Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.03.2014

14:43 Uhr

App Narrative

Wer braucht da noch ein Gedächtnis

VonMichaël Jarjour
Quelle:Handelsblatt Live

Eine faszinierende Kamera zeichnet jeden Moment des eigenen Lebens auf. Doch erst die begleitende App formt aus der schieren Masse an Bildern einen magischen Schatz an Erinnerungen.

„Narrative“-Clip (umkreist im Bild rechts): Die begleitende App ist der Schlüssel zu einem magischen Strom von Erinnerungen. Handelsblatt Live

„Narrative“-Clip (umkreist im Bild rechts): Die begleitende App ist der Schlüssel zu einem magischen Strom von Erinnerungen.

New YorkWo waren Sie gestern um 15.47 Uhr? Keine Ahnung? Ich schon. Ich stand am Gepäckband des New Yorker Flughafens, direkt hinter einem sehr dicken Mann in einem sehr engen weißen Tank-Top und wartete, bis ich endlich mit meiner großen Tasche ins Taxi steigen und nach Hause fahren konnte. Hinter mir lag eine Woche beim Tech-Festival “South by Southwest” (SXSW), zusammen mit etwa 30.000 anderen Tech-Enthusiasten, Investoren, Journalisten und ein paar wenigen Einheimischen.

In einer neuen App ist der Trip dokumentiert, haargenau in 6768 Fotos. Die Bilder schoss ein Gadget, das bei SXSW vor einem Jahr für Aufregung gesorgt hat und kürzlich auf den Markt kam. Es ist ein winziges Plastikteil ohne auch nur einen Knopf, das ans Hemd gesteckt zwei Mal pro Minute ein Bild schießt. Doch was soll ich mit tausenden Fotos? Hier kommt die begleitende “Narrative”-App für iOS und Android ins Spiel. Diese macht die neue Technologie zur Magie. Vor allem nach einer Weile.

“Wir wollen dir nicht nur einen Stream deines Tages, sondern ‘Momente’ zeigen”, sagt mir Oskar Kalamaru, einer der Gründer des Herstellers. Die “Momente” werden anhand von Daten über den Standort und dem Zeitpunkt der Aufnahme sortiert. Danach filtert sie gescheit die Bilder heraus, die am schärfsten sind, am meisten Farben und am deutlichsten Gesichter zeigen und “trimmt” die Momente, so dass nur “gute” Fotos bleiben. Das macht die App recht gut.

Von den 6768 Fotos blieben noch etwa ein Drittel sichtbar. Wenn man auf einen Moment tippt, spielt ihn die App wie einen Film ab. Erinnerung um Erinnerung, Foto um Foto. Das ist hübsch.

Kurzinfo

Die Kamera

Die Kamera ist für 279 Dollar zu haben. Es gibt sie in orange, grau oder weiß. Inbegriffen ist ein Jahr “Service”, also die App und den Speicherplatz in der Cloud. Danach kostet der neun Dollar pro Monat.

Die App

„Narrative“ für iOS und Android (kostenlos)

Fotos, so echt wie Ihr Leben

Die Fotos sind es jedoch nicht immer. Zwar sind sie erstaunlich gut, der Stabilisator an der Kamera funktioniert prima. Doch sie sind blind geschossen, stehen schräg und die Kamera ist gnadenlos im Abschneiden von Köpfen, Händen, Beinen. Es sind nicht die Bilder, die wir von Instagram gewöhnt sind. Und das ist echt gut. Die Bilder zeigen das echte Leben. Da passiert viel Langweiliges, doch immer wieder mischt sich der Moment hinein, für den sich das Aufstehen gelohnt hat.

“Ein verschwommenes Foto von deinem Lunch ist nicht interessant. Doch schon nach zwei Wochen wird es interessant, weil du anfängst es zu vergessen”, sagt Kalamaru.

Der freundliche Taxifahrer beispielsweise, der mich zum Flughafen bringen sollte. Mit ihm hatte ich eine Weile geplaudert, es war seine erste Fahrt an diesem Tag, ich war noch völlig verschlafen. Diesen Moment habe ich vergessen, doch mein “Narrative” nicht. Andere Bilder zeigen einige meiner Freunde beim Bier, völlig unverstellt, einige meiner Kollegen, völlig unangestrengt. Für diese Kamera sitzt keiner ein wenig aufrechter oder guckt ein bisschen cooler.

Das ist großartig! Und das kann nur diese Kamera. Man vergisst sie schnell, sowohl am Hemdkragen wie auch im Hotelzimmer. Einer der großen Nachteile von tragbaren Gadgets, die nicht um das Handgelenk gewickelt werden können wie Fitnesstracker beispielsweise. In Austin hat mich der journalistische Fleiß ins Hotelzimmer zurückgetrieben. Im echten Leben täte ich das nicht. Dann halte ich halt wieder ganz traditionell allen mein Smartphone ins Gesicht, wenn es denn sein muss.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×