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15.04.2014

09:24 Uhr

Apps der Woche

Mehr Intelligenz fürs Smartphone

VonMichaël Jarjour
Quelle:Handelsblatt Live

So schlau wie die Frau im Kaffeeladen: Mit einer Reihe neuer Apps erkennt das Smartphone, was der Nutzer vorhat – und zeigt gleich die richtigen Programme an. Die Firmen wollen die Kontrolle über den Startbildschirm.

Twitters neuester Kauf Cover stellt immer zum richtigen Zeitpunkt die richtige App auf dem Sperrbildschirm bereit. Michael Jarjour

Twitters neuester Kauf Cover stellt immer zum richtigen Zeitpunkt die richtige App auf dem Sperrbildschirm bereit.

New YorkSie müssten eigentlich smarter sein, unsere Smartphones. Ein bisschen wie die Frau im Kaffeeladen an der Ecke. Sie erkennt mich schon, bevor ich durch die Glastür gehe. An der Theke angekommen, steht der Kaffee bereit, wir tauschen Geld und Grüße aus, die Routine geht weiter. Stecke ich danach den Kopfhörer in mein Mobiltelefon, will ich auch immer das gleiche: die Nachrichten. Doch das Gerät belässt meine Podcast-App da, wo sie immer ist: versteckt auf dem dritten Bildschirm.

Einige Apps wollen das ändern und unsere Smartphones gescheiter machen. Und die Technikriesen sind sehr, sehr interessiert. So hat Twitter die noch junge Firma Cover gekauft. Deren Programm verspricht, immer die richtigen Apps zur richtigen Zeit auf meinem Sperrbildschirm für den Schnellzugriff zu platzieren. Das ist fürchterlich praktisch. Und eine Riesenchance für die Firmen: „Diese Art von Apps sind das erste, was wir nutzen, wenn wir unser Gerät nutzen“, erklärt Brian Blau, Forschungsdirektor bei Gartner. „Wenn sie gut gemacht sind, können sie gar die hauptsächliche Schnittstelle eines Gerätes werden.“ Die Tür zu allem quasi.

Kampf um den Startbildschirm

Genau aus diesem Grund ist im Silicon Valley jüngst ein Kampf um unsere Startbildschirme entbrannt. Im Januar, also Monate vor dem Zukauf von Twitter, hatte sich der Tech-Veteran Yahoo für 80 Millionen Dollar die App Aviate geschnappt. Die beiden Apps funktionieren ganz ähnlich. Sie informieren sich über unsere Routinen, unsere Umgebung und die Tageszeit und bringen Relevantes in den Vordergrund. Ganz wie die Dame im Kaffeeladen.

Die heißen Smartphone-Dienste

Snapchat

Mit der Snapchat-App können Nutzer Textnachrichten, Fotos und Videos verschicken, die sich nach einem kurzen Zeitraum selbst löschen. Gerade unter Jugendlichen ist die Anwendung beliebt – vermutlich nicht selten für Anzüglichkeiten. Die Gründer lehnten mehrere milliardenschwere Übernahmeangebote ab, auch Facebook ließen sie abblitzen.

Instagram

Ein Produkt des Smartphone-Zeitalters ist der Foto-Dienst Instagram: Er war von vornherein nur für mobile Geräte ausgelegt. Nutzer können Fotos und Videos aufnehmen, mit Filtern aufpeppen und hochladen. Das Prinzip von Instagram erinnert an Twitter, nur dass es hier ausschließlich um Bilder geht. Facebook übernahm den Dienst 2012 für umgerechnet eine Milliarde Dollar.

Pinterest

Beim Fotodienst Pinterest sammeln die Nutzer Bilder von verschiedenen Websites in digitalen Notizbüchern – meistens mit dem Smartphone. Die Entwicklung von Pinterest wird von Urheberrechtssorgen begleitet: Die öffentlichen Sammlungen könnten nach Ansicht einiger Experten als Urheberrechtsverletzung ausgelegt werden. Das Unternehmen hat inzwischen eine Milliardenbewertung.

Whatsapp

In immer mehr Ländern wird Whatsapp zum SMS-Ersatz. Der Dienst erlaubt es, Kurznachrichten, Bilder und Videos über Internet zu verschicken. Die App läuft auf sämtlichen Betriebssystemen. Trotz etlicher Sicherheitspannen gehört Whatsapp zu den beliebtesten Smartphone-Anwendungen, sie hat nach Unternehmensangaben 500 Millionen Nutzer. Facebook hat das Start-up für 22 Milliarden Dollar übernommen.

Line

Ähnliche wie Whatsapp funktioniert Line, eine App mit asiatischem Ursprung. Sie bietet Instant Messaging für Smartphone und PC. Nutzer können nicht nur Textnachrichten, Fotos und Videos tauschen, sondern auch Telefonate führen. Eine Besonderheit sind virtuelle Sticker, die man in einem Shop kaufen kann.

Vine

Mit dem Dienst Vine können Nutzer bei Twitter sechs Sekunden kurze Videoschnappschüsse hochladen, die in einer Endlosschleife laufen. Der Zwitscherdienst übernahm das Start-up nur wenige Monate nach dessen Gründung im Sommer 2012. Vine hat nach Angaben vom Sommer 40 Millionen Nutzer.

