Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.02.2002

00:00 Uhr

Streit um Standards

Softwareentwickler brüten über Web-Services

Dem grenzenlosen Austausch von Daten gehört die Zukunft. "Web-Services" heißt die neue Zauberformel, mit deren Hilfe die Softwareindustrie neue Geschäftsfelder erobern will. Doch das kann noch dauern.

Von Thomas Nonnast und Susanne Wesch

FRANKFURT/M. Kaum ein Begriff geistert derzeit häufiger durch die Softwarebranche als der künftige Umsatzbringer "Web-Services". Die Marktforscher von Forrester Research verstehen darunter "Software, die ausschließlich dafür geschrieben wird, Informationen an andere Software weiterzugeben" - ein Markt, der laut Gartner Group bis 2003 ein Volumen von 1,7 Mrd. $ erreichen soll.

Doch hinter der simplen Beschreibung steht mehr als nur "Software für Software". Es ist ein Machtkampf um die E-Business-Architektur der Zukunft. Denn um es zu schaffen, dass sich die verschiedenen Programme untereinander verstehen, müssen die Softwareingenieure in die IT-Systeme eine neue Verbindungsebene einbauen, die den Datenaustausch per Internet zwischen den Programmen erst möglich macht. In der Fachsprache wird diese Ebene als "Middleware" bezeichnet.

Sind hier die technischen Voraussetzungen geschaffen, könnte ein Web-Service zum Beispiel so aussehen: Der Einkäufer einer Firma verschickt eine Anfrage über das Internet. Eine Software identifiziert direkt im Netz in Frage kommende Lieferanten und sammelt aus den internen Warenwirtschaftsystemen der potenziellen Lieferanten Informationen über Bestände und Lieferbedingungen. Das Programm des Einkäufers sammelt diese Daten und gibt sie zur Entscheidung an den Einkäufer zurück - oder identifiziert gleich das beste Angebot und führt die Bestellung aus.

Gartner-Analyst Robert Batchelder sieht in der automatisierten Kommunikation von Softwarekomponenten "die dominierende Infrastruktur" der Zukunft. So schätzt Gartner, dass bis spätestens 2003 alle führenden E-Business-Plattformen zumindest die grundlegende Web-Service-Infrastruktur unterstützen.

Doch auf dem Weg dahin müssen die Entwickler noch viele Hürden aus dem Weg räumen. Denn über den notwendigen einheitlichen Standard für die neue Middleware ist ein erbitterter Grabenkampf zwischen Microsoft mit seiner Dotnet-Plattform und Konkurrenten wie Sun Microsystems und IBM entflammt, die auf einen offenen Standard setzen, der auf der Programmiersprache Java wurzelt.

"Im Moment befinden wir uns noch im Stadium der Diskussion", beschreibt Marge Breya von Sun die Situation. Der Konzern hat mit Sun ONE (Open Net Environment) eine Vision eines offenen Standards für eine Web-Services-Plattform definiert und tausende seiner Softwareentwickler mit der Entwicklung von Programmen beauftragt.

Nur wenn "weltweit jedes Software-Unternehmen Web Services unterstützt, ist sichergestellt, dass inkompatible Systeme miteinander kommunizieren können", sagt auch Steve Benfield, Technologiechef der Silverstream Software Inc., einem Anbieter von Web-Services-Software.

Doch selbst die Entwickler halten mit Kritik nicht hinter dem Berg "Was noch fehlt, damit die Vision umgesetzt werden kann, sind stabile Datenleitungen und ein vertrauenswürdiges Umfeld im Internet", sagt Ashish Kumar, Technologiechef der Avanade Inc., einem Joint Venture von Microsoft und Accenture. So wurde in der Vergangenheit vor allen Dingen Microsoft von Experten für die Vernachlässigung des Themas Sicherheit gescholten. Lücken gibt es aber auch "bei der Authentifizierung, wo die technologischen Möglichkeiten es noch nicht erlauben, jemanden automatisch eindeutig zu erkennen", so Kumar.

Wegen der noch fehlenden Standards empfiehlt Forrester den Unternehmen, zunächst einmal mit kleineren Anwendungen zu experimentieren. Auch Silverstream-Deutschland-Chef Michael Wiedemann erwartet, dass "in den kommenden Jahren zunächst interne Prozesse und bekannte Nutzer in solche Prozesse integriert werden". Die Beteiligung der Kunden über das öffentliche Internet sei dann der nächste Schritt. Mit dem Einsatz von Web-Services für unternehmenskritische Anwendungen sollten Firmen laut Forrester nicht vor 2005 beginnen.

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×