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05.07.2011

16:54 Uhr

Vergabe von Olympischen Spiele

Höher, schneller, heuchlerischer

Am Mittwoch entscheidet sich, welche Stadt die Winterspiele 2018 ausrichtet. Im Poker um das Milliardengeschäft Olympische Spiele blüht mit dem sportlichen Ehrgeiz aber vor allem eines auf: der Betrug.

Tag vor der Entscheidung

Spannung bei Olympia-Bewerbern für 2018 steigt

Tag vor der Entscheidung: Spannung bei Olympia-Bewerbern steigt

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Wie vergleichsweise einfach war es doch früher, Olympische Spiele zu bekommen. Am 25. April 1966 reichte dem deutschen Bewerber in Rom ein guter Draht von Willi Daume zum IOC-Präsidenten Avery Brundage, eine kleine Ausstellung im „Foro Italico“ und Ansprachen des deutschen NOK-Präsidenten und des Oberbürgermeisters Hans Jochen Vogel von zusammen neun Minuten - und München hatte das Wahlfinale des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) um die Spiele 1972 mit 31:16 Stimmen gegen Madrid gewonnen - gegen einen Konkurrenten, der seine Kandidatur erst vier Tage zuvor zu bestätigen vermochte.

45 Jahre später, wenn München am 6. Juli in Durban seinen zweiten olympischen Anlauf vollenden will, ist vieles anders: Olympische Spiele sind begehrt wie nie. Sie dienen den Staaten zur Selbstdarstellung, Städte nutzen sie für riesige Investitionsprogramme, Fernsehen und Sponsoren machen aus ihnen ein globales Geschäft. Und das IOC erzielt Umsätze im Vier-Jahres-Rhythmus von mittlerweile mehr als sechs Milliarden Dollar (4,6 Milliarden Euro). Alle wollen Einfluss nehmen und irgendwie verdienen. Einen Ausdruck hat der Run auf die Spiele dadurch gefunden, dass seit 1986 bei letzten Präsentationen vor dem IOC nun regelmäßig auch Könige, Staatsoberhäupter und Regierungschefs aufmarschieren.

Chronologie der Olympia-Bewerbung

18. Februar 2005

Bei einem olympischen Gipfel in Berlin wird entschieden, dass es für die Winterspiele 2014 keine deutsche Bewerbung mit München geben wird.

Juli 2007

Unmittelbar nach der IOC-Entscheidung für Sotschi 2014 unternimmt Münchens Oberbürgermeister Christian Ude am 5. Juli einen neuen Bewerbungsvorstoß für 2018. Am 24. Juli gibt der Deutsche Olympische Sportbund in Frankfurt eine Absichtserklärung für eine Münchner Kandidatur ab. Den Ambitionen von Berlin und Hamburg für Sommerspiele 2016 oder 2020 wird „einstimmig“ eine Absage erteilt.

22. Oktober 2007

Das DOSB-Präsidium verabschiedet eine Machbarkeitsstudie Münchens. Die sieht Wettkämpfe in München, Garmisch-Partenkirchen und am Königssee vor.

08. Dezember 2007

Einstimmig votiert die DOSB-Mitgliederversammlung in Hamburg für eine Kandidatur Münchens.

15. Juli 2008

Die Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH kommt in München zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. DOSB-Präsident Thomas Bach wird Vorsitzender, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude Stellvertreter.

12. Februar 2009

DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank wird Nachfolger von Geschäftsführer Wilfrid Spronk. Der langjährige Chef des Münchner Olympiaparks muss aus gesundheitlichen Gründen seinen Posten aufgeben.

18. März 2009

Annecy setzt sich in Frankreich als Bewerberstadt gegen die Mitkonkurrenten Nizza, Grenoble und Pelvoux durch.

23. April 2009

Südkorea geht nach zwei vergeblichen Anläufen für 2010 und 2014 zum dritten Mal mit Pyeongchang ins Rennen.

Juli 2009

Der Bundestag stimmt am 2. Juli dem Antrag der Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu, die Münchner Bewerbung „als nationale Aufgabe“ zu unterstützen. Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt wird am 9. Juli als Vorsitzende des 23-köpfigen Kuratoriums das Gesicht der Münchner Kampagne. Oberammergau wird zum Schauplatz für Biathlon- und Skilanglauf gekürt.

Oktober 2009

Acht Tage vor Fristende reicht München am 7. Oktober offiziell seine Bewerbung um die Winterspiele 2018 beim IOC ein. Einen Tag später muss sich die Bewerbergesellschaft finanziell von Stadt und Land unter die Arme greifen lassen. Ein Darlehen von einer Million Euro wurde in Anspruch genommen.

Eine Woche später ist Bewerbungsschluss beim IOC. München hat lediglich zwei Konkurrenten: Annecy und Pyeongchang. „Wir treten an, um zu gewinnen“, sagt DOSB-Präsident Thomas Bach. Tags darauf gibt München mit der Präsentation des Olympia-Logos den Startschuss zum Bewerbungs-Marathon.

06. November 2009

Mode-Unternehmer Willy Bogner wird Vorsitzender der Geschäftsführung der München 2018 GmbH.

15. März 2010

Bewerbungschef Bogner übergibt dem IOC am 15. März das „kleine Bewerbungsbuch“ mit allen Rahmendaten. Eine Woche danach beurlaubt die Münchner Bewerbungsgesellschaft Geschäftsführer Richard Adam nach nur 16 Monaten im Amt.

