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16.02.2014

13:43 Uhr

„Ziemlich unverhältnismäßig“

De Maizière kritisiert Urteil gegen Umweltaktivisten

Drei Jahre Lagerhaft: Diese Strafe erhält der russische Umweltaktivist Jewgeni Witischko – weil er Protestplakate an einer Gouverneurs-Villa angebracht hat. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bezieht nun Stellung.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière: Lange Lagerhaft sei „unverhältnismäßig“. Reuters

Bundesinnenminister Thomas de Maizière: Lange Lagerhaft sei „unverhältnismäßig“.

SotschiBundesinnenminister Thomas de Maizière hat die Verurteilung des russischen Umweltaktivisten Jewgeni Witischko zu drei Jahren Lagerhaft als „ziemlich unverhältnismäßig“ kritisiert. Witischko wirft den Organisatoren der Olympischen Winterspiele in Sotschi, die als Prestigeprojekt von Kremlchef Wladimir Putin gelten, Umweltzerstörung vor. Russland müsse eine Diskussion über Naturschutz aushalten, sagte de Maizière am Sonntag in Sotschi. „Das gehört zu einer offenen Gesellschaft dazu“, unterstrich der Minister.

Wegen der umstrittenen Verurteilung von Witischko kündigte der Chef de Mission, Michael Vesper, Gespräche mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) an. Vesper hatte sich in Sotschi mit einem Vertreter der Organisation Umweltwacht für den Nordkaukasus (EWNC) getroffen, der auch Witischko angehört. „Ich wollte wissen, wie die Gruppe denkt und wie sie die Umwelteingriffe beurteilen. Ich habe zugesagt, dass ich deswegen beim IOC vorspreche“, betonte er.

Terrorgefahr im Sport: Wie Olympia sicher gemacht wurde

München 1972

Die Bundesrepublik unterschätzt die Bedrohungslage. Sie will ihr friedliches Gesicht auch dadurch zeigen, dass sie 4000 Sicherheitskräfte in Trainingsanzügen auftreten lässt. Der Überfall eines palästinensischen Terrorkommandos im olympischen Dorf auf das Quartier des israelischen Teams kostet 17 Menschen das Leben.

Montreal 1976

Die neue Devise heißt: Stärke zeigen. Soldaten mit Maschinengewehren bewachen die Wettkampfstätten. Einfliegende Sportler steigen unter Militärbewachung in Busse, die sie erst in einer unterirdischen Garage im Olympischen Dorf verlassen dürfen. 16.999 Soldaten und Polizisten sind im Einsatz. Erstmals helfen Computersysteme bei der Überprüfung von 60.000 Akkreditierungen.

Moskau 1980 und Los Angeles 1984

Mitten im Kalten Krieg feiert die Sowjetunion die Rote Armee als Garant für den olympischen Frieden. Moskau ist bei den Boykott-Spielen eine belagerte Stadt. Ihr Besuch ist nur mit Sondergenehmigungen möglich. Bei den Boykott-Spielen II hält sich die US-Armee im Hintergrund. Die massiv eingesetzte Polizei agiert in Sheriff-Manier.

Seoul 1988

Die erste Phase massivster Einsätze findet, nur 58 Kilometer entfernt von der Todesgrenze zum verfeindeten Nordkorea, ihren Abschluss. Südkoreas Armee wird in den Ausnahmezustand versetzt, dazu zusätzliches US-Militär stationiert. Trupps mit nach Sprengstoff schnüffelnden Schäferhunden gehören zur Karikatur eines Olympia-Festes, dem die Gastgeber den Titel „Harmonie und Freundlichkeit“ gegeben haben.

Barcelona 1992

Ein geheimes Stillhalteabkommen mit der baskischen Terrororganisation ETA und der Fall der Berliner Mauer sorgen, bei aller Wachsamkeit, für Entspannung.

Atlanta 1996

Die Gastgeber wappnen sich zur Gefahrenabwehr erstmals mit modernster IT-Technik und Kamikazefliegern. Im Kommerzgewusel ihrer „Coca-Cola-Spiele“ vernachlässigen sie die Sicherheit am Boden. Ein Rechtsextremist zündet im Olympiapark eine Bombe. Zwei Menschen werden getötet und elf verletzt.

