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23.03.2017

11:52 Uhr

Oculus Rift auf der Cebit

Virtuelles für den Massenmarkt

VonJohannes Steger

Auf der Cebit ist der Trend zur virtuellen Realität angekommen: Die lange belächelte Technologie verspricht enormes Marktpotenzial. Nicht nur Mark Zuckerberg glaubt daran, dass sie ganze Branchen verändern wird.

Viele Experten sehen gewaltiges Potenzial hinter den Datenbrillen. dpa

VR-Brille auf der Cebit

Viele Experten sehen gewaltiges Potenzial hinter den Datenbrillen.

HannoverDie Hände werden feucht. Beim Blick nach unten breitet sich ein flaues Gefühl im Magen aus. Ein unüberlegter Handgriff in eine Felsspalte, und es geht bergab: Der Aufprall ist hart. Zum Glück ist der Canyon, in dem hier geklettert wird, nicht real. Die zerklüftete Felswand ist virtuell – und Teil eines Spiels, das die Facebook-Tochter Oculus den Nutzern ihrer Datenbrille Rift bietet und auf der Cebit in Hannover präsentiert. Alles nur Spielerei?

Hinter dem virtuellen Canyon steckt eine Technologie, die lange nur als Hype abgetan wurde. Dabei sehen viele Experten gewaltiges Potenzial hinter den Datenbrillen. Facebook selbst schätzt in einer geförderten Studie, dass die Umsätze im Bereich virtuelle und erweiterte Realität von 2016 bis 2020 bis zu 24 Milliarden Dollar erreichen könnten. Auch das US-Marktforschungsunternehmen IDC erwartet, dass sich die Lieferungen von 10,1 Millionen VR-Brillen im Jahr 2016 auf bis zu 99,4 Millionen im Jahr 2021 erhöhen könnte. Das wäre nahezu eine Verzehnfachung.

Das sind die Trends der Cebit

Digitalisierung konkret

Bagger, die ohne menschliches Zutun gefährliche Stoffe bergen. Drohnen, die aus der Luft einen Schlot inspizieren. Und Sportschuhe, die für den Fuß des Läufers individuell gefertigt werden: Mit derartigen Szenarien will die Deutsche Messe die Besucher auf die Cebit (20.bis 24. März) in Hannover locken. Ziel sei es, „die digitale Transformation so konkret erlebbar wie möglich zu machen“, sagt Cheforganisator Oliver Frese. Abstrakte Themen wie Cloud-Computing oder das Internet der Dinge werden anfassbar. Zumindest für Geschäftsleute: Auf die konzentriert sich die Deutsche Messe AG als Ausrichter.

Abbild und Helfer

Drohnen und Roboter für den kommerziellen Einsatz sind ein Schwerpunkt der Technikmesse - ob als Unterstützung für Inspektionsarbeiten oder Zuarbeiter am Fließband. Das ist auch dem Partnerland Japan zu verdanken, wo humanoide Helfer bereits im Alltag der Menschen zum Einsatz kommen. Wie weit das eines Tages reichen könnte, wird Hiroshi Ishiguro in seinem Vortrag skizzieren: Der Popstar der japanischen Roboterforschung hat seinen eigenen Doppelgänger erschaffen.

Intelligente Hilfe

Kann der Mensch eines Tages sein Gehirn an einen Computer anschließen und Gedanken und Erinnerungen in der Cloud ablegen? Ray Kurzweil, Chefentwickler von Google, stellt in einem Vortrag diese Vision vor. Unabhängig von solchen Ausblicken geht es auf der Cebit darum, wie künstliche Intelligenz schon heute Firmen helfen kann. Ein System von SAP sortiert etwa Kundenanfragen automatisch vor und macht Vorschläge für Antworten. Konkurrent Salesforce will Vertriebsmitarbeiter mit künstlicher Intelligenz unterstützen. Auf der Messe dürften viele solcher Szenarien zu sehen sein.

Schutz vor Hackern

Whistleblower Edward Snowden meldet sich per Videoschalte. Und der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, steht auf der Bühne: Das Thema IT-Sicherheit spielt auf der Cebit traditionell eine wichtige Rolle. Je stärker die Vernetzung zunimmt, desto wichtiger wird der Schutz. Zunehmend in der Diskussion: Wie lassen sich neben Smartphones und Clouddiensten auch vernetzte Autos oder Roboter schützen?

Smarte Umgebung

Die Vernetzung der Welt erreicht selbst die Toiletten. Auf der Cebit stellt das Fraunhofer-Institut IIS gemeinsam mit dem Unternehmen CWS-Boco einen Seifenspender vor, in dem Sensoren automatisch den Füllstand an das Reinigungspersonal melden. Ob sich diese Lösung am Markt durchsetzt, ist offen. Doch sie zeigt: Das Internet der Dinge wird für immer mehr geschäftliche Zwecke genutzt. Die Boston Consulting Group (BCG) schätzt, dass der Markt bis 2020 um jährlich 20 Prozent auf 250 Milliarden Euro wachsen wird.

Brille für mehr Einblick

Datenbrillen für Virtual und Augmented Reality kommen in immer mehr Laboren und Fabriken zum Einsatz. Die Cebit widmet dem Trend eine halbe Halle. Zu sehen sind etwa Werkzeuge für die Prototyp-Entwicklung oder die Simulation von Herzoperationen.

In diesem zukunftsträchtigen Markt will nicht nur Facebook-Tochter Oculus Rift mitmischen. Konzerne wie Sony, Samsung, HTC Oculus haben VR-Brillen oder Headsets im Angebot. Bis September 2016 setzte Samsung weltweit 1,8 Millionen Stück seiner Gear VR ab, allein 200.000 in Deutschland. Auch eine Bitkom-Umfrage aus dem vergangenen Jahr belegt die Chancen: 41 Prozent der potenziellen Nutzer wollen vor allem Computer- und Videospiele in der virtuellen Realität zu erleben. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) kann sich vorstellen, Orte zu bereisen. Es folgen Musikkonzerte (23 Prozent), Filme (20 Prozent) und Sportereignisse (19 Prozent).

Nach dem virtuellen Canyon wird es ernst: Per Datenbrille taucht der Träger in die 3D-Ansicht einer Herzkammer ab. Dieses Herz ist krank, es hat ein Loch. In der Animation pulsiert das Organ, Blutkörperchen fliegen im Sichtfeld des Betrachters vorbei. Es ist genau dieses Herz, das zeigen soll: Hinter Virtual Reality steckt mehr als nur ein neues Spielfeld für Gamer und Tech-Freaks.

Animationen wie diese sollen, so Oculus, den Bildungsbereich radikal verändern. Denn eindringlicher als Lehrbuchbilder oder etwa Leichname soll die virtuelle Realität dabei helfen, einen lebendigen Körper zu untersuchen. Das „Stanford Virtual Heart“ entstand in Zusammenarbeit mit Oculus. Es soll dabei helfen, Mediziner auszubilden und Herzfehler aufzuklären.

Es ist nicht die einzige Kooperation, die Oculus vorantreibt: Zusammen mit Nasa, ESA und der kanadischen Weltraumagentur konzipierte man ein virtuelles Modell der Internationalen Raumstation ISS. Astronauten sollen damit schon auf der Erde ausgebildet werden Reparaturarbeiten durchzuführen. Der europäische Astronaut Thomas Pesquet soll die erste Rift zur ISS bringen.

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