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20.07.2000

19:00 Uhr

Strategie

Nach der Steuerreform richtig taktieren

Am Ende hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder alle düpiert - Opposition, Zweifler in der eigenen Partei und den deutschen Aktienmarkt. Die Verabschiedung der Steuerreform am vergangenen Freitag löste an der Frankfurter Börse spontan ein kleines Kursfeuerwerk aus.

Dabei hat die Reform für Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin nichts gebracht, was nicht auch schon vorher bekannt gewesen wäre. "Entscheidend ist aber, wie die ganze Sache gelaufen ist", glaubt die Leiterin der Abteilung Aktienmarktstrategie. "Die Vernunft hat über die parteipolitische Leitlinie gesiegt - das ist gut für den Standort Deutschland und ein positives Signal für weitere Reformvorhaben."

Was diese Faktoren in Mark und Pfennig bringen, kann zurzeit niemand kalkulieren. Fest steht aber, dass die als Kapitalgesellschaften organisierten Unternehmen Gewinner der Reform sind. Ihre Körperschaftsteuer sinkt auf 25 Prozent, und ab 2002 können sie ihre Beteiligungen steuerfrei verkaufen. Auch für Aktionäre hat Hans Eichel ein Bonbon parat: Die Kapitalertragsteuer wird auf 20 Prozent reduziert, und von dem Halbeinkünfteverfahren profitieren Anleger mit hohem Einkommen - alles positiv für die Börse.

Die Analysten der Bankgesellschaft betonen, die Neuerungen kämen insbesondere Unternehmen mit hohen Abschreibungen oder Rückstellungen und überwiegend im Inland erzielten Gewinnen zugute; das sind vor allem Banken und Versorger.

Die größten Hoffnungen setzen Börsianer aber auf die Steuerfreiheit bei Unternehmensverkäufen. Finanztitel gehörten in der letzten Woche zu den Gewinnern im Deutschen Aktienindex, denn die Großbanken und Versicherungen wie Deutsche Bank oder Allianz besitzen ein milliardenschweres Beteiligungsportfolio. Aber auch andere Großkonzerne wollen ihren Besitz kritisch durchleuchten. "Dadurch werden verkrustete Strukturen aufbrechen", glaubt Strategin Traud.

Vorerst allerdings folgte auf die Party an der Börse ein Kater. Bis Mitte dieser Woche geriet der Dax unter Druck. "Der Markt muss die Kursgewinne erst verarbeiten. Nach Verlassen der Abwärtskorrektur hat der Dax aber Platz bis 7 550 Punkte", gibt sich Sandra Schiller, Analystin bei der Commerzbank, optimistisch. Dort ist ihrer Meinung nach vorerst einmal Schluss. "Um den Widerstand dort zu knacken, müssen die Dax-Titel auf breiterer Front zulegen." Ihr Haus setzt deshalb zurzeit auf Blue Chips aus dem Technologiebereich wie beispielsweise SAP und Finanztitel als Steuerprofiteure.

Auch Volker Borghoff, Aktienstratege der DG Bank, mag allein wegen der Steuerreform seine Dax-Prognose nicht revidieren. "Das ist in den Schätzungen bereits berücksichtigt. Wir bleiben bei 8 000 Punkten zum Jahresende." Nach der Aufregung der letzten Tage rechnet er damit, dass fundamentale Daten wieder wichtiger werden. "Man sollte sich nicht zu viel Kopfzerbrechen machen, welche Werte von der Reform profitieren, sondern Aktien mit hoher Gewinndynamik im operativen Geschäft kaufen", rät er.

tlu

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