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23.03.2017

19:09 Uhr

Technologiemesse vor Neustart

Kann die Cebit wieder cool werden?

VonChristof Kerkmann

In der schnelllebigen Technologie-Welt droht die Cebit den Anschluss zu verlieren. Ein neues Konzept soll das ändern. Doch den Organisatoren bleibt nur sehr wenig Zeit, um dieses mit Leben zu füllen. Eine Analyse.

Die deutsche Technologiemesse will sich im kommenden Jahr neu ausrichten. dpa

Telekom-Stand auf der Cebit

Die deutsche Technologiemesse will sich im kommenden Jahr neu ausrichten.

HannoverEs ist ein markiger Spruch. „Forget everything you know about Cebit“, heißt es auf einem Flyer, den die Deutsche Messe verteilen lässt: Besucher sollen alles vergessen, was sie über die Technologiemesse wissen. Mal wieder überarbeitet das Unternehmen das Konzept seiner wichtigsten Veranstaltung, dieses Mal aber radikal. Zum altbekannten Treffpunkt für Geschäftsleute soll ab 2018 ein Festival für die digitale Avantgarde hinzukommen. Unter die Krawattenträger sollen sich Kapuzenpulli-Liebhaber mischen. Die Cebit will cool werden.

Es ist richtig, dass die Deutsche Messe etwas Neues wagt. In der alten Form hat die Cebit keine Zukunft mehr. Viele Themen wie die umfassende Vernetzung decken alternative Veranstaltungen besser ab, und nicht zuletzt bieten sie mehr Flair. Die großen Aussteller stellen daher immer wieder ihre erheblichen Messebudgets infrage. So entscheidet die Deutsche Telekom über ihren Cebit-Auftritt neu.

Das sind die Trends der Cebit

Digitalisierung konkret

Bagger, die ohne menschliches Zutun gefährliche Stoffe bergen. Drohnen, die aus der Luft einen Schlot inspizieren. Und Sportschuhe, die für den Fuß des Läufers individuell gefertigt werden: Mit derartigen Szenarien will die Deutsche Messe die Besucher auf die Cebit (20.bis 24. März) in Hannover locken. Ziel sei es, „die digitale Transformation so konkret erlebbar wie möglich zu machen“, sagt Cheforganisator Oliver Frese. Abstrakte Themen wie Cloud-Computing oder das Internet der Dinge werden anfassbar. Zumindest für Geschäftsleute: Auf die konzentriert sich die Deutsche Messe AG als Ausrichter.

Abbild und Helfer

Drohnen und Roboter für den kommerziellen Einsatz sind ein Schwerpunkt der Technikmesse - ob als Unterstützung für Inspektionsarbeiten oder Zuarbeiter am Fließband. Das ist auch dem Partnerland Japan zu verdanken, wo humanoide Helfer bereits im Alltag der Menschen zum Einsatz kommen. Wie weit das eines Tages reichen könnte, wird Hiroshi Ishiguro in seinem Vortrag skizzieren: Der Popstar der japanischen Roboterforschung hat seinen eigenen Doppelgänger erschaffen.

Intelligente Hilfe

Kann der Mensch eines Tages sein Gehirn an einen Computer anschließen und Gedanken und Erinnerungen in der Cloud ablegen? Ray Kurzweil, Chefentwickler von Google, stellt in einem Vortrag diese Vision vor. Unabhängig von solchen Ausblicken geht es auf der Cebit darum, wie künstliche Intelligenz schon heute Firmen helfen kann. Ein System von SAP sortiert etwa Kundenanfragen automatisch vor und macht Vorschläge für Antworten. Konkurrent Salesforce will Vertriebsmitarbeiter mit künstlicher Intelligenz unterstützen. Auf der Messe dürften viele solcher Szenarien zu sehen sein.

Schutz vor Hackern

Whistleblower Edward Snowden meldet sich per Videoschalte. Und der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, steht auf der Bühne: Das Thema IT-Sicherheit spielt auf der Cebit traditionell eine wichtige Rolle. Je stärker die Vernetzung zunimmt, desto wichtiger wird der Schutz. Zunehmend in der Diskussion: Wie lassen sich neben Smartphones und Clouddiensten auch vernetzte Autos oder Roboter schützen?

Smarte Umgebung

Die Vernetzung der Welt erreicht selbst die Toiletten. Auf der Cebit stellt das Fraunhofer-Institut IIS gemeinsam mit dem Unternehmen CWS-Boco einen Seifenspender vor, in dem Sensoren automatisch den Füllstand an das Reinigungspersonal melden. Ob sich diese Lösung am Markt durchsetzt, ist offen. Doch sie zeigt: Das Internet der Dinge wird für immer mehr geschäftliche Zwecke genutzt. Die Boston Consulting Group (BCG) schätzt, dass der Markt bis 2020 um jährlich 20 Prozent auf 250 Milliarden Euro wachsen wird.

Brille für mehr Einblick

Datenbrillen für Virtual und Augmented Reality kommen in immer mehr Laboren und Fabriken zum Einsatz. Die Cebit widmet dem Trend eine halbe Halle. Zu sehen sind etwa Werkzeuge für die Prototyp-Entwicklung oder die Simulation von Herzoperationen.

Die Deutsche Messe geht jedoch ein gehöriges Risiko ein: Sie will zwei Dinge vereinbaren, die nur bedingt zusammenpassen. Der Plan kann grandios gelingen, aber auch grandios scheitern.

Die Cebit war einmal der Hotspot der Technologiewelt. Microsoft-Mitgründer Bill Gates elektrisierte 1995 die Massen, Nokia präsentierte 1999 vor der internationalen Presse neue Handys mit Internetzugang. In den Hochzeiten schoben sich 800.000 Besucher über das Gelände in Hannover. Einige langjährige Besucher schwärmen noch heute davon, die Taxifahrer in der Stadt sowieso.

Oculus Rift auf der Cebit: Virtuelles für den Massenmarkt

Oculus Rift auf der Cebit

Virtuelles für den Massenmarkt

Auf der Cebit ist der Trend zur virtuellen Realität angekommen: Die lange belächelte Technologie verspricht enormes Marktpotenzial. Nicht nur Mark Zuckerberg glaubt daran, dass sie ganze Branchen verändern wird.

Doch die Technikwelt ist schnelllebig – und so wie Microsoft und Nokia wichtige Trends verpassten, tat es auch die Cebit. Heute konkurrieren allein im Frühjahr vier Großveranstaltungen um die Aufmerksamkeit der technikaffinen Besucher und die Budgets der Aussteller: die Consumer Electronics Show in Las Vegas, der Mobile World Congress in Barcelona, die Hannover Messe und zunehmend auch das Festival South by Southwest in Austin. Die Cebit ist doppelt eingeklemmt, terminlich und inhaltlich. Hinzu kommt: Die anderen Veranstaltungen bieten attraktivere Standorte, ein buntes Rahmenprogramm oder zumindest milderes Wetter.

Insofern ist es konsequent, dass die Deutsche Messe das Konzept verändert. Der neue Plan sieht vor, die Cebit in drei Schwerpunkte mit eigenen Marken zu unterteilen: erstens einen Treffpunkt für Geschäftsleute, wo es wie bislang schon zu Vertragsabschlüssen kommt; zweitens ein Konferenzprogramm, das die Diskussion über die Folgen der Digitalisierung bündelt und auch politisch relevant sein soll; und drittens ein Technikfestival, auf dem sich Gründer und Forscher treffen, aber auch Konzerte ein breites Publikum anlocken sollen.

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