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08.07.2014

18:17 Uhr

WM-Halbfinale Brasilien vs. Deutschland

Erst der Neymar-Schock, dann Wut, nun Trotz

VonStefan Kaufmann

Die Brasilianer lassen sich von der Verletzung ihres Superstars Neymar nicht entmutigen. Sie wollen unbedingt ins Finale, beschwören ruhmreiche Zeiten – dabei ist der Respekt vor Deutschland groß, weiß unser WM-Reporter.

Videokolumne Zuckerhut & Grätsche

Warum Brasilien den WM-Titel nicht braucht

Videokolumne Zuckerhut & Grätsche: Warum Brasilien den WM-Titel nicht braucht

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Rio de JaneiroJa, sie haben Respekt vor dieser deutschen Mannschaft. Nicht nur, weil sie sich ein paar WM-Spiele im Fernsehen angeschaut haben. Die Bundesliga gehört in Brasilien für viele Fußballfans zum Pflichtprogramm. Guilherme läuft selbst hin und wieder im Trikot von Bayern München über die Avenida Atlántica in Copacabana. Auch heute? „Auf keinen Fall.“

Guilherme ist Tankwart an einer kleinen Station in der Nähe des berühmtesten Strandes von Rio de Janeiro. Bis 14 Uhr hat er an diesem Dienstag Schicht, dann muss er nur einmal über die Straße gehen und ist schon auf dem riesigen Fanfest. „Ich hoffe, dass sich die Mannschaft nicht zu sehr von Neymars Ausfall beeindrucken lässt, aber unser Spiel verliert ohne ihn natürlich an Kreativität“, sagt er.

Neymar – Spitzenstürmer, Werbeikone und Frauenschwarm – bestimmt derzeit jedes Gespräch über die WM. Im Viertelfinale gegen Kolumbien traf ihn das Knie von Juan Zuniga im Rücken, ein Wirbel brach und das Turnier für Neymar war damit beendet. Im TV lief die Szene am Wochenende scheinbar in Dauerschleife, unterbrochen nur von Liveschalten aus dem Krankenhaus.

WM: Die vier Halbfinalisten im Vergleich

Tore

Für das größte Spektakel sorgen die Niederländer mit zwölf Treffern und vier Gegentoren, Deutschland (10:3) und Brasilien (10:4) liegen annähernd gleichauf. Ergebnis-Minimalismus pflegt hingegen das Team um Lionel Messi: Bei Argentinien fielen in fünf Spielen gerade einmal zehn Tore (7:3), dreimal gab es schon ein 1:0. Sieger: NIEDERLANDE

Pässe

Das Team von Bundestrainer Joachim Löw ist der WM-Passkönig. 2938 Zuspiele in Richtung des Teamkameraden gab es, 80 Prozent fanden ihr Ziel. Diese Quote erfüllen auch Argentinien (2438) und die Niederlande (2031). Am wenigsten treibt Brasilien (1816) das Spiel voran und findet nur in sieben von zehn Fällen den Mitspieler. Sieger: DEUTSCHLAND

Paraden

Die beste Quote der Torhüter weist Manuel Neuer auf. Der Bayern-Keeper entschärfte 85,7 Prozent der Schüsse auf sein Tor, gefolgt von Argentiniens Sergio Romero (82,4). Die anderen beiden fallen ab: Der Niederländer Jasper Cillessen hielt drei Viertel der Versuche, bei Brasiliens Julio Cesar waren es sogar nur 60 Prozent. Sieger: DEUTSCHLAND

Ballbesitz

Den dominantesten Auftritt beim Ballbesitz legt Argentinien mit einem Schnitt von 59 Prozent vor, begünstigt durch tiefstehende Gegner wie Iran, Nigeria und die Schweiz. Deutschland verlor auch nie sein Ballbesitz-Duell (58 Prozent), Brasilien kommt auf 53 Prozent, die Niederlande weisen eine ausgeglichene Bilanz auf. Sieger: ARGENTINIEN

