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15.06.2017

10:25 Uhr

Zukunft der Luftfahrt

Mit Überschall nach Paris

VonJens Koenen

Die US-Firma Boom stellt auf der Paris Air Show ihre Pläne für ein neues Überschallflugzeug vor – 17 Jahre nach dem Absturz einer Concorde an fast demselben Ort. Der Unfall leitete damals das Ende des Überschalljets ein.

Luftfahrt-Revolution für jedermann

Erster Passagierflieger mit Überschallgeschwindigkeit

Luftfahrt-Revolution für jedermann: Erster Passagierflieger mit Überschallgeschwindigkeit

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Paris17 Jahre ist es her, dass eine Concorde kurz nach dem Start am Pariser Flughafen abstürzte und alle Passagiere sowie die Besatzung mit in den Tod riss. Ein zuvor von einem anderen Flugzeug verlorenes Teil auf der Startbahn war hochgeschleudert worden und hatte den Tank zerstört. Der legendäre aber auch umstrittene Überschalljet war damit dem Tode geweiht, 2003 wurde der Betrieb der „Königin der Lüfte“ eingestellt.

Nun kehrt das Thema Überschall im Passagierverkehr zurück an den Ort des Unglücks. Auf der Paris Air Show am Pariser Flughafen Le Bourget stellen Vertreter des US-Startups Boom und des 3D-Druck-Spezialisten Stratasys ihren Plan vor, ein neues Überschallflugzeug für den Passagiertransport zu entwickeln. Zwar geht es vordergründig um das Thema 3D-Druck und die Möglichkeiten, diesen in der Flugzeugfertigung einzusetzen. Die Firma Boom setzt in der geplanten Lieferkette für ihren superschnellen Jet stark auf diese neue Technologie. Aber noch spannender ist natürlich die Frage, ob ein neuer Überschalljet überhaupt eine Chance in der heutigen Luftfahrt haben wird.

Die schnelle Geschichte der Concorde

„Donnervogel“ geht 1969 erstmals in die Luft

Manche nannten sie „Donnervogel“, andere sprachen vom „fliegenden Kugelschreiber“ oder sogar von einer „Königin der Lüfte“. Am 2. März 1969 startete das Überschallflugzeug Concorde im französischen Toulouse zu seinem 29 Minuten langen Jungfernflug. Gut einen Monat danach, am 9. April, folgte der Erstflug des britischen Prototypen.

Fans von Technik begeistert

Die Concorde war von Anfang an umstritten. Ihre zahlreichen Fans waren von der Technik des 62,10 Meter langen Flugzeug mit einer Spannweite von nur 25,55 Meter und einer Höchstgeschwindigkeit von 2405 Stundenkilometern begeistert.

Krachmacherin und Kerosinschluckerin

Andere sahen in der Concorde eine Krachmacherin und Umweltverschmutzerin. So lag der Treibstoffverbrauch auf der Strecke Paris-New York bei 17 Litern pro 100 Passagierkilometern (bis zu 23.000 Liter Kerosin in der Stunde). Das Riesenflugzeug Airbus A380 dagegen fliegt im Bereich von drei Litern Treibstoff pro Passagier auf 100 Kilometer.

Geringe Reichweite war ein Problem

Der erste Linienflug der Concorde erfolgte am 21. Januar 1976 zwischen Paris und Rio de Janeiro. Nur wenig später wurde die Strecke Paris Caracas mit einem technischen Aufenthalt in Santa Maria gestartet. Doch beide Dienste wurden bereits am 1. April 1982 eingestellt. Die relativ geringe Reichweite der Concorde (6250 Kilometer) stellte ein Problem dar – sie machte bei Langstrecken zeitraubende Zwischenstopps notwendig.

Knall beim Durchbrechen der Schallmauer

Zudem war die Concorde besonders laut: Der charakteristische Knall beim Durchbrechen der Schallmauer führte dazu, dass die meisten Länder dem Jet nur eine Überfluggenehmigung für Geschwindigkeiten unter der Schallgrenze erteilte. So konnte der Pilot nach dem Start in Europa erst auf dem Atlantik richtig Gas geben. Das schränkte die Einsatzmöglichkeiten und den Zeitgewinn erheblich ein.

