Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2003

14:12 Uhr

Suche nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten

Die Bilanz wird von Großprojekten entlastet

VonWaldemar Schäfer (Handelsblatt)

Wer für die Automobilindustrie Produktionswerkzeuge baut, muss die Entwicklung und die Fertigung vorfinanzieren. Es geht um Millionenbeträge, die auch große mittelständische Lieferanten erheblich belasten.

DÜSSELDORF. Die Kirchhoff Automotive GmbH, Iserlohn, ist einer der großen und erfolgreichen Zulieferer der internationalen Automobilindustrie. Mit mehr als 2 000 Mitarbeitern fertigt ihre Fahrwerks- und Karosserieteile für Firmen wie DaimlerChrysler, Ford, GM, den VW-Konzern, DAF und Scania. Die Entwicklung und Herstellung der dazu notwendigen Werkzeuge erfolgt in eigenen Werkzeugbauten. Zwischen 1997 und 2002 konnte das Familienunternehmen den Umsatz von 117 auf 225 Mill. Euro steigern.

Seit einiger Zeit zeigen sich aber Grenzen des Wachstums. Nicht vom Markt her. "Wir sind leistungsfähig, das wissen auch unsere Kunden, und wir werden gebraucht", sagt J. Wolfgang Kirchhoff, einer der geschäftsführenden Gesellschafter, selbstbewusst. Restriktionen gebe es aber bei der Finanzierung des weiteren Wachstums. "Seit zwei bis drei Jahren nimmt die Bereitschaft der Banken ab, noch Kreditfinanzierungen im Mittelstand vorzunehmen", stellt Rainer Spindeldreher, Kirchhoffs für Finanzen zuständiger Kollege in der Geschäftsführung, fest. Den Grund sieht er im Zusammenhang mit der Diskussion über Basel II und die erwarteten verschärften Eigenkapitalvorschriften für die Banken.

Da es auch im Zuliefererbereich in den letzten Jahren zu Firmenzusammenbrüchen gekommen sei, wollten die Banken hier nicht mehr so hoch engagiert sein. Auf der anderen Seite werde das Volumen der Entwicklungsaufträge bei dem so genannten "Zulieferer der ersten Reihe" immer größer. "Wenn wir für ein Fahrzeug in einem großen Umfang Teile liefern, was unser Interesse ist, dann erreichen wir für die Vorfinanzierung der zugehörigen Werkzeuge und Betriebsmittel rasch ein Volumen von 10 oder 15 Mill. Euro", erklärt Kirchhoff. Die Zahlung erfolgt jedoch erst, wenn Werkzeuge und Teile abgenommen sind, was nach etwa 15 Monaten der Fall sein kann. "Oft dauert es aber wegen Änderungen und Projektverzögerungen erheblich länger, bis zu 30 Monaten."

Die Folge sind hohe Bestände an angearbeiteten Werkzeugen im Umlaufvermögen: "17 Mill. Euro waren es in der Spitze im vergangenen Jahr", berichtet Spindeldreher. Die Finanzierung gehe dabei "typischerweise zu Lasten der kurzfristigen Kreditlinien". Diese seien zum einen teuer, zum anderen können sie wegen der Zurückhaltung der Banken nicht beliebig ausgeweitet werden, trotz der soliden Eigenkapitalausstattung, die auch über die gesamte Wachstumsphase bei 40 % des Gesamtkapitalbedarfs gelegen habe.

Da das Volumen an Werkzeugaufträgen sehr stark schwankt, "das sind einmal 15 Mill. Euro mehr und einmal 15 Mill. Euro weniger", kann dieses, so Spindeldreher, auch nicht herkömmlich langfristig finanziert werden. Und an den Kapitalmarkt zu gehen, sei für mittelständische Unternehmen einfach zu teuer. Deshalb habe man einen neuen Weg zur Finanzierung der Werkzeugaufträge gesucht. Gefunden wurde er im Laufe vieler Gespräche, die sich über ein Jahr hinzogen, gemeinsam mit der IKB, Deutsche Industriebank, Düsseldorf. Heraus kam "ein wirklich innovatives Produkt", lobt Kirchhoff. Olav A.C. van Lier von der IKB Structured Assets verweist darauf, dass das Modell "nicht am grünen Tisch von irgendwelchen Finanzstrategen erdacht wurde".

Es sei vielmehr darum gegangen, gemeinsam eine Antwort auf die Frage des Mittelständlers zu finden: "Wie kann ich mein Finanzierungsproblem lösen, damit ich meine Marktfähigkeit, Expansionsfähigkeit und Innovationsfähigkeit behalte?" Um dies zu ermöglichen, wird das schwankende Werkzeuggeschäft außerhalb der Bilanz finanziert. Abgeleitet sei das Modell, so Spindeldreher, vom "asset backed securitisation", das es im Forderungsbereich gibt: Dabei wird ein sich ständig in seiner Zusammensetzung monatlich ändernder Bestand bis zur Höhe eines Maximalplafonds finanziert.

Wenn sich die Forderungen wie in der Automobilindustrie auf wenige Kunden bezögen, deren Bonität außer Frage stehe, oder wie bei Warenhäusern und im Versandhandel, wo durch eine extreme Streuung das Risiko gering sei, lägen die Konditionen nahe am Kapitalmarktzins und damit sehr günstig. Im Falle Kirchhoff ist bei dem neuen Modell nicht die Forderung der Hintergrund, sondern es sind die angearbeiteten Werkzeuge. Deren Wert ist nach Kirchhoffs Meinung eher noch sicherer als der von Forderungen, "da der Kunde ohne zugehörige Werkzeuge und Betriebsmittel kein Auto bauen kann". Die IKB habe dies aber nur ansatzweise berücksichtigt.

Als "IKB-Partnerschaftsmodell", wird es von der Bank auch anderen großen Automobilzulieferern angeboten. Sofern die Rahmenbedingungen und die Projektgröße stimmen. "Wir werden nur Aufträge einer gewissen Größenordnung hereinnehmen", sagt van Lier: "Das können 10, 20 oder 50 Mill. Euro sein. Unter 10 Mill. Euro macht das System keinen Sinn." Das Kirchhoff-Projekt liegt "in zweistelliger Millionenhöhe", mehr will man nicht sagen.

Die Finanzierung läuft dabei in drei Tranchen: einer langfristig finanzierten Basistranche, einer mittelfristigen Tranche über mehrere Monate und einer kurzfristigen monatlichen Spitze, die bis zur oberen Grenze des vereinbarten Plafonds reicht. Zinshöhe und Zinsänderungsrisiken können durch Derivate gedeckelt werden.

Siehe auch: Grundzüge des IKB-Partnerschaftsmodells

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×