Bilanz

Ohne Makel ist bislang nur Argentinien geblieben - fünf Spiele, fünf Siege in regulärer Spielzeit. Deutschland spielte gegen Ghana unentschieden und musste gegen Algerien in die Verlängerung, die Niederlande zitterten sich im Elfmeterschießen gegen Costa Rica durch. Brasilien trennte sich remis von Mexiko und setzte sich gegen Chile im Duell vom Punkt durch. Sieger: ARGENTINIEN

Torschüsse

Messi & Co. versuchen es pro Spiel 17,4 Mal, sind bei sieben Treffern aber am ineffektivsten. Danach gibt Brasilien die meisten Torschüsse ab (16,4) gefolgt von den Niederlanden (15) knapp vor Deutschland (14,8). Umgerechnet auf den Erfolg zielt das Team von Louis van Gaal am genauesten. Sieger: NIEDERLANDE

Laufleistung

Brasilien bestätigt auch in dieser Kategorie den Eindruck einer eher gemächlichen Spielweise. Nur 106,8 Kilometer ist der Gastgeber im Schnitt pro Spiel unterwegs. Argentinien, einziges Team ohne Verlängerung, kommt auf 109,6. Die Niederlande (114,8) unterliegt knapp der deutschen Mannschaft (115,3). Sieger: DEUTSCHLAND

Fairplay

Deutschland und Argentinien sind am fairsten: Das Löw-Team begeht 57 Fouls und sieht viermal Gelb, bei den Südamerikanern sind es 54 unsportliche Vergehen und fünf Verwarnungen. Brasilien (96/10) und die Niederlande (91/7) mögen es gerne härter. Einen Platzverweis musste noch kein Halbfinalist hinnehmen. Sieger: DEUTSCHLAND UND ARGENTINIEN

Teamwert

Im Vergleich der Marktwerte der Startformationen aus dem Viertelfinale stellt Deutschland mit 305 Millionen Euro das kostspieligste Team. Trotz Top-Juwel Messi (120) liegt Argentinien 23 Millionen dahinter knapp vor Brasilien (277,5). Die jungen Niederländer kommen nur auf 122,75 Millionen - also etwa einen Messi. Sieger: DEUTSCHLAND

Erfahrung

Am häufigsten stand bislang Deutschland unter den Top Vier. Bei 20 Weltmeisterschaften erreichte die Nationalmannschaft 13-mal das Halbfinale oder überstand die Zwischenrunde, dicht gefolgt von Brasilien mit seiner elften Teilnahme. Die Niederlande und Argentinien sind deutlich abgeschlagen (jeweils fünf). Sieger: DEUTSCHLAND

Das Foul hat eine Kettenreaktion der Gefühle ausgelöst. Auf den Schock („Das kann nicht wahr sein“), folgt die Verzweiflung („Das war‘s mit dem Titel“), folgt die Wut („Dieser verdammte Kolumbianer, dieser verfluchte Schiedsrichter“), folgt der Trotz.

„Der spanische Schiedsrichter wollte, dass wir rausfliegen“, klagt Isabel, die in ihrem Laden Souvenirs verkauft – vornehmlich in Gelb und Grün. „Aber dieses Foul macht uns Brasilianer nur noch stärker.“ Das Team werde zusammenrücken und alles geben. „Jetzt geht es um die Ehre.“

In den Zeitungen diskutieren sie auf den Titelseiten, wer Neymar im Spiel gegen Deutschland ersetzen soll. Willian, ein Spieler des FC Chelsea, oder doch lieber Bernard, der bei Schachtar Donezk in der Ukraine unter Vertrag steht. Antonio fragt die Gäste, die an seinem Strandkiosk am Tresen stehen. Es gibt keine langen Diskussionen, die Mehrheit ist für Willian.

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