mit einer lebenslangen Sperre belegt.

Neben Armstrong als zentrale Figur einer „Doping-Verschwörung“ in den Teams US Postal und Discovery Channel war auch der Weltverband selbst in heftige Kritik geraten. In dem USADA-Bericht wurde etwa angedeutet, die UCI habe eine positive Dopingprobe Armstrongs verschleiert. McQuaid lehnte einen Rücktritt ab und verteidigte auch seinen umstrittenen Vorgänger als Verbandsboss, Hein Verbruggen.

„Natürlich kann man in der Rückschau immer sagen, man hätte mehr tun können“, sagte der UCI-Präsident. „Aber man kann nur so viel tun, wie das System, das in Kraft ist, zulässt. Es tut mir leid, dass wir nicht jeden verdammten Sünder erwischen konnten.“ Der gefallene Rad-Held Armstrong habe es verdient, vergessen zu werden.

Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) begrüßte die Entscheidung der UCI. „Entscheidend ist, dass ein ,verseuchtes Jahrzehnt' aufgearbeitet und endlich abgeschlossen wird“, sagte BDR-Präsident Rudolf Scharping.

Die US-Anti-Doping-Agentur hat die Aberkennung der Tour-Titel ebenfalls begrüßt. „Die UCI hat die richtige Entscheidung gefällt“, sagte USADA-Chef Travis Tygart am Montag. Seine Behörde hatte in einem umfangreichen Bericht die Doping-Vergangenheit des Ex-Radprofis dokumentiert. Tygart äußerte sich „erfreut, dass die UCI endlich ihren Kurs in dem Fall änderte und sich zu einer glaubwürdigen Entscheidung durchrang“. Dem Weltverband wurde in den vergangenen Jahren immer wieder eine auffallende Nähe zum Texaner nachgesagt.

„Heute ist ein historischer Tag für den sauberen Sport“, sagte Tygart. Der USADA-Chef meinte aber auch, das Armstrong-Urteil vom Montag werde den Radsport nicht endgültig vom Doping befreien. Dafür müsse eine unabhängige Kommission her, um gegen „die vielen Doping-Ärzte und korrupten Teamchefs“ vorzugehen. Auch die „Omerta“, die Mauer des Schweigens, sei noch nicht komplett durchbrochen.

Kritik allerdings kommt allerdings aus juristischen Kreisen: Mit der Aberkennung aller Resultate zurück bis 1998 verstoße die UCI gegen den Code der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, behauptet Doping-Fachanwalt Michael Lehner (Heidelberg).

„Dass die UCI das Urteil der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA voll übernommen hat, ist nicht okay. Sie schießt über das Ziel hinaus, denn sie darf das Sportrecht nicht beliebig handhaben. Dopingvergehen unterliegen einer achtjährigen Verjährungsfrist. Der WADA-Code lässt ein Urteil mit Aberkennung von Titeln und Resultaten bis zurück zum Jahr 1998 nicht zu", sagte Lehner dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Lehner glaubt, dass der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne die Entscheidung der UCI im Falle einer Intervention von Lance Armstrong korrigieren müsste, doch er sagt: „Ich habe in den CAS genauso wenig Vertrauen wie in die Verbände. Wenn die UCI-Führung Anstand hätte, würde sie genauso zurücktreten wie dies in der Politik üblich ist."

Kommentare (6)

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stetson

22.10.2012, 14:03 Uhr

Wieder einmal vermischen allzuviele persönliche Schuld eines Einzelnen, Kritik am Radrenn-System im Allgemeinen und das persönliche Schicksal eines Krebsgeheilten.
Persönliche Schuld kann weder durch das scheinheilige System noch durch die Krebs-Krankheit relativiert werden.

rolfnighthawk

22.10.2012, 14:50 Uhr

... ich würd an seiner stelle nun eine doktorarbeit schreiben (lassen)... Dr. Dope ... WOW

sailing

22.10.2012, 14:58 Uhr

zum Glück kommt die Wahrheit doch ans Licht auch wenn es im Radsport etwas länger dauert.

Allerdings verwundert die Aussage von McQuid:
..."Was ich im USADA-Bericht gelesen habe, macht mich krank“, sagte McQuaid."....

Entweder war er informiert über die Sytemimanennten Praktiken oder er ist nun völlig überrascehnd aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. In beiden Fällen ist er fehl am Platz

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