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20.03.2017

12:05 Uhr

Gastkommentar

Plädoyer für eine Digitalverfassung

VonNicola Beer

In dieser Woche führt die Computermesse Cebit einmal mehr den rasanten digitalen Wandel vor Augen. Wie die Politik dabei Schritt halten kann. Ein Gastbeitrag von FDP-Generalsekretärin Nicola Beer.

Die neusten Trends in der Digitalisierung werden derzeit auf der Cebit gezeigt. dpa

Datenflut

Die neusten Trends in der Digitalisierung werden derzeit auf der Cebit gezeigt.

In dieser Woche erleben wir auf der Cebit, wie sich wieder einmal und schneller als je zuvor digitaler Wandel vollzieht. Dabei dreht sich alles um die Frage, wie technische Innovationen unser Leben verbessern und wie die Politik Schritt hält. In den 1980er Jahren haben sich Taxiunternehmen durch neu aufkommende Funkmietwagen bedrängt gefühlt und eine Rückkehrpflicht durchgesetzt. Diese führt noch heute dazu, dass Autos gesetzlich gezwungen werden, leer durch Städte zu fahren, weil sie neue Aufträge nur in der Zentrale entgegennehmen dürfen.

"Datenschutz neu denken"

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer

"Datenschutz neu denken"

Als Politiker können wir auf zwei Arten reagieren. Entweder, wir lassen die Regeln, wie sie sind, oder wir passen sie an das neue digitale Zeitalter an. Dies zeigt jedoch auch, wie Regelungen durch gesellschaftliche Neubewertungen wie Umweltschutz und moderne digitale Vermittler in Frage gestellt werden. Hier müssen wir für gleiche Wettbewerbsbedingungen sorgen, was bedeutet, dass Startups sich an Regeln zu halten haben und die traditionelle Wirtschaft von überholten Gesetzen entlastet werden muss.

Ein Beispiel für die digitale Beschleunigung ist Big Data. Diese neuen Datenmengen werden mit Systemen der Künstlichen Intelligenz analysiert und führen dazu, dass beispielsweise Investitionsentscheidungen datenbasierter getroffen werden können. Jedoch stellen sich auch neue Fragen des Datenschutzes: Wer darf über die im Internet der Dinge (IoT) anfallenden Sensordaten verfügen? Denn die in einer Industrie 4.0 anfallenden Daten nützen nicht nur dem Betrieb, sondern sind ebenso für Maschinenbauer und Servicetechniker von unschätzbarem Wert.

Gleiches gilt für die Daten, die in der Hausautomatisierung oder Smart Cities anfallen. Wir müssen Datenschutz neu denken: Die Unterscheidung in nur zwei Kategorien, nämlich schützenswerte persönliche Daten und nicht-persönliche Daten, ist nicht differenziert genug. Wir werden daher schnellstmöglich Rechtssicherheit für die Nutzungsbefugnis von IoT-Daten schaffen müssen.

Das sind die Trends der Cebit

Digitalisierung konkret

Bagger, die ohne menschliches Zutun gefährliche Stoffe bergen. Drohnen, die aus der Luft einen Schlot inspizieren. Und Sportschuhe, die für den Fuß des Läufers individuell gefertigt werden: Mit derartigen Szenarien will die Deutsche Messe die Besucher auf die Cebit (20.bis 24. März) in Hannover locken. Ziel sei es, „die digitale Transformation so konkret erlebbar wie möglich zu machen“, sagt Cheforganisator Oliver Frese. Abstrakte Themen wie Cloud-Computing oder das Internet der Dinge werden anfassbar. Zumindest für Geschäftsleute: Auf die konzentriert sich die Deutsche Messe AG als Ausrichter.

Abbild und Helfer

Drohnen und Roboter für den kommerziellen Einsatz sind ein Schwerpunkt der Technikmesse - ob als Unterstützung für Inspektionsarbeiten oder Zuarbeiter am Fließband. Das ist auch dem Partnerland Japan zu verdanken, wo humanoide Helfer bereits im Alltag der Menschen zum Einsatz kommen. Wie weit das eines Tages reichen könnte, wird Hiroshi Ishiguro in seinem Vortrag skizzieren: Der Popstar der japanischen Roboterforschung hat seinen eigenen Doppelgänger erschaffen.

Intelligente Hilfe

Kann der Mensch eines Tages sein Gehirn an einen Computer anschließen und Gedanken und Erinnerungen in der Cloud ablegen? Ray Kurzweil, Chefentwickler von Google, stellt in einem Vortrag diese Vision vor. Unabhängig von solchen Ausblicken geht es auf der Cebit darum, wie künstliche Intelligenz schon heute Firmen helfen kann. Ein System von SAP sortiert etwa Kundenanfragen automatisch vor und macht Vorschläge für Antworten. Konkurrent Salesforce will Vertriebsmitarbeiter mit künstlicher Intelligenz unterstützen. Auf der Messe dürften viele solcher Szenarien zu sehen sein.

Schutz vor Hackern

Whistleblower Edward Snowden meldet sich per Videoschalte. Und der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, steht auf der Bühne: Das Thema IT-Sicherheit spielt auf der Cebit traditionell eine wichtige Rolle. Je stärker die Vernetzung zunimmt, desto wichtiger wird der Schutz. Zunehmend in der Diskussion: Wie lassen sich neben Smartphones und Clouddiensten auch vernetzte Autos oder Roboter schützen?

Smarte Umgebung

Die Vernetzung der Welt erreicht selbst die Toiletten. Auf der Cebit stellt das Fraunhofer-Institut IIS gemeinsam mit dem Unternehmen CWS-Boco einen Seifenspender vor, in dem Sensoren automatisch den Füllstand an das Reinigungspersonal melden. Ob sich diese Lösung am Markt durchsetzt, ist offen. Doch sie zeigt: Das Internet der Dinge wird für immer mehr geschäftliche Zwecke genutzt. Die Boston Consulting Group (BCG) schätzt, dass der Markt bis 2020 um jährlich 20 Prozent auf 250 Milliarden Euro wachsen wird.

Brille für mehr Einblick

Datenbrillen für Virtual und Augmented Reality kommen in immer mehr Laboren und Fabriken zum Einsatz. Die Cebit widmet dem Trend eine halbe Halle. Zu sehen sind etwa Werkzeuge für die Prototyp-Entwicklung oder die Simulation von Herzoperationen.

Doch wo sollen die riesigen Datenmengen verarbeitet werden? Cloud Computing-Dienste werden in den USA weitaus günstiger angeboten, da die Energie dort billiger ist. Es besteht daher ein Bedarf für transatlantischen Datentransfer, doch fehlt es Bürgern und Unternehmen an Rechtssicherheit, da sehr zweifelhaft ist, ob das EU-US Privacy Shield, also das Safe-Harbor-Nachfolgeabkommen, den Vorgaben des Europäischen Gerichtshof im Schrems-Urteil genügt.

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