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28.06.2012

11:19 Uhr

Vor dem Duell gegen Deutschland

Italien beschwört die Vergangenheit

Vor dem Deutschland-Spiel sieht sich Italien selbstsicher als Favorit, Andrea Pirlo will beim Gegner sogar „Angst“ erkannt haben. Woher diese Gewissheit kommt, ist unklar - die bisherigen Spiele können es nicht sein.

Beschwörend: Antonio Cassano Reuters

Beschwörend: Antonio Cassano

WarschauAndrea Pirlo griff vor dem Klassiker gegen Lieblingsgegner Deutschland in die Psycho-Trickkiste. Eher beiläufig erinnerte Italiens genialer Spielmacher vor dem EM-Halbfinale am Donnerstag (20.45/ARD) in Warschau an die vielen Turnier-Duelle beider Teams und verwies diabolisch schmunzelnd auf die rabenschwarze Bilanz der DFB-Elf ohne einen einzigen Sieg. So bärenstark der Halbfinal-Rivale auch sein mag, Pirlo ist sicher: „Die Deutschen haben Angst vor uns.“ Sieben Spiele bei EM- oder WM-Endrunden haben die Teams mittlerweile gegeneinander bestritten. Nicht einmal ging Deutschland bisher als Sieger vom Platz. Aber auch das ist eine Statistik ohne jegliche Aussagekraft. Das letzte Aufeinandertreffen bei einem Turnier ist sechs Jahre her – und beide Mannschaften haben sich grundlegend verändert.

Pirlos Hinweis auf das Italien-Trauma der Deutschen macht den „Azzurri“ Mut - und soll Philipp Lahm und Co. verunsichern. Zusammen mit Torhüter Gianluigi Buffon, Daniele de Rossi und Andrea Barzagli gehörte der Edeltechniker zum Weltmeister-Team 2006, das den damaligen Gastgeber im Halbfinale nach Verlängerung mit 2:0 bezwang. Auch jene, die nicht dabei waren, werten die Partie vor sechs Jahren in Dortmund als gutes Omen. „Ich glaube zwar nicht, dass die Deutschen uns gegenüber einen Minderwertigkeitskomplex haben. Aber sie respektieren uns mehr als andere. So wird es auch am Donnerstag sein“, prophezeite der Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo.

Wie die Profis beschwören auch die Zeitungen des Landes die Historie und drucken Bilder von den glorreichen Siegen der Italiener in den WM-Halbfinals von 1970 und 2006 sowie im WM-Endspiel von 1982. „Die Herausforderung der Azzurri: Wir riskieren, um zu siegen“ wählt La Repubblica als Überschrift. La Stampa titelt „Germania-Italia: Finale Mission“. Und der Corriere della Sera schreibt vom „Neuen blauen Traum“. Die Mannschaft in blau weiß, dass Deutschland als Favorit gilt, gibt sich aber kämpferisch. In der Vergangenheit hat Italien schließlich schon oft geschlagen.

Thema ist bei vielen, dass die Deutschen einen Ruhetag mehr hatten. Aber die große Polemik gegen die bösen Deutschen bleibt in Italiens Medien bisher aus. Der Corriere della Sera setzt sich vor dem Hintergrund des Fußballs, aber auch des Euro-Gipfels viel intellektueller mit dem deutsch-italienischen Vergleich auseinander. am Spieltag widmete er fast ein ganze Seite zu den Unterschieden zwischen deutschem und italienischen Theater: Brecht gegen Strehler. Etwas bunter geht es im Internet zu: Über einem Bild mit zwei großen Weißbiergläsern und den Köpfen der deutschen Spieler steht „In zwei Schlücken getrunken“.

Statistik: Deutschland bei der EM

Die meisten Tore

1. Mario Gomez (3)

2. Lukas Podolski (1)

2. Lars Bender, Sami Khedira, Miroslav Klose, Marco Reus, Philipp Lahm (alle 1)

Die meisten Vorlagen

1. Mesut Özil (3)

2. Bastian Schweinsteiger (2)

2. Mario Gomez, Sami Khedira, Jerome Boateng, Miroslav Klose (je 1)

Die meisten Ballkontakte

1. Bastian Schweinsteiger (371)

2. Mesut Özil (317)

3. Sami Khedira (299)

Am häufigsten gefoult

1. Thomas Müller (9)

2. Mesut Özil (7)

3. Bastian Schweinsteiger (5)

Die meisten Fouls

1. Mario Gomez (8)

2. Thomas Müller (6)

3. Mesut Özil (5)

Die besten Zweikämpfer

1. Mats Hummels (79,69% gewonnen)

2. Jerome Boateng (79,41% gewonnen)

3. Sami Khedira (64,1% gewonnen)

(in der Wertung sind nur Spieler mit mindestens zehn geführten Zweikämpfen)

Die zielgenausten Pässe

1. Lars Bender (59 Pässe, 96,72% angekommen)

2. Toni Kroos (25 Pässe, 96,15% angekommen)

3. Mats Hummels (146 Pässe, 93,59% angekommen)

(in der Wertung sind nur Spieler mit mindestens zehn gespielten Pässen)

Mit dem verdienten Viertelfinal-Sieg im Elfmeterkrimi gegen England kehrte die Hoffnungen auf einen neuerlichen Coup zurück. Wie schon 2006 redet kaum noch jemand über den Manipulationsskandal, der den heimischen Fußball damals wie heute vor Turnierbeginn erschütterte. Die turbulente Vorbereitung stärkte wieder auf wundersame Weise den Teamgeist der Azzurri. Ermutigt durch die bisher starken Auftritt wagte Pirlo vor der Partie gegen das hochgelobte Team von Joachim Löw sogar einen Vergleich mit dem amtierenden Welt- und Europameister: „Unser Mittelfeld ist so stark wie das der Spanier. Das haben wir bewiesen.“

Was im Nachgang nun gerne als nahezu magische Leistung verklärt wird, war über 120 Minuten vor allem eins – hochgradig ineffizient. 38 zu 10 Torschüsse zeigt die Statistik, über 65 Prozent Ballbesitz, 90 Prozent erfolgreiche Pässe. Dennoch endete das Spiel nach Verlängerung 0:0, was angesichts des sprichwörtlichen Feuerns aus allen Rohren mehr als unnötig erscheint. Zwar verteidigten die Engländer aufopferungsvoll und stellten etwa ab der Hälfte des Spiels alle Offensivbemühungen praktisch ein. Dennoch reichten den Italienern oft einfachste Mittel, um gefährlich vor Torwart Joe Hart zu kommen. Schon rein mathematisch hätte dabei ein Tor fallen müssen – tat es aber nicht. Pech, mag mancher da sagen, ein Mangel an Killerinstinkt ist aber ebenfalls festzustellen.

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