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15.01.2007

09:27 Uhr

Der Bulgare Wesselin Topalow (li.) und der Russe Wladimir Kramnik im Duell. Foto: dpa

Der Bulgare Wesselin Topalow (li.) und der Russe Wladimir Kramnik im Duell. Foto: dpa

WIJK AAN ZEE. Am Samstagabend mischte sich Wesselin Topalow beim Schachfestival in Wijk aan Zee überraschend unters Publikum. Das Hallenlicht in der „De Moriaan“ war grell und die Luft stickig, doch der – glaubt man der Weltrangliste – beste Schachspieler der Welt streckte zwischen Hundert anderen Kiebitzen sein Haupt, um einen Blick auf jenen Monitor zu erhaschen, der die letzte noch laufende Partie der Auftaktrunde zeigte. Nur van Wely und Radjabow saßen noch am Brett, beide hatten in dieser Partie aneinander vorbeigespielt, van Wely auf den weißen Feldern, Radjabow auf den schwarzen.

Eine Partie, die so ähnlich wirkte wie der Umgang, den der Bulgare Topalow und der Russe Wladimir Kramnik neuerdings miteinander pflegen. Sie ignorieren sich. Seit Kramniks WM-Sieg über Topalow im Herbst sind die Gräben zwischen beiden noch tiefer. Erst recht nach einem Interview Topalows mit der spanischen Tageszeitung ABC, dessen Inhalt so brisant war, dass der Bulgare zunächst das angeblich Gesagte bestritt. Doch seit der Journalist erklärte, er habe alles auf Band, schweigt Topalow behaarlich. Wortkarg blieb er auch am Samstag. Wenigstens gab er zu, das ABC-Interview tatsächlich gegeben zu haben. Was er genau gesagt habe, wisse er aber nicht mehr. „Es war chaotisch. Es wäre gut, die Bänder zu haben. Ohne die Bänder können wir nicht reden“, sagte Topalow und verschwand mit Manager Silvio Danailow. Bislang hatten die beiden Kramnik nie direkt unterstellt, beim WM-Kampf betrogen zu haben – ihre Äußerungen enthielten lediglich rufmörderische Konnotationen. Im besagten Interview erhob Topalow nun erstmals direkte Vorwürfe.

Kramniks Seite hat unterdessen die Ethik-Kommission des Weltschachbundes Fide eingeschaltet. „Wenn dieses Interview so gegeben worden ist, muss Topalow dafür bestraft werden“, fordert Carsten Hensel, Kramniks Manager. „Wir bestehen darauf, dass die Ethik-Kommission diesen Fall von A bis Z prüft.“ Der Weltverband müsse ein Zeichen setzen, andernfalls verkomme „Profischach zum Zirkus“.

Kramnik, so Topalows bizarrer Vorwurf, habe sich bei der WM in seiner Toilette, dem einzigen nicht videoüberwachten Raum, mithilfe eines in der Zwischendecke befindlichen Kabels Computerzüge vorsagen lassen. Allerdings spielte Kramnik, der unter Kollegen einen tadellosen Ruf genießt, hernach nicht wie ein Computer, sondern hatte sich mit typisch menschlichen Fehlern sogar in die Bredouille gebracht. Zudem waren vor jeder Partie Spieler und deren Räume genau kontrolliert wurden, Störsender blockierten das Empfangen elektronischer Signale, und auf der Bühne verhinderte eine Glaswand Zeichensprache zwischen Spielern und Zuschauern.

In Wijk aan Zee gibt es diese Kontrollen nicht. „Unsere Schiedsrichter sind sensibilisiert“, sagt Turnierdirektor Jeroen van den Berg. Ob Kramnik Topalow trotzdem noch die Hand reicht, bleibt abzuwarten. Die beiden treffen erst in der zwölften und vorletzten Runde aufeinander.

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