Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.03.2003

07:15 Uhr

Stuttgart verspricht ein Olympia der kurzen Wege – die hat die Stadt auch zu vielen Entscheidern

Sprung nach den Sternen

VonMarc Thylmann (Handelsblatt)

Auf den ersten Blick mögen die Namen anderer Bewerber besser klingen. Doch die Schwaben geben sich von ihrem Konzept und ihren Chancen auf den nationalen Zuschlag überzeugt. Konkurrenten fürchten zudem den Einfluss von Daimler-Chrysler auf die Delegierten.

Plakatwerbung für Olympia 2012 in Stuttgart. Foto: dpa

Plakatwerbung für Olympia 2012 in Stuttgart. Foto: dpa

STUTTGART. Nachdem Thomas Strunz vom VfB Stuttgart zum FC Bayern gewechselt war, wurde er deutlich. "Das Schönste an Stuttgart ist die Autobahn nach München", sagte der frühere Fußball-Nationalspieler vor Jahren.

Darüber haben sich die Schwaben mächtig geärgert. Und sind tätig geworden. Solche Aussagen sollen spätestens 2012 Geschichte sein, wenn Stuttgart mit München gleichzieht und selbst die Olympischen Sommerspiele ausrichtet. Die Computersimulationen für das Olympiagelände auf dem Cannstatter Wasen in der Innenstadt entlang des Neckars beeindrucken schon heute, die Aussicht vor Ort weniger. Zwar ist der Weg bis zum Zuschlag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) lang und steinig - kaum jemand in der Branche rechnet mit einem Zuschlag für einen deutschen Bewerber im ersten Anlauf. Deutschland hätte also erst 2016 ein reelle Chance. Doch zumindest national könnte die vermeintliche schwäbische graue Maus das Rennen machen.

Raimund Gründler ist jedenfalls von den Siegchancen überzeugt, schließlich gibt es für ihn "keine internationalere Stadt als Stuttgart": Viele Unternehmen haben ihren Sitz in der Region wie Daimler-Chrysler, Porsche und Steiff, nicht zu vergessen Einrichtungen wie "Brot für die Welt" und das Diakonische Werk. Zudem betrage der Ausländeranteil 25 Prozent.

Davon abgesehen, verspricht Gründler dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) ein "Olympia der kurzen Wege". Das sagen zwar irgendwie alle Bewerberstädte, in diesem Fall aber scheint der Spruch berechtigt. Laut Bewerbungsschrift fallen 44 Prozent aller Entscheidungen im Olympiapark, gar 84 Prozent aller Medaillen sollen in einem Umkreis vom 12 Kilometern vergeben werden. Das Olympische Dorf und viele Wettkampfstätten können und sollen die Zuschauer von den ICE-Haltestellen per pedes erreichen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass viele Sportstätten unabhängig von Olympia gebaut werden. Dennoch ist der Finanzierungsbedarf enorm. 2,5 Milliarden Euro sollen in die Infrastruktur investiert werden. Davon aber, so Gründler, kämen 1,6 Milliarden von Privatinvestoren. Verblieben 900 Millionen für die öffentliche Hand.

Die reine Organisation und Durchführung der Spiele kostet zwei Milliarden Euro. Eine Milliarde davon gibt das IOC, etwa für die TV-Rechte; rund 500 Millionen Euro sollen die Zuschauer insgesamt bezahlen; die restlichen 500 Millionen sollen unter anderem nationale Sponsoren sowie das Merchandising erwirtschaften. "Seit Los Angeles 1984 haben alle Austragungsorte mit einem Plus abgeschlossen - und schlechtere Rechner als Amerikaner, Koreaner, Spanier oder Australier sind die Schwaben auch nicht", sagt Gründler.

Doch die Finanzen allein werden die Delegierten nicht überzeugen. Und da spricht einiges für eine CDU-Südachse. Wenn Frankfurt und Leipzig beispielsweise in den ersten Wahlgängen rausfliegen sollten, so ist die Chance gegeben, dass viele ihrer Stimmen Richtung Schwaben gehen - dank der politischen und geographischen Nähe. An Raimund Gründler sollte dies nicht scheitern, er war drei Jahre lang Landesgeschäftsführer der CDU Baden-Württemberg und danach Leiter des Stuttgarter Oberbürgermeisterbüros.

Nah steht auch Daimler-Chrysler dem IOC, jahrelang hat man die Spiele gesponsert. Deutsche Mitbewerber befürchten daher, dass der Konzern mit Sitz in Stuttgart hinter den Kulissen mächtig Einfluss nimmt. Matthias Kleinert, Leiter Politik und Außenbeziehungen bei Daimler, ist zwar Mitglied des Kuratoriums der Bewerbungsgesellschaft. Doch ansonsten gibt man sich unparteiisch: "Wir wollen, dass Olympia nach Deutschland kommt." Dennoch hat der Konzern ein Interesse an einem Stuttgarter Zuschlag, nicht zuletzt weil er ein Museum direkt auf dem möglichen Olympiagelände baut.

Zudem kennen viele der abstimmenden Funktionäre die Hauptstadt Baden-Württembergs. Denn die selbst ernannte "weltberühmte Sportstadt Stuttgart" richtete bereits viele Sportereignisse aus, etwa die Leichtathletik-WM 1993 oder als Mitausrichter die Volleyball-WM 2002. "Beim Zwischenrundenspiel Bulgarien gegen Puerto Rico sahen 6 000 Leute zu. Der bulgarische Trainer sagte hinterher, Stuttgart hat die Olympischen Spiele verdient", erzählt Gründler. Und weil die Geschichte so gut ist, erzählt sie Pressesprecher Jörg Klopfer - der kurz darauf zum Gespräch hinzu kommt - fünf Minuten später gleich noch einmal.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×