Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.06.2014

19:48 Uhr

WM-Auftakt

Brasilien – Zerrissen statt selbstbewusst

VonAlexander Busch

Brasilien wollte sich zur Fußballweltmeisterschaft modern, selbstbewusst und erfolgreich präsentieren. Doch stattdessen stagniert die Wirtschaft. Brasiliens Gesellschaft ist zerrissen, gewalttätig und korrupt.

Demonstrationen bei WM-Auftakt

„Wir wollen Busse, Schulen, Krankenhäuser“

Demonstrationen bei WM-Auftakt: „Wir wollen Busse, Schulen, Krankenhäuser“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

São Paulo Claudio Zollinger ist einer der vielen Unzufriedenen mit der WM im eigenen Land. Dabei geht es ihm, wie er selbst sagt, wirtschaftlich hervorragend. „Eigentlich von Jahr zu Jahr besser.“ Der 52-jährige Chirurg, Gastroenterologe und Nutritionist wohnt mit seiner Familie in Salvador/Bahia, der drittgrößten brasilianischen Stadt. Vom seinem großzügigen Appartement im 26. Stock im Zentrum der Stadt kann er bis auf die Allerheiligenbucht schauen, wo Segelschiffe kreuzen und Tanker aufs Löschen warten. Er hat ein Wochenendhaus inmitten eines Grundstücks von der Größe eines Parks direkt an einem Fluss vor der Stadt. Er fliegt mit seiner Frau, einer erfolgreichen Ärztin für plastische  Chirurgie und den zwei Söhnen, 15 und 12 Jahre alt, in den Ferien zweimal im Jahr ins Ausland.

Aber Zollinger hat die Nase voll von Brasilien. Er will mit seiner Familie wegziehen. Nach Deutschland, von wo seine Urgroßmutter nach dem ersten Weltkrieg von Berlin nach Brasilien ausgewandert ist. Die Idee wird konkreter, je älter die beiden Söhne werden. „Wir wollen ihnen zeigen, dass es auch ein anderes Gesellschaftsmodell gibt“, sagt Zollinger, der kein Deutsch spricht, aber Deutschland von Besuchen kennt. In Brasilien wüchsen die Kinder in einer anarchischen Gesellschaft auf. Konsum sei König, das überdrehte Chaos der Alltag. Die Zollingers wollen, dass ihre Kinder ruhiger aufwachsen können als in Brasilien. „Die Kinder können in Deutschland länger Kinder bleiben“, hoffen sie. Wegen der allgegenwärtigen Gewalt hätten die Menschen in Brasilien verlernt, offen aufeinander zuzugehen. „Was nützt mir mein Wohlstand, wenn ich ihn nicht genießen kann?“ fragt er und zeigt auf die Stadt zu seinen Füßen.

Ein fanatischer Fan wettet gegen das eigene Team

Am meisten frustriert ist er von der Politik. Er will kaum zugeben, dass er noch vor einer knappen Dekade ein glühender Anhänger der Arbeiterpartei des Ex-Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva. „Vor dem Krankenhaus habe ich Flugblätter für Lula verteilt. Viele Kollegen grüßen mich seitdem nicht mehr.“ Doch er war überzeugt, dass der ehemalige Hungerflüchtling, Schuhputzer, Schlosser und Gewerkschafter der in Arm und Reich gespaltenen Gesellschaft den sozialen Fortschritt bringen könnte, den sie dringend braucht. Doch Lula hat in zutiefst enttäuscht. Er sei schuld an der allgegenwärtigen Korruption, an den Mafias in der Wirtschaft und der Regierung. Schließlich sei es Lula gewesen, der Dilma Rousseff, seine schwache Nachfolgerin durchgesetzt hat. Bei der Weltmeisterschaft will er gegen die brasilianische Seleção wetten. „Ich will nicht, dass die Regierung von einem Sieg bei den Wahlen im Oktober profitiert“, sagt Zollinger, ein fanatischer Fußballfan, der schon von Kind auf ins Stadion zu seiner Mannschaft in Bahia geht.

Will auswandern: Claudio Zollinger möchte Brasilien mit seiner Frau und seinen beiden Kindern verlassen. Ihr Ziel: Deutschland. Da könne der Nachwuchs sicherer aufwachsen.

Will auswandern: Claudio Zollinger möchte Brasilien mit seiner Frau und seinen beiden Kindern verlassen. Ihr Ziel: Deutschland. Da könne der Nachwuchs sicherer aufwachsen.

Kein Zweifel: 2014 ist von der Aufbruchsstimmung nicht mehr viel übrig, die herrschte, als Brasilien vor sieben Jahren den Zuschlag für die WM erhielt. Mehr als die Hälfte der Brasilianer ist dagegen, dass die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien stattfindet. Damit die Stimmung nicht noch weiter abrutscht, hat die Regierung Clowns engagiert, um an den Ampeln Stimmung zu machen für die WM – und das in einem Land, von dem es heißt, Fußball sei eine Art Religion. Irgendetwas läuft gründlich schief in Brasilien. Das hat nicht nur mit der WM zu tun. Es kommt jetzt nur vor den Augen der Weltöffentlichkeit ein ganz anderes Brasilien zum Vorschein: Statt sich der Welt modern, selbstbewusst und erfolgreich zu präsentieren, stagniert die Wirtschaft und die Gesellschaft ist zerrissen, gewalttätig und korrupt.

Dabei ist es gar nicht so lange her, da war Brasilien noch der Star unter den BRIC-Staaten. Etwa 2007, als die Fifa Brasilien erwählte, wurde es zum „Brotkorb der Menschheit“. Der wichtigste Lieferant des Weltmarktes für Lebensmittel, Rohstoffe, bald sogar mit Öl. Vale, Petrobras, Embraer, Itaú – das waren Unternehmen, auf die man weltweit zu achten begann. Ein Eike Batista begann mit seinen Rohstoff-Energie-Öl-Konzernen Milliarden an der Börse einzusammeln. Das chronische Krisenland Brasilien hatte seinen Binnenmarkt stabilisiert mit einer klugen Finanz- und Geldpolitik, zum Wohl der fast 200 Millionen Brasilianer, die reicher sind als Inder und Chinesen. Brasilien erstaunte die Welt mit seiner effizienten Sozialpolitik, mit der die Regierung in nur einer Legislaturperiode die Armut zu senken konnte – und das als Demokratie, nicht als autoritäres Regime.

Ausländische Konzerne investierten nur in China mehr als am Amazonas. Deutsche Konzerne waren vorne dabei: ThyssenKrupp baute in der Nähe von Rio de Janeiro sein Stahlwerk, die größte Auslandsinvestition der deutschen Wirtschaft seit Jahrzehnten.

Auch politisch wuchs Brasiliens Selbstbewusstsein. Bei der Doha-Welthandelsrunde bot es den Industrieländern die Stirn. Bei den Klimagipfeln spielte es eine Schlüsselrolle. Der brasilianische Finanzminister warf in der Weltfinanzkrise dem reichen Norden vor, einen „Währungskrieg“ anzuzetteln.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.06.2014, 20:50 Uhr

Schade, Brasilien ist ein schoenes Land mit freundlichen Menschen, das im Begriff ist, in Chaos und Gewalt unterzugehen. Schuld ist natuerlich die Politik, die Bildung und Kultur zu kurz kommen laesst und Gewalttaeter ungestraft davon kommen laesst. Banditen sind mittlerweile Vorbilder fuer Jungendliche, Verbrecher ein Beruf...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×