Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.07.2011

10:16 Uhr

Winterspiele 2018

Letzte Runde im Milliardenpoker um Olympia

VonMathias Peer, Andreas Schulte, Stefan Merx

Die Vergabe der Olympischen Winterspiele im heißen Durban wird zur Zitterpartie. Sollte München den Zuschlag erhalten, müssen für das Ereignis Milliarden investiert werden. Der wirtschaftliche Nutzen ist umstritten.

Lächeln für Olympia. Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen der Winterspiele lassen Katarina Witt, das offizielle Gesicht der Bewerbung, und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude nicht aufkommen. Quelle: dpa

Lächeln für Olympia. Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen der Winterspiele lassen Katarina Witt, das offizielle Gesicht der Bewerbung, und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude nicht aufkommen.

Köln/ MünchenIhren Elektro-Mini des Herstellers BMW parkt Katarina Witt mitten am Rollfeld des Münchener Flughafens. Sie trägt einen weißen Anorak von Adidas und posiert für die Fotografen vor der Flugzeugflotte der Lufthansa. Sie tut, was man von dem offiziellen Gesicht der Münchener Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018 erwartet: Sie lächelt. Es ist Anfang Januar, die Temperaturen liegen knapp über null und für die Bewerbungsgesellschaft beginnt die heiße Phase im Kampf um die Olympischen Ringe. Zusammen mit einer Delegation rund um Münchens Oberbürgermeister Christian Ude und den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, ist Witt unterwegs nach Lausanne, dem Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), um die offiziellen Bewerbungsunterlagen abzugeben. Das wäre auch per Post oder E-Mail möglich gewesen, aber auf die schönen Bilder, mit denen sich die Sponsoren in Szene setzen konnten, wollte man nicht verzichten.

396 Seiten lang ist das Dokument, mit dem München die IOC-Funktionäre überzeugen möchte. Die entscheidenden Zahlen finden sich darin im Kleingedruckten. 3,38 Milliarden Dollar sollen die Winterspiele kosten, sollte München bei der Entscheidung des IOC, die heute am frühen Abend in Durban fällt, den Zuschlag erhalten. 1,5 Milliarden sollen direkt in die Organisation des Großereignisses fließen. Der Rest ist für Investitionen in Verkehrsinfrastruktur und Sportstätten vorgesehen - und wird überwiegend aus der Staatskasse bezahlt.

Olympia 2018 - FAQ

Annecy, München, Pyeongchang. Wer hat die besten Karten?

München geht als aussichtsreichster Kandidat in die Entscheidung. Als Pluspunkte werten Experten die kürzlich gewonnene Zustimmung beim Volksentscheid in Garmisch sowie überzeugende internationale Präsentationen. Auf Rang zwei folgt Pyeongchang. Annecy in Frankreich gilt nur als Außenseiter. Die Finanzierung scheint dort kaum umsetzbar. Die amerikanische Olympia-Zeitschrift „Around the Rings“ veröffentlicht einen vierteljährlichen Bewertungsindex. Letzter Stand: München: 83 von 100 möglichen Punkten, Pyeongchang 79 und Annecy 69.

Wer entscheidet, wo die Olympischen Spiele 2018 stattfinden?

Beim IOC-Kongress in Durban in Südafrika haben heute 110 Mitglieder die Möglichkeit über den Austragungsort abzustimmen. Die Entschädigung fällt voraussichtlich zwischen 17.00 Uhr und 17.30 Uhr.

Wie läuft die Wahl ab?

Sollte ein Bewerber in der ersten Runde die absolute Mehrheit erhalten, ist er der Sieger. Erreicht er nur eine einfache Mehrheit, scheidet der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus. Es folgt eine Stichwahl mit den zwei verbliebenen Bewerbern.

Wo kann man die Entscheidung verfolgen?

Für einen Flug nach Durban dürfte es jetzt zu spät sein. Für einen Preis von rund 2.500 Euro hatten Reiseanbieter Pauschalpakete geschnürt. Trostpflaster für Daheimgebliebene: Der Bayrische Rundfunk überträgt ab 8.30 Uhr acht Stunden lang aus Südafrika. Zusätzlich geht Das Erste ab 14.10 Uhr auf Sendung. In München wird die Entscheidung auch auf einem Fanfest am Marienplatz übertragen.

Wer vertritt München bei der Abschlusspräsentation?

München eröffnet die abschließende Präsentationsrunde um 8.45 Uhr mit Oberbürgermeister Christian Ude, Testimonial Katharina Witt, IOC-Vizepräsident Thomas Bach, Bewerbungschef Bernhard Schwank sowie Biathletin Verena Bentele. Von Staats wegen ist Bundespräsident Christian Wulff mit von der Partie. Als Repräsentanten haben sich kurzfristig Ex-Fußballer Franz Beckenbauer und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer angemeldet.

Wie viel würden die drei Kandidaten für Olympia ausgeben?

München ist vergleichsweise billig. Mit einem Budget von 2,8 Milliarden Euro liegt die Stadt unter dem 3,6-Milliarden-Euro-Etat von Annecy und dem Budget von Pyeongchang, das 6,7 Milliarden Euro veranschlagt.

Für das IOC sind die Winterspiele auf jeden Fall ein Gewinn, unabhängig davon ob sie nach Pyoengchang, Annecy oder München vergeben werden: Selbst wenn die Organisatoren einen Verlust erwirtschaften, müsste der Steuerzahler dafür geradestehen. Doch lohnen sich die Winterspiele trotz der hohen Kosten und des finanziellen Risikos auch für das Gastgeberland? Münchens Oberbürgermeister Ude bejaht diese Frage mit großer Vehemenz, als er sich vor wenigen Wochen zum Interview mit Handelsblatt.com in einem Kölner Hotel einfindet. Er macht hier Zwischenstopp auf einer Reise nach London, wo er eine von vielen Olympia-Präsentationen vor Sportfunktionären abhalten will, um für seine Stadt zu werben.

Als Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft hat Ude in den vergangenen Monaten viel Zeit in die Kandidatur investiert. Platz für Zweifel an dem Erfolg von Winterspielen in seiner Stadt blieben dabei nicht: “München und ganz Bayern würden noch jahrzehntelang von den Olympischen Spielen profitieren”, schwärmt Ude. 1300 zusätzliche Wohnungen würde München erhalten, doch das sei nicht alles: “Wir würden nicht nur neue Wohnflächen im Olympischen Dorf bekommen, auch der Ausbau des S-Bahn-Systems würde sich dadurch beschleunigen. Für den Tourismus wäre Olympia jahrelang ein gewaltiger Auftrieb.”

Unterstützung erhält Ude dabei von dem Mainzer Professor für Sportökonomie Holger Preuß. Er hat mit Hilfe des Olympia-Sponsors Deloitte die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Olympischen Spiele untersucht, die von einem Zuschlag für München ausgehen würden. „Meine Kosten-Nutzen-Analyse zeigt, dass die Winterspiele in München 2018 bedeutsame Geldströme nach Deutschland lenken werden“, sagt Preuß. Nach seinen Berechnungen würde die Ausrichtung der Winterspiele und der Paralympics über einen Zeitraum von 18 Jahren – 2010 bis 2028 – im Schnitt 162 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich nach Deutschland fließen lassen. Im besten Szenario lägen die Überschüsse bei 3,4 Milliarden Euro, im schlechtesten bei 1,7 Milliarden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×