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04.02.2003

10:59 Uhr

Tagung des Icann-Studienkreises

Icann-Reform stößt auf tiefe Skepsis

VonBernd Kupilas

Einst wurde die Netz-Behörde Icann als "Internet-Regierung" mißverstanden. Damit ist es endgültig vorbei. Jetzt steht die Organisation vor einer neuen Reform. Icann 2.0 soll mit weniger Nutzerbeteiligung auskommen.

HB BERLIN. Die bevorstehende Reform der Internet-Behörde Icann stößt bei Experten auf Kritik und Skepsis. Viele Kenner der umstritten Netz-Verwaltungs-Organisation begrüßen zwar, dass Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) sich reformieren will - allein, es fehlt ihnen der Glaube, dass das klappt. Andere wiederum bemängeln die geplante Einschränkung der Nutzerbeteiligung, wie bei einer Tagung des Icann-Studienkreises in Berlin deutlich wurde. Icann sitzt im kalifornischen Marina del Rey und arbeitet unter starkem Einfluss der US-Regierung. Es verwaltet die wichtigen Adressen und IP-Nummern im Internet.

Der Reformvorschlag, den das Icann-Direktorium Mitte Dezember vorlegte, sieht im Wesentlichen vor, die Nutzerbeteiligung neu zu organisieren und de facto auf Fachleute einzuschränken. Außerdem sollen die nationalen Regierungen mehr Mitspracherechte erhalten. Icann hatte im Jahr 2000 mit einer weltweiten Internet-Wahl Aufsehen erregt. Damals waren fünf Direktoren des Gremiums von den Nutzern in einem direkten Votum bestimmt worden. Einer von ihnen war der deutsche Hacker und Sprecher des Chaos Computer Clubs, Andy Müller-Maguhn. Die elektronische Urnengang wurde von vielen als Wahl einer "Internet-Regierung" missverstanden.

Geplatzter Traum

Der Traum von der direkten elektronischen Internet-Demokratie ist zusammen mit der New-Economy-Blase zerplatzt, und Icann liegt jetzt in einer Version 2.0 vor, wie es Beobachter der Szene in Anspielung auf die in der Software-Branche gängige Nummerierung von Programmen launisch ausdrücken. Die Beteiligung der Nutzer habe zuviel Geld und zu viele Ressourcen gekostet, erklärte der Icann-Direktor und Siemens-Manager Helmuth Schink. Dass hingegen die nationalen Regierungen stärker eingebunden werden, sei begrüßenswert - schließlich handele es sich bei Namensräumen im Internet um ein öffentliches Gut. Bei Vertretern der Internet-Wirtschaft stößt die anstehende Reform ebenfalls auf grundsätzliche Zustimmung. Internet-Adress-Registrare wie zum Beispiel das Konsortium Afilias erhoffen sich von den organisatorischen Änderungen beschleunigte Verfahren in dem komplizierten Gremium sowie die Beseitigung von Wettbewerbsbeschränkungen.

Allerdings herrschen bei den Befürwortern einer Reform große Vorbehalte, ob Icann die angestrebten Änderungen auch tatsächlich umsetzen kann - wegen der schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit. "Des Kaisers neue Kleider", meinte ein Teilnehmer am Rande der Tagung in Berlin. Insbesondere die nationalen Registrierungsstellen wie zum Beispiel die deutsche Denic sind skeptisch. Denic-Geschäftsführerin Sabine Dolderer kritisierte, dass bei Icann nun schon seit drei Jahren Stillstand herrsche. Denic ist eine Genossenschaft mit Sitz in Frankfurt, die alle .de-Adressen registriert.

Kaum durchschaubare Strukturen

Kritiker der Icann-Reform weisen zudem darauf hin, dass die vorgesehenen organisatorischen Änderungen das Prozedere nicht vereinfachen - eher im Gegenteil. Selbst für Insider ist mittlerweile kaum noch zu durchschauen, wie Entscheidungen bei Icann mit seinen Dutzenden von Unterorganisationen und Ausschüssen zustande kommen. Willi Black, Manager der britischen .uk-Adress-Endung, plädierte für eine radikale Vereinfachung der Icann-Organisation. Icann müsse sich die Frage stellen, was seine eigentlich Aufgabe sei. Zwischen den nationalen Adress-Registrierungsstellen und Icann herrscht seit Jahren Streit ums Geld. Icann finanziert sich zum größten Teil aus den Beiträgen der nationalen Registries - die für ihr Geld eine bessere Leistung und mehr Mitsprache fordern.

Der im Jahr 2000 gewählte Icann-Direktor Andy Müller-Maguhn übte Kritik an der Neuorganisation der Nutzer-Beteiligung. Die Idee von Icann sei ein Interessenausgleich zwischen Industrieinteressen und Nutzerinteressen gewesen. Mit der Reform entferne man sich von diesem Ziel. Themen wie Datenschutz oder Informationsfreiheit müssten weiter eine Rolle spielen.

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