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06.07.2014

13:22 Uhr

WM-Halbfinale

Das alte Fußball-Europa ist zurück

VonAlexander Möthe

Nicht schön, aber europäisch: Im Halbfinale der WM stehen gleich vier Teams, die Effizienz über Attraktivität stellen. Dass ausgerechnet die als Ästheten gepriesenen Niederländer und Deutschen darunter sind, überrascht.

Argentinier und Niederländer freuen sich auf das WM-Halbfinale

Video: Argentinier und Niederländer freuen sich auf das WM-Halbfinale

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DüsseldorfDas Spiel war viel, nur nicht schön. Als Torhüter Tim Krul im WM-Viertelfinale der Niederländer gegen Costa Rica den Schuss von Michael Umana aus dem rechten Eck fischte, kannte der Jubel dennoch keine Grenzen. Zwei Elfmeter hatte Krul gehalten, die Schützen irritiert, provoziert – ein dreckiger Schlusspunkt unter einem dreckigen Spiel, in dem in 120 mitunter endlose Minuten kein Tor fallen wollte. Costa Rica verteidigte meist mit neun Mann, die Niederlande sahen nicht ein, gegen den Abwehrriegel die Brechstange auszupacken. Es ist für diese übrigens überraschend torreiche WM symptomatisch: Effizienz und Disziplin setzten sich am Ende immer durch.

Im WM-Halbfinale ist die Fußballwelt wieder halbwegs gerade gerückt. Wurde im Verlauf der Vorrunde noch die Götterdämmerung der europäischen Mannschaften ausgerufen, ist deren Licht genauso wenig verblasst, wie die südamerikanischen Teams mit ihrem Stil eine neue Ära eingeleitet haben. Gezaubert wird wenig, bei dieser WM. Deutschland tat es im ersten Spiel gegen Portugal. Kolumbien zeigte auf die gesamte Länge sicherlich den attraktivsten Fußball. Die Niederlande tanzten Spanien vom Platz. Und die Franzosen vermöbelten mit gallischer Eleganz die Eidgenossen aus der Schweiz. Das war die Vorrunde.

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Damit überrascht er alle: Bondscoach Louis van Gaal schickt vor dem Elfmeterschießen gegen Costa Rica seinen Ersatz-Keeper auf den Rasen – und wird belohnt. Tim Krul pariert zwei Elfmeter, Oranje träumt weiter vom Titel.

Seither ist die Tristesse, oder vielmehr, die fußballerische Realität eingekehrt. Fünf Partien mussten im Achtelfinale in die Verlängerung, zwei davon endeten erst im Elfmeterschießen. Costa Rica ging in beiden K.o.-Spielen bis in die Penaltys, die Niederlande vermieden nur dank eines Strafstoßes in der Nachspielzeit die Extrazeit. Die Viertelfinals wurden nun allesamt mit einem Tor Unterschied entschieden. Der Jubel blieb selbst den sonst so euphorischen brasilianischen Zuschauern bei der Zähigkeit der Partien in der Kehle stecken. Was der Fußball-Fan derzeit sieht, ist die wahrscheinlich am taktischsten geprägte Endrunde aller bisher gespielten Turniere. Und mit einem Schlag sind die Europäer wieder mittendrin.

In der Vorrunde konnte einem als Niederländer, Italiener, Engländer, Franzosen oder Deutschen schon Angst und Bange werden. Chile, Mexiko und Costa Rica rannten jeden Gegner in Grund und Boden, Kolumbien spielte dazu noch dank des neuen Superstars James Rodriguez ansprechenden Fußball. Selbst Ecuador und Honduras mischten das Konzert der Großen auf. Dazu sorgten die USA für Furore. Dagegen tat sich Gastgeber Brasilien, von der taktischen Grundausrichtung her das europäischste Team des Kontinents, überraschend schwer. Spaniens Ballbesitzfußball wurde von den Niederlanden dramatisch zu Grabe getragen. Pressing, Gegenpressing, doppelte Abwehrreihen, diszipliniertes Verschieben – die vermeintlich Kleinen machten den spielkulturell verwöhnten Teams aus der alten Welt ziemlich deutlich, wie erfolgreicher Fußball aussehen kann.

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