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06.08.2012

14:52 Uhr

Thomas de Maizière

„Grenze im Fall Drygalla überschritten“

Verteidigungsminister Thomas de Maizière schlägt sich in der Debatte um die politische Gesinnung Nadja Drygallas auf die Seite der Ruderin. Es sei eine Grenze überschritten worden – von der Öffentlichkeit.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière glaubt nicht, dass die Öffentlichkeit das Privatleben von Athleten etwas angeht. dpa

Verteidigungsminister Thomas de Maizière glaubt nicht, dass die Öffentlichkeit das Privatleben von Athleten etwas angeht.

LondonVerteidigungsminister Thomas de Maizière sieht im Umgang mit der Ruderin Nadja Drygalla eine Grenze überschritten. „Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, zu gucken, was da los ist?“ fragte der CDU-Politiker am Montag im Deutschen Haus in London. „Müssen wir von Sportlerinnen und Sportlern verlangen, dass sie offenbaren, mit wem sie befreundet sind, was die denken? Wo ist da die Grenze?“, fügte er hinzu: „Ich stelle diese Fragen, um einmal deutlich zu machen, dass es auch Grenzen der Überprüfung auch für die Rolle von Sportlern gibt.“ Er glaube, die Grenze sei im Fall der 23 Jahre alten Drygalla schon überschritten.

Im Anti-Doping-Kampf gibt es den gläsernen Athleten längst. Dass die Sportler dabei permanent Angaben über ihren Aufenthaltsort machen müssen, wird nicht von allen begrüßt. Den gläsernen Menschen im Sport will auch die Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes verhindern. Christa Thiel sprach sich gegen „Inspektionen des privaten Umfeldes“ von Sportlern aus. „Wir brauchen keine Agenten-Methoden“, sagte die Juristin und Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes der „Sport Bild“ (Mittwoch). „Wir werden auch keine Akten anlegen.“ Allen Anzeichen und Mitteilungen werde aber nachgegangen.

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Offenbar geriet der Informationsfluss im Fall Drygalla aber ins stocken. Der DOSB hatte erklärt, dass er nach eigenen Angaben keine Mitteilungen über die Beziehung der Athletin zu Michael Fischer, Direktkandidat der rechtsextremen NPD bei den Landtagswahlen 2011 in Mecklenburg-Vorpommern, erhalten habe. Beim Landessportbund war die Beziehung hingegen offiziell seit mehr als einem Jahr bekannt. Als es bis zur höchsten Ebene des deutschen Sports vordrang, verließ Drygalla in der vergangenen Woche das olympische Dorf. Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern wusste, dass Personen in Drygallas Bekanntenkreis sind, „die der offen agierenden rechtsextremistischen Szene zugehörig sind“.

„Es scheint zwar so zu sein, dass der Deutsche Olympische Sportbund als Dachverband tatsächlich nichts gewusst hat, aber dann stellen sich natürlich ganz ernsthafte Fragen nach den Kommunikationsstrukturen im deutschen Spitzensportsystem“, kritisierte die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, am Montag im ZDF-Morgenmagazin. Sie kündigte an, das Thema bei der Nachbetrachtung der Olympischen Spielen auf der Sitzung Ende September mit auf die Tagesordnungen nehmen zu wollen. Bei der Kabinettssitzung des Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern will Innen- und Sportminister Lorenz Caffier (CDU) bereits an diesem Dienstag einen Bericht abgeben.

„Es ist auf jeden Fall klar, dass andere etwas gewusst haben müssen“, sagte die Sportausschussvorsitzende Freitag. „Die Athletin ist dem Olympiastützpunkt in Mecklenburg-Vorpommern zugeordnet, da gibt es einen OSP-Leiter, da gibt es Laufbahn-Berater, die müssen merken, wenn eine Athletin plötzlich ihren Job verliert“, betonte Freitag. Der Leiter des Olympiastützpunktes Mecklenburg-Vorpommern, Michael Evers, sagte am Montag der dpa auf die entsprechende Frage nach der möglichen Weitergabe von Information an übergeordnete Gremien: „Wir geben keine Auskunft zu dienstlichen Belangen.“

Generell ist es auch nicht Aufgabe der Olympiastützpunkte in Deutschland, private Informationen über Athleten an Verbände wie den DOSB weiterzugeben. Einen solchen Automatismus gebe es nicht, sagte die Leiterin des OSP Hamburg/Schleswig-Holstein, Ingrid Unkelbach, der dpa am Montag. Es könne auch nicht Funktion der Stützpunkte sein, beispielsweise einen Athleten zu melden, der betrunken Auto gefahren sei. Ohnehin spreche nicht jeder Sportler am OSP über Privates oder etwa berufliche Veränderungen.

Von

dpa

Kommentare (3)

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Lasst_die_Demokratie_in_Ruhe

06.08.2012, 15:37 Uhr

(...)
Wo sind die Beweise für Volksverhetzung oder andere Straftaten Frau Drygallas? Solange diese nicht vorliegen, sollten die Demokraten von Indymedia jederzeit für Frau Drygalla kämpfen! (...)
Ein Teil unserer Bevölkerung hat noch eine Menge zu lernen, bis sich unsere Demokratie normalisiert hat.
+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Kuemmert_euch_um_den_Sport

06.08.2012, 16:28 Uhr

Die ganze Sache finde ich auch eine Frechheit. Ich will nicht wissen, wieviele Menschen mit fragwürdigem Hintergrund die Herren des Verbandes möglicherweise kennen. Dürfen die ihre Ämter behalten?

Lasst doch das Mädchen in Ruhe. Ihr wird wg. der Gesinnung Ihres Freundes gerade das Leben zerstört (sicherer Job bei der Polizei weg, möglicherweise erfolg- und ertragreiche Sportkariere weg). Wenn man ihr keine eigene Verknüpfung und entsprechende Gesinnung beweisen kenn, gibt es keinen Grund, sie weiter fertig zu machen. Dann sollte sie auch ihre Sportlerinnenkarriere fortführen dürfen.

Und dann soll dieses Thema noch die Spiele "überschatten" und in einer Zeitung stand, dass das Gold der Herren dadurch an Bedeutung verliert. Unsinn! Das Thema um Drygalla wird einfach zu stark aufgebauscht.

Ich findes es gut, dass sie jetzt offensiv damit umgeht und auch die Medien abwatscht.

buerger

08.08.2012, 14:58 Uhr

Willkommen in BRDDR! Jetzt gilt nicht nur in Ostdeutschland sondern in der ganzen Republik der Schutz der Persönlichkeit und die Geschützheit der Privatshäre einen Dreck. Bald geht es wieder los: Wer ist mit einem Moslem liiert oder gar verheiratet? Wer hatte Umgang mit Kriminellen? wird gefragt. Und die Medien machen munter mit! Auswandern, so schnell es geht, ist die Devise, nicht nut für die Sportlerin, die immer noch glaubt, sie dürfte unbehelligt weiterrudern. Für alle, die auf Bürgerrechte wert legen!

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