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02.02.2002

07:28 Uhr

Stimmungsbild der Investoren ist ein wichtiges Anlagekriterium

Mauerblümchen im Dax

VonTHOMAS LUTHER (HOLGER NACKEN)

Es gibt Aktien, die sind einfach nicht in Mode. Doch Trends ändern sich, und aus den Verlierern von gestern werden schnell die Gewinner von morgen.

Leider gab es im alten Rom noch keine Aktienbörse, sonst hätte sich der Philosoph Seneca vielleicht nicht mit der Erziehung Neros herumplagen müssen, sondern wäre erfolgreicher Spekulant geworden. "Vermeidet alles, was dem großen Haufen gefällt", hinterließ der Schriftsteller der Nachwelt und lieferte damit das Credo für die Anhänger der antizyklischen Geldanlage.

"Für uns ist das Stimmungsbild der Investoren ein wichtiges Anlagekriterium", sagt Eberhard Weinberger, Vorstandsmitglied beim Münchener Vermögensverwalter Dr. Jens Erhardt Kapital AG. "Wenn die meisten positiv gestimmt sind, ist es Zeit, sich zu verabschieden." Durch regelmäßige Umfragen unter den Marktteilnehmern und die Auswertung von Börsenbriefen versucht die Gesellschaft, die Gemütslage der Investoren einzuschätzen. Für den Dax sind zurzeit viele verhalten pessimistisch, was für Hübner ein gutes Signal ist: "Der Markt kann sich durchaus noch nach oben bewegen." Mehr als sonst kommt es in dieser Phase allerdings auf den Einzeltitel an. Die eine, von Profis oft empfohlene, Strategie ist, dabei auf Werte zu setzen, die sich auch in der Baisse gut gehalten haben. Doch oft liegen gerade diese Werte schon bei den meisten Anlegern im Depot. Das begrenzt die Zahl der Kaufinteressenten und damit das Kurspotenzial. Die Alternative besteht darin, sich auf Titel zu konzentrieren, die im Abseits stehen, aber dennoch über eine solide Basis verfügen - die so genannten "gefallenen Engel". Nicht selten werden diese Titel wieder entdeckt, wenn die Stimmung an der Börse dreht. Dann verdienen allerdings nur diejenigen richtig, die schon vor der Masse eingestiegen sind. Das erfordert allerdings eine gehörige Portion Mut, denn zu diesem Zeitpunkt spricht oftmals eigentlich alles gegen diese Titel.

Zu den Dax-Werten, die in diese Kategorie fallen, gehört die Commerzbank. Bislang ist der Zwischenspurt, den der Dax seit Herbst vergangenen Jahres auf das Parkett gelegt hat, an der Aktie vorbeigezogen. "Im Vergleich zu den anderen Großbanken steht die Aktie sehr tief", beobachtet Weinberger. "Jeder trampelt darauf herum wegen der schwachen Kapitalrendite und mangelnder Größe." Doch mittlerweile ist nach Ansicht von Thomas Rothäusler vom Bankhaus Sal. Oppenheim des Schlechten zu viel im Kurs eingepreist. "Das Institut hat sicherlich einen Abschlag auf den Substanzwert von 23 Euro verdient", so der Analyst, "aber der dürfte unserer Meinung nach nur einen Euro betragen." Immerhin hat die Münchener Rück vor zwei Wochen den niedrigen Kurs genutzt, um ihr Commerzbank-Aktienpaket aufzustocken. Das hat Übernahmephantasien geweckt und dem Kurs Auftrieb verliehen. "Fundamental wird es allerdings darauf ankommen, dass das von Vorstandschef Klaus-Peter Müller begonnene Restrukturierungsprogramm Erfolge zeigt", mahnt Rothäusler. "Die Anleger werden also sehr genau auf die kommenden Quartalsergebnisse schauen." Ein Investment erfordert also Stehvermögen.

Arg unter die Räder gekommen sind in dieser Woche auch die Titel der Deutschen Telekom. Die Pleite der US-Telekommunikationsgesellschaft Global Crossing und Gerüchte über den möglicherweise vom Bundeskartellamt untersagten Verkauf des Kabelnetzes an Liberty Media haben den Kurs der T-Aktie in Richtung der Tiefstände vom vergangenen September gebracht. "Zurzeit sehen die Anleger nur das Negative", sagt Ralf Hallmann, Analyst bei der Bankgesellschaft Berlin. "Selbst wenn der Verkauf nicht klappt und dadurch der Abbau der Schulden nicht so rasch wie erwartet vorankommt, ändert das nichts an dem mittelfristig guten Szenario für die Telekom." Der Meinung ist auch Werner Stäblein von der BHF Bank. "Die Anleger übersehen die dominante Position der Telekom im deutschen Markt", so der Analyst. "Da es unwahrscheinlich ist, dass die Ausschüttung gekürzt wird, kommt sie jetzt auf eine Dividendenrendite von 4 Prozent. Das begrenzt das Abwärtsrisiko."

Als solider Substanzwert gilt MAN, der allerdings im vergangenen Jahr Investoren mit einer drastischen Gewinnwarnung erschreckte. Besonders der wichtige Markt für Nutzfahrzeuge hatte 2001 einen Einbruch erlebt. Befürchtete weitere Probleme im laufenden Jahr lassen bislang viele Analysten skeptisch in die Zukunft sehen. Doch jüngst gibt es einzelne Stimmen, die eine Wende andeuten. Goldman Sachs stufte den Wert vor kurzem auf "Kaufen" hoch, unter anderem weil das Management mit Einsparbemühungen Ernst mache. Zusätzliche Phantasie in den bereits deutlich gestiegenen Kurs könnten Übernahmespekulationen bringen: Der Konzern gilt als gut aufteilbar und der Mehrheitsaktionär Allianz als an einem Verkauf interessiert. Eine Wette gegen die allgemeine Konjunkturmeinung ist der Kauf einer der derzeit noch unbeliebten Chemieaktien. Die meisten Experten gehen von einem schlechten ersten Halbjahr 2002 aus. Doch die Erholung könnte früher kommen, glaubt Heinz Müller von der DZ-Bank. "Der jüngste Ausblick des Chemieherstellers Dupont und der gestiegene US-Einkaufsmanagerindex deuten darauf hin."

Frühzyklische Aktien wie Chemiewerte würden von der frühen Erholung profitieren. Er hat daher die BASF-Aktie auf Kaufen gesetzt.

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