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25.07.2000

15:30 Uhr

Studie liefert Aufschlüsse über Fernsehgewohnheiten in Ost- und Westdeutschland

Arbeitslose Ostdeutsche fühlen sich im Unterhaltungsprogramm der Privaten wohl

Seit der Wende wird darüber diskutiert, wieso sich die TV-Fernsehgewohnheiten in Ost und West unterscheiden. Die Fakten: "Ossis" bevorzugen die Privatsender, und sie schauen täglich mit 207 Minuten (Jahr 1999) fast eine halbe Stunde länger fern als die "Wessis" (179 Minuten). Jetzt kommt eine Untersuchung der ARD zum Ergebnis, dass der unterschiedliche TV-Konsum auch in den unterschiedlichen sozialen Bedingungen zu suchen ist.

dpa HAMBURG. Insbesondere bei Arbeitslosen - die es bekanntlich in den neuen Bundesländern viel häufiger gibt - ist eine Favorisierung der Unterhaltungsprogramme von Privatsendern festzustellen. Die beiden ARD-Medienforscher Wolfgang Darschin und Camille Zubayr vermuten, dass diese Menschen durch das Unterhaltungsangebot auch verstärkt sich von ihren beruflichen Sorgen und wirtschaftlichen Problemen Ablenkung wollen. Generell haben Ostdeutsche ein geringeres Interesse an Politik und ein stärkeres Gefühl politischer Machtlosigkeit.

Das geringere Interesse an Informationssendungen scheint für die Wissenschaftler eine weitere Ursache für den Hang zu den Privatsendern im Osten: Politische Magazine und Reportagen, Wirtschaftssendungen und Kulturberichte finden dort nur unterdurchschnittlich Zuspruch, stellen die Forscher in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "Media Perspektiven" fest.

Der Osten findet RTL unentbehrlich - der Westen setzt auf die ARD

Außerdem ist die Bevölkerung in Ostdeutschland jünger: Und je jünger die Zuschauer, desto mehr werden die kommerziellen Sender bevorzugt. Nach ARD/ZDF-Befragungen wird in den neuen Bundesländern RTL für unentbehrlicher gehalten als die öffentlich-rechtlichen Sender. Im Westen liegt dagegen die ARD vorn, an zweiter Stelle folgen gemeinsam das ZDF und RTL.

Die Studie fördert weitere bemerkenswerte Details ans Licht: Krimis und Volkstheater-Aufführungen finden im Osten weniger Anklang als im Westen. Auf ein überdurchschnittliches Interesse stoßen dagegen Arzt- und Krankenhausserien, Familienserien und Musiksendungen für Alt und Jung, aber auch Informationen über das eigene Bundesland. Dennoch betont die Untersuchung, dass es trotz Unterschiede auch große Gemeinsamkeiten gibt. So ist das grundsätzliche Interesse in beiden Teilen Deutschlands an Nachrichten (94 % im Westen und 90 % im Osten) fast gleich hoch. Auch die Vorliebe für TV- und Kinofilme (82,6 % im Westen und 84,3 % im Osten) ist fast deckungsgleich.

Auf einen anderen Unterschied zwischen Ost und West hat jüngst eine Studie aufmerksam gemacht, die die TV-Vorlieben von Jugendlichen in Ost und West im Auftrag der Landesmedienanstalten Hamburg und Sachsen untersucht hat. Danach führt auch bei den 12- bis 17- Jährigen im Westen die ARD -"Tagesschau" bei den Nachrichtensendungen immer noch noch mit Abstand. Im Osten haben dagegen die privaten Nachrichtenprogramme die Nase vorn. Ursache dafür ist der Studie zufolge auch die Sozialisation: Eltern im Westen, die mit der "Tagesschau" groß wurden, geben den seriösen Nimbus dieser Sendung an ihre Kinder weiter.

MDR spricht die Ostdeutschen an

Die ARD kann sich zumindest auf regionaler Ebene im Osten freuen: Mit einem Marktanteil von fast zehn Prozent ist das Fernsehen des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) mit Abstand das erfolgreichste aller Dritten Programme. Dies hat dem MDR jüngst zu dessen Ärger den Vorwurf des "Spiegel" eingetragen, durch tumbe Unterhaltung und billige Ost-Klischees ("Die DDR lebt, zumindest im TV-Programm des MDR") diese Einschaltquoten zu erreichen.

Doch auch im gesamtdeutschen TV-Markt könnte sich aus Sicht der ARD-Medienforscher in den nächsten Jahren etwas zu Gunsten der Öffentlich-Rechtlichen tun, unter der Voraussetzung allerdings, dass sich die ungleichen Lebensverhältnisse in Ost und West ändern. Für Darschin und Zubayr bedeutet dies, "dass von einer Angleichung der Lebensbedingungen auch eine Annäherung der Einstellungen und somit auch des Fernsehkonsums erwartet werden kann".

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