22. Juni 2010

Das IOC-Exekutivkomitee ernennt München, Annecy und Pyeongchang offiziell zu Kandidatenstädten.

Juli 2010

Änderung des Sportstättenkonzeptes: Der Passionsspielort Oberammergau scheidet am 5. Juli wegen Protesten der Bevölkerung aus. Biathlon und Langlauf sollen nun im staatlichen Gestüt Schwaiganger in Ohlstadt ausgetragen werden. Zehn Tage später wird das Budget für Münchens Bewerbung auf 33 Millionen Euro aufgestockt - ein echter Sparetat. Gegen Monatsende weigern sich viele Bauern in Garmisch-Partenkirchen, ihre benötigten Grundstücke zur Verfügung zu stellen.

September 2010

Aus gesundheitlichen Gründen legt Willy Bogner sein Amt als Vorsitzender der Münchner Bewerbung am 6. September nieder. Zum Nachfolger wird Bernard Schwank ernannt. Dann kehrt der Dachverband der Naturschützer der Münchner Bewerbung den Rücken. Kleine Eingriffe in die Natur könnten größten Schaden anrichten, sagen sie.

21. Oktober 2010

Beim ersten internationalen Schaulaufen der Bewerber in Acapulco vor der Vereinigung aller 205 Nationalen Olympischen Komitees macht das Münchner Team mit einer stimmungsvollen Vorstellung eine gute Figur.

November 2010

Das IOC verwarnt Pyeongchang. Die Ethik-Kommission rügt am 3. November, dass zwei große südkoreanische Firmen mit zwei internationalen Fachverbänden Sponsorenverträge schloss, die von IOC-Mitgliedern geleitet werden. Zahlen aus Bayern: Winterspiele in München würden nach Schätzungen der Bewerber knapp drei Milliarden Euro kosten. Wenig später votiert auf dem Bundesparteitag der Grünen die Mehrheit gegen die Olympia-Bewerbung in Bayern. Grünen-Chefin Claudia Roth zieht sich als Konsequenz aus dem Kuratorium der Bewerbungsgesellschaft zurück.

Dezember 2010

Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet am 15. Dezember die 47 staatlichen Garantien für die Bewerbung und sichert damit die finanzielle Beteiligung des Bundes zu. Geschenke gibt es dagegen einen Tag vor Heiligabend nicht: In einem Brandbrief an das IOC bekräftigen 59 Grundstücksbesitzer aus Garmisch-Partenkirchen, dass sie ihr Land nicht zur Verfügung stellen wollen.

11. Januar 2011

Die Münchner Bewerbungsgesellschaft übergibt mit dem fast 400 Seiten starken „Bid Book“ ihr offizielles Bewerbungsdokument in Lausanne an den IOC.

04. März 2011

Die Evaluierungskommission des IOC bescheinigt München nach ihrem Prüfbesuch eine „starke Bewerbung“.

Mai 2011

Beim Bürgerentscheid in Garmisch-Partenkirchen sagt eine Mehrheit von 58,07 Prozent „Ja“ zu Olympia 2018 am Fuße der Zugspitze. Witt & Co. können aufatmen. München hat den Olympia-Check der IOC-Prüfer bestanden. Fast gleichauf mit dem Favoriten Pyeongchang schneidet die bayerische Kandidatur im Evaluierungsbericht ab.

Der Gemeinde Garmisch-Partenkirchen gelingt es schließlich, durch „notarielle Beurkundung“ auch das letzte Teilstück der Kandahar-Abfahrt für die Winterspiele zu sichern. Vor 89 IOC-Mitgliedern kann München am 18. Mai ebenso wie Rivale Pyeongchang beim „technischen Briefing“ in Lausanne überzeugen. „Mehr und mehr sind wir tatsächlich eine echte Alternative“, resümiert Katarina Witt.

06. Juli 2011

Das IOC entscheidet auf seiner Vollversammlung im südafrikanischen Durban über den Austragungsort der 23. Olympischen Winterspiele. Bundespräsident Christian Wulff gehört zur Münchner Delegation.

Die Spiele 1984 mit dem alleinigen Bewerber Los Angeles bezeichnen einen Tiefpunkt, die Spiele 1992 eine Zäsur. 13 Städte bewarben sich 1986 um die Sommer- und Winterspiele, ein internes IOC-Papier summierte die gesamten Bewerbungskosten auf mehr als 150 Millionen Dollar. Es siegte Barcelona mit Regierungschef Felipe Gonzales gegen Paris mit Jacques Chirac, und weil die Olympier den pompös aufgetretenen französischen Regierungschef nicht mit leeren Händen entlassen wollten, beschenkten sie ihn mit Albertville, den eigentlich ungeeignetsten Ort für Winterspiele 1992.

Mitgesiegt hatte, wie schon bei der Präsidentenwahl 1980, Horst Dassler. Damals verhalf der Adidas-Chef dem Spanier Juan Antonio Samaranch zur Präsidentschaft. Nun wirkte er mit am Sieg der Heimatstadt des Katalanen. Der zeigte sich seinerseits erkenntlich und übertrug Dasslers Agentur ISL die Vermarktung olympischer Sponsorenrechte. Über den „heimlichen Herrscher des Weltsports“ schrieben spanische Medien damals, er habe im IOC Einfluss auf bis zu 30 Stimmen.

Dassler hat dazu einmal gesagt: „Es kann mir als Unternehmer nicht gleichgültig sein, wo unsere Produkte ausgestellt werden und unter welchen Umständen.“ Dieses Credo gilt seitdem - mehr oder weniger - für alle Olympia-Sponsoren.

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