Periscope

Videoübertragungen in Echtzeit ermöglicht der Dienst Periscope, der zu Twitter gehört. Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: App öffnen, „Broadcast“ klicken – schon beginnt der Live-Stream. Ein konkurrierendes Angebot ist Meerkat.

Tumblr

Twitter ist kurzatmige Internet-Kommunikation, Blogs lassen sich mehr Zeit. Irgendwo dazwischen befindet sich Tumblr, ein 2007 gegründeter Web-Dienst für das unkomplizierte Veröffentlichen im Netz. Ähnlich wie bei Twitter kann man bei Tumblr anderen Nutzern folgen und sieht dann deren Beiträge im sogenannten Dashboard, einer Übersichtsseite. 2013 übernahm Yahoo das Start-up für 1,1 Milliarden Dollar.

Beide Apps wollen zunächst die Adressen Ihres Büros und Ihrer Wohnung wissen und analysieren dann, wie Sie Ihre Apps nutzen. Cover setzt mit diesem Wissen die richtigen Anwendungen auf ihrem Sperrbildschirm. Sind Sie im Büro, sind da das E-Mail-Programm oder der Kalender. Zu Hause ist es der Videoplayer und die Zeitung, unterwegs im Auto die Karten- oder Musik-Anwendung. Von da aus kann man eine Vorschau in die App erhalten oder sie direkt öffnen.

Aviate übernimmt das Gerät komplett

Aviate rückt je nach Situation die wichtigsten Apps in den Vordergrund – wenn der Kopfhörer eingestöpselt ist, etwa Youtube und Spotify. Michael Jarjour

Aviate rückt je nach Situation die wichtigsten Apps in den Vordergrund – wenn der Kopfhörer eingestöpselt ist, etwa Youtube und Spotify.

Aviate geht noch ein Stück weiter und übernimmt als sogenannter Launcher für Android das Gerät komplett. Das Programm organisiert Apps in sinnvollen Gruppen und zeigt auf dem ersten Bildschirm immer das an, was ich zu der Zeit an dem Ort brauchen könnte. Stecke ich beispielsweise meinen Kopfhörer ins Gerät, verwandelt sich das Smartphone in ein Musikgerät, die Musik-App Spotify, die Podcast-App Stitcher oder die YouTube-App sind schnell verfügbar. In den Gruppen empfiehlt die App außerdem Anwendungen, die Sie noch nicht heruntergeladen haben, die aber bei anderen beliebt sind.

Google Now Launcher: Die App bringt noch mehr Google auf Android-Telefone und zeigt personalisierte Nachrichten, Apps und andere Hinweise. Michael Jarjour

Google Now Launcher: Die App bringt noch mehr Google auf Android-Telefone und zeigt personalisierte Nachrichten, Apps und andere Hinweise.

Auch Google spielt hier mit, hat aber selbst etwas programmiert: Die App Now, die es für iOS und Android gibt, hat Google kürzlich in einen Launcher umgebaut und übernimmt damit wie Aviate das Gerät komplett. Ein Wischen nach links bringt den Now-Bildschirm zum Vorschein, wo Google uns personalisierte Börsenkurse und News präsentiert, oder vor Staus auf dem Weg zur Arbeit warnt. Nettes Detail: Ihr Gerät hört jetzt immer zu, ohne, dass Sie einen Knopf drücken müssen. Sagen Sie „Ok, Google“ und durchsuchen Sie per Sprachbefehl das Internet, starten eine App oder schreiben Sie eine E-Mail.

Google, Yahoo und Twitter wollen damit alle dasselbe: Die Schnittstelle zu allem sein, was Sie mit Ihrem Gerät tun.

Von Facebook gelernt (hoffentlich)

Das hat früher schon Facebook versucht. Das soziale Netzwerk hat vor nun gut einem Jahr unser „Zuhause“ werden wollen. Ein Launcher namens „Home“ wurde mit viel Tamtam auf den Markt geworfen – und praktisch augenblicklich wieder vergessen. Das war wohl ein wenig zu viel Facebook: Facebook-Bilder auf dem Sperrbildschirm, Facebook-Posts auf dem Homescreen, Facebook überall. „Die Umsetzung war schrecklich“, meint Forscher Blau.

Doch das Silicon Valley ist kein Ort, an dem Aufgeben eine Option ist. Zu verlockend sind die Möglichkeiten. Also versucht es nun Twitter mit Cover. „Es sind die Daten“, erklärt Blau. „Wenn die Masse die Apps benutzt, kann Twitter Entwicklern und Werbern mehr Informationen darüber geben, wie sie ankommen. Der Sperrbildschirm könnte beispielsweise für Werbung oder App-Empfehlungen genutzt werden.“ Er bezweifle aber, dass die Nutzer das zulassen würden.

Werbung im Sperrbildschirm?

Wie weit die Firmen gehen wollen, wird sich zeigen. Doch sie scheinen alle entschlossen, sich auf die eine oder andere Weise auf unseren Startbildschirmen einzunisten. Der Mobilchef von Yahoo sagte, Aviate sei im Kern die Mobilstrategie des Unternehmens, ohne Details zu nennen.

Für den Moment sind die Apps einfach sehr praktisch für uns. Sie wissen, was ich will, noch bevor ich es sage. Eben wie die Dame im Kaffeeladen. Der muss ich jedoch anders als bei den datenhungrigen Apps auch noch preisgeben, wie verschlafen ich am Morgen aussehe.

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