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Fußball-WM 2018

13.06.2018

20:03 Uhr

Anstoß – Die WM-Kolumne

Das Orakel von wie bitte?

VonLeonidas Exuzidis

Weil Krakenorakel Paul einst richtig tentakelte, wird sogar unschuldiges Grillgut missbraucht. Dabei reimt sich Orakel nicht umsonst auf Debakel.

Die Seebärin darf das Ergebnis eines Fußballspiels vorhersagen. Dabei hätte sie vielleicht eher die nie gelöste Frage „How much is the fish?“ beantworten können. dpa

Wenn Daisy es sagt...

Die Seebärin darf das Ergebnis eines Fußballspiels vorhersagen. Dabei hätte sie vielleicht eher die nie gelöste Frage „How much is the fish?“ beantworten können.

Düsseldorf„Grillwürste sagen Deutschlands WM-Gegner voraus“, hieß es zu Beginn der vergangenen Woche in einer – hoffentlich nur bedingt ernst gemeinten – Pressemitteilung. Schlimm genug, ein kulinarisches Sommerhighlight wie die Grillwurst für Gegnerprognosen zu missbrauchen.
Noch viel schlimmer: Die Vorhersage ist in dieser Form gar nicht erfolgt. Die Kontrahenten der Deutschen in der K.O.-Phase legte der besagte Wursthersteller willkürlich in Eigeninitiative fest – und vertreibt seitdem eine Box, die acht verschiedene Grillwürstchen enthält. Neben der „Deutschen“ auch eine weitere für jeden der vermeintlichen sieben Gegner bis zum Titel.

Dieses Wurst-Orakel ist nur eines von zahlreichen Beispielen, das die Fußballwelt vor einer Welt- und Europameisterschaft nicht braucht. Mal ist es ein Hahn, der den Sieger des ersten Gruppenspiels gegen Mexiko am kommenden Sonntag voraussagt. Mal sind es Bienen, mal ein Schneeleopard oder auch eine Elefantenkuh. Tiger, Seebär, Rind, Pinguin, diese Liste ließe sich beliebig lange fortführen. Selbst Handelsblatt-Redakteure dürfen mal ran. Seit Paul, eine Krake im Großaquarium SeaLife in Oberhausen, bei der WM 2010 den Ausgang aller Partien mit deutscher Beteiligung korrekt vorhersagen konnte, orakeln sich Zoos und Unternehmen bei jedem Turnier in verschiedenste PR-Aktionen.

Hin und wieder enden diese in einer einzigen Katastrophe. So prophezeite das digitale WM-Orakel einer nicht unbekannten Beratungsgesellschaft erst kürzlich, dass Brasilien Deutschland im Viertelfinale aus dem Turnier kegelt und sich später auch die Weltmeister-Krone aufsetzt. Dieses Orakel fußt zumindest auf statistischen Methoden. Das Problem: Egal, wie man den Spielplan dreht und wendet, Deutschland und Brasilien treffen definitiv nicht im Viertelfinale aufeinander. Noch am selben Tag schickte Deloitte eine Korrektur hinterher. Beide Teams duellieren sich demnach erst im Finale.

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Daran sieht man, was von Orakeln auch in diesem Jahr zu halten ist: herzlich wenig. Das wissen überwiegend auch die, die ihre Prognosen feilbieten. Dennoch hält sich das Phänomen des mythologisch beseelten Ergebnisausblicks hartnäckig.

Die Frage ist: warum? Wen Wahrscheinlichkeiten tatsächlich interessieren, der kann in eine der zahlreichen Wettstuben gehen oder sich eine entsprechende App fürs Smartphone herunterladen. Dort können sich auch statistikbegeisterte Fußballfreunde mit weiteren tiefgreifenden Fragen auseinandersetzen. Welches Team erhält den ersten Eckstoß? Gewinnt die Gastmannschaft keine, eine, oder sogar beide Halbzeiten? Und wie viele Toren fallen zwischen der 31. und 45. Minute? All diese Fragen sind mit dort mit Wahrscheinlichkeiten hinterlegt.
Es ist daher sehr schade, dass statistische Analyseinstrumente für Orakel-Ergebnisprognosen verwendet werden. Schließlich kann Big Data im Fußball deutlich sinnvoller eingesetzt werden. Solche Methoden spielen in den Leistungszentren zahlreicher Eliteklubs bereits eine gewichtige Rolle, wenn es um Belastungs- und Trainingssteuerung geht. Das muss man nicht gut finden – dennoch dient es dem sportlichen Erfolg und hat daher eine Daseinsberechtigung.
Unterm Strich jedoch, und da ist man sich in den Geschäftsstellen der Bundesliga und erst recht in der Nationalmannschaft einig, zählt das nackte Ergebnis. Zweifelsohne, dessen Prognose mag durch statistische Methoden zwar erleichtert werden. Die Füllung der Grillwurst zählt allerdings sicher nicht dazu. Höchste Zeit also, dass endlich der Ball rollt.

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