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22.01.2002

12:52 Uhr

Standards sollen Einzug halten

Microsoft Windows - demnächst auch im Auto

VonGregor Honsel

In Autos werkeln derzeit noch selbstentwickelte Betriebssysteme. Doch schon in der nächsten Fahrzeuggeneration soll standardisierte Software zum Einsatz kommen. Windows wird dann auf dem Beifahrersitz Platz nehmen.

HB DÜSSELDORF. Wenn Autos so funktionieren würden wie Windows, hätten sie folgende Eigenschaften: Sie würden gelegentlich ohne erkennbaren Grund einfach ausgehen; statt einer Öl-Kontroll-Leuchte, einer Warnlampen für Temperatur und Batterie hätten sie nur eine Warnlampe "Genereller Auto-Fehler"; der Motor ließe sich über den "Start"-Knopf abschalten.

So witzelte General-Motors-Chef Jack Welch schon vor Jahren, als Replik auf eine Aussage von Bill Gates. Der Microsoft-Chef hatte gesagt: "Wenn General Motors mit der Technologie so mitgehalten hätte wie die Computer-Industrie, dann würden wir heute alle 25-Dollar-Autos fahren, die 1000 Meilen pro Gallone Sprit fahren würden."

Künftig wird Welch seinen Spott an der Wirklichkeit messen können. Auf vielen Fahrzeugen - zum Beispiel im Citroen Xsara, Citroen C5, 7er-BMW und zahlreichen japanischen Autos - läuft Windows bereits, und keiner merkt?s. Denn Betriebssysteme wie Windows CE for Automotives 3.5 arbeiten vor allem im Hintergrund: Sie bündeln die vielfältigen digitalen Funktionen, mit denen moderne Autos vollgestopft sind - vom DVD-Spieler über das Navigationssystem bis hin zum Internet-Zugang.

Dabei kann Microsoft auf viele Funktionen zurückgreifen, die Windows CE ohnehin bietet: Spracherkennung, Menüführung oder Schnittstellen zu Bluetooth oder GPRS. Allerdings müssen Betriebssysteme im Auto mit speziellen Problemen fertig werden, die ihre Schwestern in PCs oder Handhelds nicht haben.

Ein zentrales Problem ist die Unterspannung. Während ein Fahrer den Motor anlässt, wird der Strom für die anderen Komponenten knapp. Ein weiteres Problem ist die fehlende Backup-Batterie. Während in anderen digitalen Geräten eine Batterie dafür sorgt, dass das Gerät auch im ausgeschalteten Zustand nicht völlig ohne Strom ist, fällt diese Möglichkeit im Auto mit einer Lebensdauer von mehr als zehn Jahren aus. Niemand will in die Werkstatt, nur weil eine Knopfzelle leer ist.

Microsoft löst das Problem, indem das Betriebssystem die notwendigen Informationen auf Chips schreibt, die auch ohne Spannung auskommen - ähnlich den Flash-Speicherkarten von Digitalkameras. Dadurch wird auch die Zeit verkürzt, die das System zum Hochfahren braucht.

Ein weiteres Problem: Die langen Produktzyklen von Autos. Was heute entwickelt wird, muss auch in zwanzig Jahren noch funktionieren. Ein astronomischer Zeithorizont in der schnelllebigen IT-Branche. Standardisierung tut also Not.

Was der Autofahrer an Funktionen zu sehen bekommt, hängt von den Autobauern und deren Zulieferer ab. Diese Zulieferer ("OEMs") wie Bosch / Blaupunkt, Becker oder Siemens VDO sind auch diejenigen, die die Entscheidungen für ein bestimmtes Betriebssystem treffen und es einkaufen.

Früher war das anders. 1998 stellte Microsoft gemeinsam mit Clarion ein eigenes Autoradio vor. "Doch das war nicht das, was der Automarkt wollte", gesteht Alfons Stärk, OEM Program Manager der europäischen Auto-Sparte von Microsoft, selbstkritisch ein. "Die Geräte müssen von BMW oder VW kommen, nicht von Microsoft", so Stärk.

Seitdem trat Microsoft zurück ins zweite Glied der Zulieferer und bedient Kunden wie Bosch-Blaupunkt oder Siemens VDO, die ihre Komplett-Lösungen wiederum den Autobauern zukommen lassen. Damit die Tarnung komplett ist , kann Windows CE bei jedem Auto in einem anderen Kleid erscheinen - also mit veränderter Optik und individuell festgelegten Funktion: Stärk: "Schließlich kann man dem Audi A8-Fahrer nicht das selbe anbieten wie dem Lupo-Besitzer."

Doch das Betriebssystem von der Stange ist vorerst Schnee von morgen. In der aktuellen Fahrzeug-Generation werkeln - je nach Zulieferer - mehr oder weniger proprietäre Lösungen. So setzt Siemens VDO bei dem 7er-BMW auf ein selbstgestricktes Betriebssystem, auf dem nur an der Oberfläche - beim Internetzugang und der Adressenverwaltung - Windows CE aufsetzt.

Erst ab 2003 oder 2004, glaubt VDO-Pressesprecher Johannes Winterhagen, werde die Autos mit Standard-Betriebssystemen ausgerüstet. Siemens VDO setzt dabei auf eine Lösung, die auf dem Betriebssystem von Windriver fußt. Darüber gestülpt wird eine selbstentwickelte Java-Lösung, mit der sich dann wieder Anwendungen wie Browser unter Windows CE anknüpfen lassen.

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