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09.01.2003

13:00 Uhr

Statt neuer Messegelände sind neue Konzepte gefragt

Größenwahn trotz Branchenflaute

VonJohannes Dürr (Handelsblatt)

Auch die deutsche Messewirtschaft spürt die Konjunkturflaute. Ungeachtet dessen investieren die Messeplätze, was das Zeug hält in den Ausbau und die Erweiterung ihrer Gelände.

HB DÜSSELDORF. Der Seismograph der Wirtschaft arbeitet zeitverzögert. Doch nun trifft auch Deutschlands Messewesen das Konjunkturtief - Fusionen, Budgetkürzungen und die steigende Zahl insolventer Unternehmen fordern ihren Tribut. Den Wind aus den Segeln nimmt die Wirtschaftsflaute den Messemachern aber offenbar nicht - von Hamburg bis Köln, von Frankfurt bis München wird in den nächsten Jahren munter weiter gebaut. Rund 1,2 Milliarden Euro Investitionen planen die bundesdeutschen Messeplätze bis 2006. Ihr Gesamtumsatz lag im Vorjahr bei gut der doppelten Summe.

Wann sich das alles rechnet, steht in den Sternen. Anders als in vielen Wirtschaftszweigen, in denen die lahmende Konjunktur für entsprechende Investitionsaufschübe gesorgt hat, agiert (und investiert) die Messewirtschaft wie gewohnt. Zumindest in großen Teilen. Warum?

Alle großen Messeplätze Deutschlands sind im Besitz der öffentlichen Hand, von Kommunen oder Ländern nach dem zweiten Weltkrieg aus der Taufe gehoben oder wieder erschaffen. Ihr Ziel: Eine eigene Messegesellschaft als Lokomotive der Wirtschaft, die nicht nur durch Produktschauen die regionale Wirtschaft in Schwung bringt, sondern von Logistik über Standbau und Einzelhandel bis hin zu Kulturbetrieb, Hotel- und Gastgewerbe zahlreiche Branchen profitieren lässt. Ein Mechanismus, der auch heute noch greift: Etwa 30 Milliarden Euro kamen im Vorjahr bundesweit an so genannter Umwegrendite zusammen, mittelbar hängt knapp eine Viertelmillion Arbeitsplätze am Messewesen.

Zahlen, die nicht gering zu schätzen sind, denn mit fortschreitender Deindustrialisierung verlieren Städte auch als Produktionsstandorte an Bedeutung. Dienstleistungen, insbesondere produktionsorientierten, kommt damit wachsende Bedeutung zu, regionaler Bindung und entsprechender Milieuförderung ebenso.

Für Land oder Kommune kann sich ein bezuschusster Messebetrieb also durchaus rechnen, gerade wenn unter dem Strich die generierten Steuereinnahmen die Investitionen mehr als wett machen. Immer vorausgesetzt, die Wettbewerbshüter in Brüssel greifen nicht ein, was bis zur Klage eines Konkurrenten wegen Wettbewerbsverzerrung oder offensichtlichen Nachteilen für Messekunden allerdings kaum der Fall sein dürfte.

Nur mit Neubauten aber wird die deutsche Messewirtschaft nicht auf Touren kommen, wenn auch räumliches Wachstum der eigenen Messe manchem noch als Allheilmittel zu gelten scheint. Zur Begründung muss der Platzmangel auf wenigen Großmessen herhalten - die niedrige Gesamtauslastung der Hallen im Jahresschnitt wird gern unter den Tisch gekehrt.

Ein modernes Neugelände allein ist kein Umsatzgarant; diese Tatsache dürfte manchem Messeplatz noch zu schaffen machen. Wer sich als Veranstalter auf vermeintlich sicheren Pfründen und schmucken Hallen ausruht, kann leicht ins Hintertreffen geraten; zu genau achten Aussteller und Besucher inzwischen darauf, wen sie auf welcher Messe antreffen, und was daraus resultiert. Die Servicetauglichkeit der Messegesellschaft steht dabei ebenso auf dem Prüfstand wie Besucher- und Gesprächsqualität. Noch haben die großen Weltleitmessen nicht abgedankt, doch der Trend geht eindeutig weg von Show und Glamour hin zu kompakten, themenfokussierten Fachmessen mit angeschlossenem Kongress. Sie lassen sich zudem mit ähnlichem Zuschnitt gut ins Ausland transferieren. Kreativität der Veranstalter ist hier gefordert, Effizienz statt Events verlangt.

Spezialisierte Messen, klar umrissene Konzepte und Zielgruppen bieten eindeutig noch Wachstumspotenzial. Eine Entwicklung, die der Messewirtschaft behagen sollte, sorgt sie doch für kontinuierliche Hallenauslastung auch abseits einer CeBIT oder Hannover Industriemesse. Investiert werden darf also durchaus - aber besser in Ideen als allein in Technik. Wie das geht, zeigt die sonst eher als strukturschwach geltende Region Franken: In Nürnberg stammt bereits ein Drittel des Umsatzes aus Fachmessen, die erst in den letzten zehn Jahren entwickelt wurden.

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