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06.07.2014

14:10 Uhr

Videobotschaft

Neymars bewegender Abschied von der WM

VonMichael Verfürden

Brasilien steht unter Schock: Neymar fällt für den Rest der WM aus. Doch der Superstar traut seiner Mannschaft auch ohne sich den Sieg zu. „Der Traum vom Titel ist noch nicht vorbei", sagte er in einer Videobotschaft.

DüsseldorfDie Szenen gehen direkt ins Mark: Ein verwackeltes Handyvideo zeigt, wie eine ganze Kolonne von Ärzten und Krankenpflegern eine Transportliege durch einen Gang schiebt. Das aufgeregte Gemurmel der Menschen wird nur durch das Quietschen der Rollen unterbrochen. Der Verletzte verdeckt sein Gesicht mit einem weißen Tuch. An seinem Arm: Das Schweißband, das er kurz zuvor beim Viertelfinalspiel gegen Kolumbien getragen hat.

Nur wenig später hatte das Gastgeberland Gewissheit über den „Rücken der Nation“: Neymar da Silva Santos Junior, Aushängeschild der brasilianischen Nationalmannschaft, ist so schwer verletzt, dass er bei diesem Turnier nicht mehr spielen kann. Gegenspieler Juan Zuniga hatte den viermaligen WM-Torschützen mit dem Knie am Rücken getroffen. Die Diagnose: Fraktur des Querfortsatzes auf Höhe des dritten Lendenwirbels, Stützkorsett, vier bis sechs Wochen Pause. Ein Weltstar wird zum WM-Zuschauer.

Die Nachricht von der Verletzung des Barcelona-Kickers verbreitete sich rasend schnell und erstickte den brasilianischen Jubel über den Einzug ins Halbfinale. Mannschaftskollege David Luiz brach nach der Partie in den Katakomben des Castelão von Fortaleza in Tränen aus. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff teilte in einem Brief ihre Anteilnahme mit. Das Gastgeberland stand unter Schock.

Noch in der Nacht kehrt Neymar in das Team-Camp in Teresópolis zurück. Allerdings nur für ein paar Stunden – der Superstar wollte sich verabschieden. Der 22-Jährige hat eine bewegende Videobotschaft für seine Fans aufgezeichnet. Sie wurde am Samstag im Fernsehen ausgestrahlt und auf YouTube hochgeladen.

Die Trauer und der Schmerz Neymars sind unverkennbar: Mit stockender Stimme und rotgeweinten Augen sagt er: „Es war mein Traum, ein WM-Finale zu spielen. Aber, aber… Das wird diesmal nicht klappen.“ Dass sein Ausfall auch für die Mannschaft ein Desaster ist, weiß Neymar genauso gut wie jeder andere Brasilianer: „Es ist ein sehr schwieriger Moment, es fehlen die Worte, um auszudrücken, was in meinem Kopf und in meinem Herzen vor sich geht.“

Doch in seiner schwärzesten Stunde versucht Neymar seinem Land auch Mut zu machen. Er glaube fest daran, dass seine Kollegen alles tun werden, um den sechsten WM-Titel zu holen. „Und ich werde bei ihnen sein. Und alle Brasilianer werden sie unterstützen“, sagt der Shootingstar. Dann endet die Botschaft.

Wann steht Neymar wieder auf dem Platz?

Was ist passiert?

Beim Spiel gegen Kolumbien brach sich Neymar den dritten Lendenwirbel – Kolumbiens Verteidiger Juan Zúñiga war ihm mit dem Knie in den Rücken gesprungen. Vor Schmerzen weinend wurde der Superstar mit einer Trage vom Spielfeld gebracht. Anschließend trat er mit einem Stützkorsett den Rückflug nach Rio de Janeiro an.

Wie schlimm ist das?

„Es ist natürlich eine ernsthafte Verletzung für einen Leistungssportler“, erklärt der Vize-Präsident der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft, Daniel Rosenthal. „Es ist aber nichts, was seine Karriere zunichtemacht.“ Dem Mediziner zufolge kann der Körper einen solchen Bruch bei der richtigen Therapie restlos heilen.

Wie sieht so eine Therapie aus?

In den kommenden zwei Wochen muss Neymar dem Fachmann zufolge erstmal „die Hauptschmerzphase“ überstehen. Dazu gehören neben seinem Stützkorsett auch viel Ruhe und Liegen. „Danach kann man physiotherapeutische Maßnahmen einleiten“, sagt der Experte. Konkret bedeutet das: Vorsichtig wieder belasten und Dehnübungen machen.

Wann kann Neymar wieder spielen?

Eine solche Therapie dauert dem Fachmann zufolge etwa zwei Monate. „Danach kann er wieder spielen“, kündigt Rosenthal an. Wie lange Neymar dann tatsächlich auf dem Platz durchhält, sei zwar offen. Zumindest das Training dürfte aber möglich sein.

Wie häufig sind solche Verletzungen?

Brüche der Wirbel machen nach Daten der Techniker Krankenkasse zwei Prozent aller Knochenbrüche aus. Zu einem Wirbelbruch kommt es demnach vor allem dann, wenn große Kräfte von außen einwirken. „Im Alltag wird es einem normalen Bürger nicht passieren“, beruhigt Fachmann Rosenthal. „Das passiert in Kontaktsportarten, wo große Kräfte entfaltet werden.“ - In Neymars Fall war das der Schlag von hinten.

Wie reagieren die Fans?

Neymars WM-Aus hat Fans und Sportwelt gleichermaßen schockiert. Viele drückten auf Twitter oder Facebook ihr Mitleid aus und wünschten dem Angreifer gute Besserung. Zugleich löste das heftiges Foul des Kolumbianers eine Welle der Empörung aus. Auch der zuständige Schiedsrichter steht mittlerweile am Pranger. TV-Experte Mehmet Scholl twitterte zum Beispiel: „Ich bin richtig sauer und richtig enttäuscht. Das kommt dabei raus, wenn die Schiedsrichter nicht in der Lage sind oder die Vorgabe haben, brutale Fouls nicht zu stoppen.“

Laut Medienberichten wollte der 22-Jährige nach der Aufzeichnung eigentlich bei der Mannschaft bleiben – und bei der Weltmeisterschaft, wenn schon nicht kickend auf dem Rasen, wenigstens als Zuschauer im Kreise seiner Kollegen bis zum Ende dabei sein. Seine Ärzte rieten ihm allerdings, das Camp zu verlassen.

Neymar aß noch gemeinsam mit seinen Mannschaftskollegen zu Mittag. Dann wurde er mit einem Helikopter zu seiner Familie nach Guarujá gebracht – liegend und festgeschnallt auf einer Krankenhaustrage.

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