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15.01.2003

13:01 Uhr

Suche nach Finanzierungsalternativen

Handwerk setzt nach wie vor auf Bankkredite

VonStefan Buhren

Alternative Finanzierungsformen sind für die meisten Handwerker ein Buch mit sieben Siegeln. Doch die neuen Basel-II-Richtlinien zwingen die Meister, neue Geldquellen aufzutun.

HB / DÜSSELDORF. Von heute auf morgen steht Kfz-Händler Frank König (Name geändert) vor dem Ruin. Weil die Privatbank seine Kredite in Höhe von 700  000 Euro überraschend gekündigt hat. Für die A+M Bauservice und Isolierung aus Stralsund hingegen kam das Aus schon Anfang Dezember. "Die Bank weigerte sich schlicht, uns trotz guter Auftragslage einen Kleinkredit von 25  000 Euro zu gewähren", sagt Trockenbauer Mathias Aust. Das Geld hätte der 37-jährige Firmenchef benötigt, um Aufträge vorzufinanzieren. Jetzt stehen fünf Arbeitslose mehr in der Statistik.

Seit gut zwei Jahren geistern die Schlagworte "Basel II" und "Rating" durch das Handwerk - und seitdem auch die Angst. Angst davor, im Falle eines Liquiditätsengpasses mit leeren Händen dazustehen, weil die Kreditinstitute wie im Falle Aust und König kein Geld mehr bereitstellen wollen. "Basel II wirft seine Schatten voraus: Die Banken sind bei der Kreditvergabe viel strenger geworden", weiß Thomas Köster, Hauptgeschäftsführer des Nordrhein- Westfälischen Handwerkstags (NWHT). "Die steigenden Insolvenzzahlen sind nicht nur Ausdruck der Liquiditätslage und Eigenkapitalschwäche im Mittelstand", bestätigt auch Helmut Rödl, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Vereine Creditreform in Neuss, "sondern weisen auf erste Veränderungen bei der Kreditvergabepraxis durch Banken hin."

Warum, das ist kein Geheimnis: Jeder dritte Betrieb hat weniger als 25 % Eigenkapital, schätzt Köster. Hinzu kommt, dass "in der Vergangenheit die schwache Nachfrageentwicklung, eine starke Verschlechterung der Zahlungsmoral und steigende Forderungsausfälle zu einer rückläufigen Ertragssituation geführt haben", sagt Dieter Philipp, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). "Mit diesen verschlechterten Möglichkeiten zur Eigenfinanzierung steigt der Bedarf an Fremdfinanzierung." Langfristig ein ganz großes Problem für Handwerksbetriebe. Köster: "Denn neben der Fremdfinanzierung durch die Bank gibt es derzeit für den handwerklichen Mittelstand nicht viele Alternativen."

So setzen die Meister nach wie vor auf die klassischen Instrumente. 60 %, so eine Umfrage des ZDH unter rund 13  000 Betrieben im ersten Quartal 2001, nutzen regelmäßig den Kontokorrentkredit, jeder zweite (47,8 %) setzt mittel- und langfristige Kredite ein. "Weitere wichtige Bausteine sind Bankbürgschaften und Lieferantenkredite", so Philipp. 25,1 % der befragten Betriebe setzen regelmäßig Bankbürgschaften ein, 24,7 % Lieferantenkredite.

Moderne Finanzierungsinstrumente als Alternative zur Bank sind im Handwerk hingegen unterrepräsentiert. Lediglich das Leasing wird von Betriebsinhabern halbwegs intensiv genutzt: Nur jeder vierte nutzt es regelmäßig. Und gerade mal 10 % der Betriebe greifen auf öffentliche Finanzierungshilfen zurück. Das Hausbankprinzip als auch der Papierkrieg und die umständliche, zeitintensive Suche nach dem passenden Programm verhindern einen größeren Nutzerkreis.

Auch das relativ einfache Instrument Factoring spielt eine nur untergeordnete Rolle. Dabei sind es nicht einmal die Kosten, die das Handwerk abschreckt - zumal die sich mit in der Regel 4 bis 6 % der Rechnungssumme noch in Grenzen halten. "Viele Betriebsinhaber erreichen nicht die Schwellenwerte, um überhaupt in das Factoring einsteigen zu können", heißt es aus dem ZDH. "Das Minimum liegt bei 250  000 Euro Jahresumsatz", so Rödl.

"Private Equity", der Einsatz von privatem Beteiligungskapital, spielt ebenfalls keine Rolle. "Ich glaube nicht, dass wir heute noch Geld bekommen hätten", sagt Guido Garnies, Geschäftsführer der Kölner Krahnen GmbH, die vor fünf Jahren die Entwicklung von Reinigungsmaschinen für explosionsgefährdete Räume über Beteiligungskapital finanzierte.

Auch die klassische Form, die Mitarbeiterkapitalbeteiligung, dümpelt weiter vor sich hin. Vor allem die niedrigen steuerlichen Freigrenzen verhindern, dass Betriebsinhaber auf breiter Basis dieses Instrument nutzen, wie Heribert Günther, Chef des Elektrohauses Günther in Köln, vermutet. Er hat schon vor zehn Jahren seine Mitarbeiter zu stillen Beteiligten seines Betriebes gemacht. Das zweite Problem ist eher ideologischer Natur. Handwerkschefs wollen einfach nicht, dass jemand bei betrieblichen Entscheidungen mitreden darf. Unbekannt ist, dass man das Mitspracherecht vertraglich ausschließen kann.

Nicht einmal eine Hand voll Betriebe nutzen eine seit 1994 mögliche Form, um Mitarbeiter, aber auch fremde Geldgeber am Unternehmen zu beteiligen: die kleine Aktiengesellschaft. Zu kompliziert, zu aufwendig, zu formal lautet pauschal das Urteil. Unternehmen wie die Schreinerei Werner AG aus Laufach bleiben daher die rühmliche Ausnahme.

Zwei Hoffnungen hat das Handwerk, seine Finanzierungssituation zu verbessern. Zum einen im Ausbau des so genannten Mezzanine-Kapitals. Zurzeit arbeiten Banken daran, diese Finanzierungsform auch kleineren Betrieben zugänglich zu machen. Bislang konnten Existenzgründer Mezzanine-Kapital lediglich in Form der Eigenkapitalhilfe-Darlehen (EKH) nutzen.

Die zweite Hoffnung besteht in der Gründung einer vom Handwerk geforderten Mittelstandsbank. "Das ist ein politisches Zeichen, dem Mittelstand auch in Förder- und Finanzierungsfragen die Bedeutung einzuräumen, die auf Grund seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung angemessen ist", erklärt ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer.

Unter dem Motto "Praxis Mittelstand" steht dieser Beitrag, der in Kooperation mit dem Deutschen Handwerksblatt entstanden ist. Der Autor ist Redakteur der Düsseldorfer Handwerkszeitung.

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