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08.03.2017

11:36 Uhr

Gastbeitrag zur Digitalisierung

Alte Hierarchien haben ausgedient

VonGabriele Sons

Welche Auswirkungen haben Big Data und Vernetzung auf unsere tagtägliche Zusammenarbeit? Wir dürfen uns nicht an Bewährtem festklammern. Die Digitalisierung braucht auch eine Unternehmenskultur 4.0. Ein Gastbeitrag.

Gabriele Sons ist Vorstandsmitglied bei Thyssen-Krupp Elevator.

Die Autorin

Gabriele Sons ist Vorstandsmitglied bei Thyssen-Krupp Elevator.

Schöne neue Welt: Die Digitalisierung erreicht mit großen Schritten die Wirklichkeit und steht doch erst ganz am Anfang. Sie bietet uns zweifellos enorme Chancen, fordert aber auch Gestaltungswillen und Mut, denn wir stehen vor einer der größten und schnellsten Veränderungen unserer Zeit. Über allem steht die Frage: Welche Auswirkungen haben Big Data und Vernetzung für unsere Kolleginnen und Kollegen, Führungskräfte und die Unternehmenskultur – wie sieht die Arbeit von morgen aus?

Fest steht: Wir dürfen uns nicht an Bewährtem festklammern. Denn wer sich bedroht fühlt, sieht nicht mehr alles. Und wer zu euphorisch ist, will nicht mehr alles sehen. Richtig ist sicher auch: Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Im Zusammenspiel von Big Data und menschlichem Erfahrungsschatz liegt für mich der Schlüssel. Denn was ist eine Reihe von Ergebnissen ohne den Menschen, der die richtigen Schlüsse daraus zieht und sie dem Kunden vermittelt? Die Digitalisierung wird unserer Branche guttun, indem sie Arbeit leichter macht. Dazu zwei konkrete Beispiele:

In unserer Aufzugssparte entwickeln wir den „smarten“ Aufzug. Zukünftig senden Aufzugsanlagen, die wir in der Wartung haben – und davon gibt es weltweit über eine Million – rund um die Uhr Daten in die Cloud. Mit der Auswertung von Big Data mittels intelligenter Algorithmen erhalten wir Informationen über den Zustand der Anlagen und können reagieren, bevor der Kunde überhaupt merkt, dass es ein Problem gibt.

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Wir sehen in der Digitalisierung vielfältige Chancen im Hinblick auf demografische Herausforderungen. So kann der erfahrene, langjährig geschulte Monteur per Datenbrille seine Kenntnisse an junge Kollegen weitergeben – von jedem Ort der Welt, mit maßgeschneiderten Arbeitszeiten. So könnte ein Trainer in unserer Zentrale in Essen gleichzeitig Kollegen in Schanghai, Pittsburgh und Madrid anhand von 3D-Hologrammen schulen. Alle wären mit Mixed-Reality-Datenbrillen miteinander verbunden und würden auf Chinesisch, Englisch und Spanisch kommunizieren – simultan übersetzt dank fortschrittlicher Software. Im virtuellen Klassenzimmer könnte er einen Aufzug in seine Einzelteile zerlegen, für alle Teilnehmer in Originalgröße sichtbar und individuell konfigurierbar.

Vieles spricht dafür, dass sich Anforderungsprofile verändern und digital qualifizierte Fachkräfte zukünftig beste Karten haben. Es ist Aufgabe des Personalbereichs, sich dieser Herausforderung schnell zu stellen: Wir müssen als Old Economy attraktiv für Digital Natives werden und gleichzeitig unsere heutigen Belegschaften qualifizieren. Nicht jeder digitale Arbeitsplatz setzt ein IT-Studium voraus. Man kann einen erfahrenen Servicetechniker auch für die digitale Welt qualifizieren und damit echte Vorteile für Mitarbeiter und Unternehmen schaffen.

Häufig sehen wir Vorbehalte gegenüber der digitalen Zukunft. Unternehmen aber, die erfolgreich Ängste und Bedenken in positive Energie umlenken, werden in der digitalen Welt eine Vorreiterrolle einnehmen. Wir schaffen bewusst eine Unternehmenskultur, in der die Lust auf Neues dazugehört. Um die Einflüsse der digitalisierten Arbeitsumgebung gezielt in unsere Unternehmenskultur zu lenken, implementieren wir unsere virtuelle Lernstrategie.

Die Digitalisierung braucht Führungskräfte und Mitarbeiter, die zur Arbeit in dieser globalen, komplexen und schnellen Welt passen. Eine Welt, in der Wissen frei verfügbar ist und klassische Hierarchien ausgedient haben. Erfolgreich ist, wer weltweite Teams aus unterschiedlichsten Kulturen begeistern und wer Verantwortung teilen kann. Kommunikationsfähigkeiten und persönliche Werte sind dafür unerlässlich. Interkulturelle Netzwerke werden die klassischen Hierarchien ablösen und gewinnen massiv an Bedeutung. Wir werden mit der Entwicklung nur Schritt halten können, wenn lebenslanges Lernen vom Servicetechniker bis zum Geschäftsführer zur DNA des Unternehmens gehört.

Unterm Strich bedeutet das: Die Digitalisierung erfordert im Gleichtakt die Veränderung der Unternehmenskultur. Wir brauchen eben auch die Unternehmenskultur 4.0. Andernfalls arbeiten wir in nicht kompatiblen Systemen. Neben strategischen Zielen sind klare und verlässliche Werte eine Grundvoraussetzung für Führungskräfte und Mitarbeiter.

Wir brauchen eine Kultur, die es uns ermöglicht, die Digitalisierung als Chance wahrzunehmen. Eine Kultur, die Arbeit besser macht, die langfristig ausgerichtet ist und die Werte lebt.

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