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18.01.2016

10:50 Uhr

Wettbetrug im Tennis

Top-Spieler unter Manipulationsverdacht

Ein Skandal überschattet die Australian Open. In den Medien wird über Wettmanipulationen berichtet. Belastbare Beweise gibt es noch nicht, ebenso wenig konkrete Namen aktiver Spieler. Genannt werden jedoch Zahlen.

Geheime Dokumente entdeckt

Manipulationsskandal: Wie dreckig ist der Tennis-Sport?

Geheime Dokumente entdeckt: Manipulationsskandal: Wie dreckig ist der Tennis-Sport?

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MelbourneDie Australian Open hatten noch gar nicht begonnen, da lag am Montag schon ein dunkler Schatten über der Tennis-Welt. Knapp eine Stunde bevor im Melbourne Park die ersten Ballwechsel gespielt wurden, sorgten BBC und BuzzFeed mit Enthüllungen über einen vermeintlichen Wettskandal für Aufregung.

Nach Informationen der beiden Medien sollen 16 Profis aus den Top 50 in den vergangenen zehn Jahren in Spielabsprachen verwickelt gewesen sein. Darunter sogar der Sieger eines Grand-Slam-Turniers, auch beim Klassiker in Wimbledon sollen mindestens drei Partien manipuliert worden sein.

Die Informationen basieren auf geheimen Dokumenten, allerdings werden darin keine Namen genannt. Einige der beschuldigten Profis sollen aber auch bei den diesjährigen Australian Open am Start sein, was die Spielerorganisationen in den Fokus rückt.

Geldwäsche über Sportwetten in Milliardenhöhe

Mafia

Experten warnten 2014 vor möglicher Manipulation von WM-Spielen. Die Mafia setzt insgesamt mehr als 100 Milliarden Euro jährlich mit Wetten um. Fachleute sehen die Glaubwürdigkeit des Sports in Gefahr.

Wer ist anfällig für Spielmanipulation?

Bei der deutschen Nationalmannschaft oder anderen großen Fußballnationen, die den Profis hohe Prämien bezahlen, sei die Gefahr von Betrügereien verschwindend gering, sagte Sylvia Schenk, Korruptionsbekämpferin bei Transparency International Deutschland. Allerdings gebe es Länder, in denen die Profis deutlich weniger Geld erhielten oder lange auf ihre Bezahlung warten müssten. „Diese Spieler sind sicher anfälliger für Spielmanipulation“, meinte Schenk.

Kann es bei einer Fußball-WM passieren?

„Sicher ist die Gefahr vom Achtelfinale an nicht mehr so groß, aber in den Gruppenspielen kann das passieren“, warnte Korruptionsbekämpferin Sylvia Schenk bei einem Symposium an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Gerade dann, wenn die Qualifizierten feststehen und nur noch konkrete Ergebnisse abgesprochen werden müssten.“

Gibt es mehr Wettbetrugsfälle?

Weltweit nimmt die Zahl der Wettbetrugsfälle im Sport weiter zu. Rund 350 Fälle von Manipulationen hat das Unternehmen Sportradar, das jährlich weltweit 60.000 Spiele sportartübergreifend überwacht und kriminellen Strukturen auf der Spur ist, im Jahr 2013 festgestellt. „Die Tendenz ist leider steigend“, sagte Maximilian Schmitt von Sportradar.

Ausmaß an Wettbetrugsfällen?

Einer Studie zufolge werden mehr als 100 Milliarden Euro jährlich über Sportwetten gewaschen. Das schreiben die Pariser Universität Panthéon-Sorbonne und das Internationale Zentrum für Sportsicherheit ICSS aus Katar nach zweijährigen Untersuchungen. 80 Prozent der weltweiten Wetten seien demnach illegal.

Sportarten

Besonders der Fußball und Kricket seien von Wettbewerbs- und Wett-Manipulation betroffen, auch Tennis, Basketball, Badminton und Motorsport seien anfällig. Allein 2013 habe es mutmaßlich „Hunderte oder sogar Tausende“ Fälle von Betrug gegeben, das Unternehmen Sportradar hatte 350 Mal Manipulationen festgestellt.

Gründe

„Das schnelle Wachstum des globalen Sport-Wettmarkts hat ein gestiegenes Risiko der Infiltrierung durch organisiertes Verbrechen und Geldwäsche zur Folge“, sagte ICSS-Direktor Chris Eaton, der früher Sicherheitsbeauftragter beim Fußball-Weltverband FIFA war. „Kriminalität stiehlt die Seele und die Glaubwürdigkeit des Sports.“

Geldsummen

Allein bei Wetten auf Fußballspiele werden jährlich 400 Milliarden Euro bewegt; in Deutschland sind es laut Sportradar 30 Milliarden Euro, davon 15 Milliarden in der Bundesliga.

Was lässt sich gegen die Wettbetrugsfälle unternehmen?

Als Maßnahmen empfehlen die Pariser Wissenschaftler und das Institut aus Katar eine übergreifende Wettsteuer, um internationale Untersuchungen zu finanzieren.

Wie glaubwürdig ist die Studie?

Es fallen mehrfach methodische Mängel der Studie auf, die auch Experten kritisieren. „Die Autoren verwechseln illegale Wetten wiederholt mit Spielmanipulation“, schreibt der Buch-Autor Declan Hill auf seiner Internetseite. Zudem bringe die Studie oft die tatsächlichen mit den gemeldeten Korruptionsfällen durcheinander. Die Autoren waren zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

BBC und BuzzFeed werfen den Verantwortlichen vor, Informationen bewusst verschleiert zu haben. „Die Sportorganisationen sind immer wieder vor einer Gruppe von 16 Spielern, alle von ihnen unter den Top 50, gewarnt worden, aber keiner von ihnen wurde bestraft“, heißt es im US-Medium Buzzfeed.

Versinkt nach den Fußball-Verbänden FIFA, UEFA und DFB sowie dem Leichtathletik-Weltverband IAAF nun auch das Welttennis in einem Skandalsumpf? Die Bosse dementierten die Anschuldigungen umgehend. „Wir weisen jeden Vorwurf, dass Beweise über Wettmanipulationen verdrängt wurden, absolut zurück“, sagte ATP-Chef Chris Kermode auf einer nach den Enthüllungen eiligst einberufenen Pressekonferenz. Es gelte eine absolute „Null-Toleranz-Politik“, versicherte Kermode. Zudem gehe es in den Veröffentlichungen überwiegend um Fälle, die bereits zehn Jahre zurückliegen.

In der Tat steht auch in den neuen Enthüllungen eine Partie zwischen Nikolai Dawydenko und Martin Vassallo Arguello aus Argentinien bei einem Turnier im polnischen Sopot aus dem Jahr 2007 im Zentrum, die schon damals hohe Wellen geschlagen hatte. Die Ermittlungen dazu wurden jedoch ergebnislos eingestellt. Der Russe hatte verletzt aufgegeben, auf seine Niederlage waren bei Wettanbietern ungewöhnlich hohe Beiträge gesetzt worden. Vor allem in Russland und Italien sollen sich Wettbanden gebildet haben.

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