Queen und Papst gerne an Bord

Dennoch gab es zur Einsatzzeit kaum einen Staatsmann von Bedeutung, der nicht einmal mit einer Concorde flog. Stars und Sternchen waren Dauergäste, allen voran die Formel-1-Fahrer und die Tennisstars. Margaret Thatcher fühlte sich an Bord genauso wohl wie Queen Elizabeth oder Papst Johannes Paul II, der mit der französischen Concorde F-BTSC am 2. Mai 1989 von La Réunion nach Lusaka in Sambia flog.

In dreieinhalb Stunden bis nach New York

Wer zwischen 10 und 11 Uhr morgens Europa verließ, kam rechtzeitig zum Frühstück um 9 Uhr in New York an. Gewöhnlich dauerte ein Flug von Europa nach New York rund dreieinhalb Stunden. Manchmal ging es sogar noch schneller. Ganz selten wurde eine Flugzeit von unter drei Stunden erreicht. Das waren 30 Stunden weniger als Charles Lindbergh 1927 bei seiner berühmten Nordatlantiküberquerung benötigt hatte.

Überschwang selbst in Hannover

Der Überschwang der Euphorie steckte auch manche Kommune an. So schrieb 1985 die Geschäftsführung des Flughafens Hannover-Langenhagen zu den Planspielen in der niedersächsischen Landeshauptstadt für eine Verlängerung der Concorde-Verbindung New York­London nach Hannover an British Airways: „Nach unserer Ansicht ist der Flughafen für Hannover für diesen Zweck in Norddeutschland am besten geeignet.“

Absturz 2000 als Anfang vom Ende

Der Absturz einer Concorde der Air France am 25. Juli 2000 kurz nach dem Start in Paris, bei dem 113 Menschen ums Leben kamen, läutete das endgültige Aus für das auch als „schönsten Vogel der Welt“ bezeichnete Flugzeug ein. Zwar hob die Concorde nach umfangreichen technischen Nachrüstungen im November 2001 wieder ab, doch mangelnde Nachfrage besiegelte zwei Jahre später das Ende.

Endgültiges Aus 2003

Am 24. Oktober 2003 wurde das große Kapitel Concorde endgültig geschlossen. Beim letzten Flug einer Concorde der British Airways nach London wurde der „Donnervogel“ über dem Ärmelkanal von einem Verband der britischen Kunstflugstaffel Red Arrows begleitet.

Blake Scholl, der Gründer von Boom, ist fest davon überzeugt, dass dem so ist. Ab 2020 will er Fluggäste wieder mit Überschallgeschwindigkeit transportieren. „Wir werden zunächst mit Privatjets für etwa 45 Personen beginnen, doch dann wird sehr schnell die Diskussion beginnen, ob es nicht effizienter ist, auch mehr Passagiere zu befördern“, stellte Scholl seine Pläne im März auf der Musik- und Internetkonferenz „South by Southwest“ in Austin im US-Bundesstaat Texas vor.

Aus technologischer Sicht mögen solche Pläne keine unlösbare Aufgabe sein. Die eigentliche Herausforderung ist die Politik. Seit mehr als vier Jahrzehnten sind Flüge von zivilen Überschalljets in den USA verboten – wegen der Lärmbelästigung.

Scholl, selbst Pilot und Gründer der mittlerweile an Groupon verkauften Mobiltechnologiefirma Kima Labs, hält das aber von seinem Plan nicht ab. Der Chef von Boom Technology in Denver glaubt, dass die Regulierer angesichts der Effizienzvorteile der ultraschnellen Flüge ihre früheren Vorgaben lockern werden. Die seien sowieso völlig veraltet.

Mit dieser Meinung steht Scholl nicht alleine da. Eli Dourado vom Mercatus Center der George Mason Universität, ein Spezialist für Drohnen, Überschallflugzeuge und fliegende Autos, plädiert vehement dafür, die Vorgaben zu lockern. „Es ist doch enttäuschend, dass Überschallflugzeuge heute kaum schneller fliegen als die Concorde der 60er-Jahre“, sagt er. Der Grund in seinen Augen: Wegen des Banns dieser Flugzeuge gebe es kaum Unternehmer, die sich mit der Weiterentwicklung der Technologie beschäftigten. „Wir müssen diese Stagnation in der Geschwindigkeit beenden. Denn Geschwindigkeit verändert die Welt.“

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