Sydney 2000

Als Konsequenz aus der Entdeckung eines Waffenlagers Monate vor den Spielen kommt zur Palette von Vorsichtsmaßnahmen die Abwehr von biologischen und chemischen Waffen hinzu. Australien reorganisiert seine Sicherheitsdienste und beschließt rigorosere Gesetze zu Einfuhren und Einreisen.

Salt Lake City 2002

Der Terrorakt von New York 2001 durch Al-Kaida wirkt nach München 1972 als zweite Eskalationsstufe. Zum ersten Mal sind Winterspiele besonders gefährdet. Die US-Regierung schafft mit Awacs-Flugzeugen, F-16-Kampfjets und Black-Hawk-Hubschraubern einen Schutzschirm, stellt 15 000 Spezialkräfte der Armee ab und verwandelt das olympische Dorf und die Pressezentren in Festungen.

Athen 2004

Bedroht von vielfältigen terroristischen Gefahren auch aus der griechischen Nachbarschaft können die Spiele nur mit Hilfe der EU und der NATO geschützt werden. Eine Expertengruppe aus sieben Ländern, darunter Deutschland, plant das Sicherheitskonzept mit. Es verschlingt 1,5 Milliarden Dollar.

Peking 2008

Die Staatsmacht rekrutiert neben Militär und Polizei 1,5 Millionen sogenannte Freiwillige: 100.000 „olympische Freiwillige“, 400.000 „Stadt-Freiwillige“, eine Million „Freiwillige der Gesellschaft“. Als die Amtlichkeit aus der fernen Region der uigurischen Minderheit ein Blutbad mit 16 Terroropfern vermeldet, ziehen vor dem olympischen Dorf, dem Pressezentrum und dem IOC-Hotel Panzerfahrzeuge auf.

London 2012

Die britische Hauptstadt macht mobil mit 18.200 Soldaten, Kriegsschiffen und Raketen, die auch auf Dächern rund um den Olympiapark herum positioniert sind. Der Park selbst ist als zentraler Austragungsort geschützt mit einem fünf Meter hohen, elektrisch geladenen, von Kameras bewachten Zaun. Für unsichtbaren Schutz sorgt eine enge Kooperation westlicher Geheimdienste. Tausende von Kameras überwachen Knotenpunkte der Metropole.

Sotschi 2014

Das Motto heißt „totale Kontrolle“. Sie gilt vor allem als Abwehr gegen den islamistischen Terror aus dem Nordkaukasus. Die Staatsmacht setzt 60.000 Polizisten, Geheimdienstler und Soldaten ein, dazu Luftabwehrsysteme, U-Boote, Drohnen und Luftabwehrsysteme.

Das IOC sehe derzeit aber keinen Handlungsbedarf, sagte Sprecher Mark Adams. Die russischen Behörden hätten auf Nachfrage mitgeteilt, Witischko sei wegen Vandalismus festgenommen worden und habe Bewährungsauflagen verletzt. „Dieser Fall hat nichts mit Olympia zu tun, deshalb verfolgen wir das nicht weiter“, sagte Adams in Sotschi.

Witischko muss drei Jahre ins Straflager. Menschenrechtler wie die Organisation Human Rights Watch (HRW) sehen die Verurteilung des Ökologen als politisch motiviert an, um auch andere Kritiker mundtot zu machen. „Human Rights Watch kann das natürlich sagen“, betonte Adams. Das IOC habe andere Informationen erhalten.

Der 40-jährige Witischko soll an einer Villa des Gouverneurs der Olympia-Region Krasnodar Protestplakate angebracht haben, weil das Gebäude ohne gesetzliche Grundlage errichtet worden sei. Menschenrechtler kritisieren massiven Druck auf Aktivisten rund um die Olympia-Wettkämpfe in Sotschi, die am 23. Februar zu Ende gehen.

Von

dpa

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